
Welche Faktoren bestimmen, wie lange ein Mensch lebt? Wissenschaftler kommen der Antwort näher – und zeigen, dass Gene die Lebenserwartung stärker prägen als bislang gedacht. Sie widerlegen damit viele bisherigen Annahmen.
In Deutschland leben Frauen durchschnittlich 84 Jahre. Männer sterben mit 79 Jahren deutlich früher. Doch wovon ist abhängig, wie lange ein Mensch lebt? Bisherige Studien gingen davon aus, dass die Gene etwa 25 Prozent der Lebenserwartung bestimmen. Allerdings gelten diese Forschungsergebnisse als angreifbar.
Ein Forscherteam des King’s College kritisiert, dass die bisherigen Untersuchungen keine Angaben darüber machen, woran die Teilnehmer gestorben waren. Die Wissenschaftler führten eine eigene Studie durch – und kamen zu einem ganz anderen Ergebnis.
Die Forschungsergebnisse wurden kürzlich im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht. Für die Untersuchung haben die Forscher Daten aus drei skandinavischen Studien ausgewertet, die die Lebenserwartung bei Zwillingen untersuchte. Dabei wurden knapp 14.000 Geschwisterpaare analysiert, die zwischen 1870 und 1935 geboren wurden und mindestens 15 Jahre alt wurden. Das Team kontrollierte die Ergebnisse mit einer US-amerikanischen Kohorte von Geschwistern Hundertjähriger.
Das Problem bei einer solchen Erhebung: Ein tödlicher Unfall sagt wenig über die eigentliche Lebenserwartung aus, da es sich um einen äußeren Einfluss handelt. Um festzustellen, ob die Vorfahren ein langes Leben vererben, müsse klar sein, woran sie starben. Die Forscher unterscheiden die Todesursache in intrinsische und extrinsische Todesursachen.
Die körperliche Alterung oder eine genetische Mutation sind natürliche biologische Prozesse, die ein Leben beenden können – beide Todesursachen haben ihren Ursprung im Körper und zählen zur intrinsischen Kategorie. Extrinsische Ursachen sind Einflüsse von außen. Dazu zählen Unfälle, Infektionskrankheiten oder Tötungen.
Intrinsische und extrinsische Todesursachen
Das Forschungsteam kommt zu dem Ergebnis, dass zu 50 Prozent genetische Faktoren die Lebensdauer bestimmen, sofern Todesfälle durch Unfälle oder andere äußere Einflüsse ausgeklammert werden. „Dies ist grundsätzlich nicht überraschend, da die maximale Lebensspanne von Säugetieren genetisch bedingt ist: Mäuse leben nur wenige Jahre, andere Arten wie der Grönlandwal jedoch bis zu 200 Jahre“, wird Chiara Herzog in einer Mitteilung zitiert.
Sie ist Arbeitsgruppenleiterin am Department für Zwillingsforschung am King’s College. Diese artenbedingten Unterschiede ließen sich nicht allein durch Umwelt oder Lebensstil erklären, da selbst unter optimalen Bedingungen eine artspezifische Obergrenze besteht – auch unter besten Haltungsbedingungen könne eine Maus nach heutigem Kenntnisstand keine 200 Jahre alt werden.
Innerhalb der biologischen Grenzen gebe es jedoch auch Spielraum: „Zwillingsstudien zeigen seit Langem, dass selbst eineiige Zwillinge mit identischer Genetik im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Erkrankungen entwickeln können – und diese Unterschiede mit zunehmendem Alter größer werden“, so Herzog. Und weiter: „Zudem variiert die Vererblichkeit altersassoziierter Erkrankungen deutlich: während Krebserkrankungen eine vergleichsweise geringe Vererblichkeit von 30 Prozent aufweisen, ist sie bei kardiovaskulären Erkrankungen oder Demenz deutlich höher.“
Steve Hoffmann ist Professor für Computergestützte Biologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er schätzt die Studie als wertvoll ein, warnt aber vor vorschnellen Schlüssen: „Die vorliegende Schätzung ist lediglich ein Anhaltspunkt für eine durchschnittliche Vererbbarkeit der Lebensspanne. Ob dieser Anteil nun bei 25 Prozent oder bei 50 Prozent liegt, der Einfluss nicht-erblicher Faktoren bleibt auch nach dieser Schätzung hoch.“
Der Biologe weist auf eine Schwäche hin, die von den Forschern nicht berücksichtigt wurde: „In der Realität können genetische und externe Faktoren auch zusammenwirken – sowohl in förderlicher als auch nachteiliger Weise.“
Im Großen und Ganzen weisen die Wissenschaftler darauf hin, dass jeder Mensch mit seiner individuellen Genetik geboren werde. Daher sei es nur möglich, andere Faktoren wie Sport und eine gesunde Ernährung in das Leben zu integrieren und so das Leben zu verlängern.
