

Schon vor der Öffnung des schwarzen Gittertors zum Borissowo-Friedhof im Südosten von Moskau warten am Montagmorgen Dutzende Menschen darauf, Blumen an einem Grab gleich hinter dem Eingang rechts niederzulegen. Dort ruht seit bald zwei Jahren Alexej Nawalnyj, der mit seinem Kampf gegen Korruption, für wirkliche Wahlen und politischen Wandel der wichtigste Widersacher des russischen Dauerherrschers Wladimir Putin war.
Das bleibt Nawalnyj, den ein Schwarz-Weiß-Foto auf dem Grab mit skeptischem Blick zeigt, in gewisser Weise auch über seinen Tod im Straflager von Charp nördlich des Polarkreises hinaus, der sich am Montag zum zweiten Mal jährt und spätestens seit Samstag als Ermordung bezeichnet werden kann. Da haben die Regierungen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, der Niederlande und Schwedens gemeinsam erklärt, dass Nawalnyj im Gefängnis mit Epibatidin vergiftet worden sei. Das Nervengift wird in der Natur von einer in Ecuador heimischen Pfeilgiftfroschart, dem Dreistreifen-Baumsteiger, produziert, kann aber auch synthetisch hergestellt werden, wie Moskauer Wissenschaftler des Staatlichen Forschungsinstituts für Organische Chemie und Technologie in einem Artikel von 2013 dargelegt haben. Darin heißt es laut dem exilrussischen Portal Agenstwo, die Substanz wirke als Schmerzmittel stärker als Morphium, sei aber hochgiftig, „was die Möglichkeit zur therapeutischen Anwendung begrenzt“. Das Institut wird auch mit der Entwicklung von Nowitschok verbunden und ist daher schon nach Nawalnyjs Vergiftung mit diesem Nervengift im Jahr 2020 von der EU und den USA mit Sanktionen belegt worden.
Harte Urteile gegen Nawalnyj-Unterstützer
Nawalnyjs Grab ist längst zu einer Pilgerstätte für Russen geworden, die mit Putins Politik und dem Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht einverstanden sind. Das macht den Besuch dort riskant. Laut russischen Medien sind am Montag neben den Wachleuten eines Subunternehmens der Nationalgarde auch Mitarbeiter des Zentrums für Extremismusbekämpfung vor Ort und filmen die Besucher. Zusätzlich zu den Kameras, die den Friedhof ohnehin überwachen. Auch über den Tod hinaus gilt Nawalnyj den Machthabern als „Extremist und Terrorist“. Mitstreiter, Anwälte und Journalisten sind wegen einer Verbindung zu Nawalnyj zu Haftstrafen verurteilt worden und sitzen weiter in Straflagern ein. Andere sind im Rahmen des Austauschs mit westlichen Staaten vom 1. August 2024 freigekommen und nun im Exil.
Wie gefährlich jedes Engagement in Russland geworden ist, zeigt, dass just am Montag ein Gericht in der Teilrepublik Mari El am Mittellauf der Wolga den Aktivisten Sergej Mamajew zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt; er hatte an Nawalnyj erinnert und an einer Protestaktion teilgenommen, als Putin sich gut einen Monat nach der Ermordung des Gefangenen mit einer Scheinwahl im Präsidentenamt bestätigen ließ. Ebenfalls am Montag verurteilt ein Gericht in Moskau den Unternehmer Jewgenij Tschitschwarkin, einen prominenten Nawalnyj-Unterstützer, zu neun Jahren Haft unter anderem wegen „Falschnachrichten“ über die Invasoren der Ukraine – indes in Abwesenheit, Tschitschwarkin lebt in London.
Zum Grab auf dem Borissowo-Friedhof bringen Besucher währenddessen zahlreiche Blumen und Gestecke, eines auch im Namen der inhaftierten Journalistin Antonina Faworskaja. Manche legen Botschaften dazu, die von der andauernden Strahlkraft des Politikers künden, ihm für seinen „Kampf gegen das Böse“ danken und versprechen, ihn nie zu vergessen. Auch Diplomaten kommen, laut Berichten russischer Telegram-Kanäle solche aus Deutschland, Italien, Spanien, Polen und Lettland. Nawalnyjs Mutter Ljudmila Nawalnaja legt Blumen nieder, ebenso die Mutter von Nawalnyjs Witwe. Letztere, Julija Nawalnaja, hatte Putin am Samstag während der Sicherheitskonferenz in München, wo sie vor zwei Jahren die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhalten hatte, neuerlich für den Mord verantwortlich gemacht. Offen lassen Nawalnyjs exilierte Mitstreiter, wie die Proben, die nun im Westen untersucht worden sind, dem Leichnam trotz umfangreicher Abschirmung durch das Regime entnommen und außer Landes geschafft worden sind. „Die Auftraggeber“ des Mordes kenne „die ganze Welt“, sagt Ljudmila Nawalnaja am Grab laut dem Kanal Sota. „Wir wollen aber jeden kennenlernen, der daran beteiligt war.“
An die Eingangstür zum Wohnblock im Stadtteil Marino unweit des Borissowo-Friedhofs, in dem Alexej und Julija Nawalnyj mit ihren beiden Kindern lebten, klebt jemand zwei Nelken und ein Pappschild zum Gedenken an den berühmten Bewohner. In etlichen anderen russischen Städten werden am Montag Blumen und Botschaften an Gedenkorten für die Opfer politischer Verfolgung niedergelegt. Putins Sprecher weist derweil die multinationale Erklärung zur Vergiftung des Politikers als „voreingenommen und auf gar nichts gegründet“ zurück, und die Staatspropaganda verbreitet wie stets in solchen Fällen viele Geschichten, denen allein gemein ist, dass das Regime für nichts verantwortlich sei und der Westen mit den Vorwürfen bloß von anderen Sachverhalten ablenken und Russland schaden wolle.
