

Finnlands Staatspräsident Alexander Stubb hat international Aufmerksamkeit als ein Mann gefunden, der es versteht, mit Donald Trump zu sprechen. Stubbs Ruhe und Abgeklärtheit, ein Studium der Politikwissenschaft in den Vereinigten Staaten, seine reiche Regierungserfahrung in Finnland sowie frühere Tätigkeiten als Europaabgeordneter, als Wissenschaftler in Florenz und als Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank qualifizieren ihn zur Beurteilung aktueller internationaler Themen. Erst vor wenigen Tagen warnte er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte und Polens Staatspräsidenten Karol Nawrocki die Europäer davor, voreilig Abschied von der NATO und vom Konzept eines aus Nordamerika, Europa und weiteren Demokratien gebildeten Westens – er spricht vom globalen Westen – zu nehmen.
In einem aktuellen, kompakt und eindringlich geschriebenen Buch entwirft Stubb eine Weltordnung, in der in einem Dreieck der Macht ein globaler Westen und ein globaler Osten um gute Beziehungen zum globalen Süden wetteifern. Aus wirtschaftlicher Sicht bleibt die Führung des Westens mit einem Anteil von rund 50 Prozent an der globalen Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) gegenüber jeweils rund 25 Prozent für den Osten und den Süden unangefochten.
Aber Stubb hält dem Westen einen Spiegel vor, in dem nicht nur die Spannungen zwischen dem Amerika Trumps und den anderen Nationen einen ungünstigen Eindruck hinterlassen. Aus seiner Sicht hat der Westen auf seinen Sieg im Systemwettbewerb mit dem östlichen Sozialismus vor gut 35 Jahren zu arrogant reagiert, sich geopolitisch übernommen (Irak und Afghanistan) und eine Globalisierung gefördert, die zwar insgesamt einen erheblichen Wohlstand schuf, der allerdings sehr ungleich verteilt ist und der von internationalen Finanz- und Wirtschaftskrisen begleitet wurde.
China führt den Osten
„Die Vereinigten Staaten, die endlich alle Schlüssel für globalen Einfluss erworben hatten, schafften es nicht, am Steuer zu bleiben. Ihre Finanzkrise griff weltweit auf die Volkswirtschaften über. Die Eurokrise brachte die Europäische Union durcheinander; sie verstrickte sich in interne Streitigkeiten darüber, wer die Rechnung bezahlen sollte“, schreibt Stubb. „Von außen betrachtet, wirkte der globale Westen arrogant, inkonsequent und oft widersprüchlich. Zusammenarbeit war in Ordnung, solange sie den westlichen Normen entsprach. Solidarität war notwendig, solange sie zu Hause keine Unannehmlichkeiten verursachte. Und internationale Regeln waren wichtig, solange sie den Interessen des Westens nicht im Wege standen.“ Schließlich habe der Rest der Welt dem Westen den Rücken zugekehrt.
Im Osten fasst Stubb China, Russland, den Iran und Nordkorea sowie meist ärmere Autokratien in anderen Weltgegenden zusammen, die traditionell enge Beziehungen zu Peking oder Moskau unterhalten. „Diese Gruppe unterscheidet sich hinsichtlich ihrer Geografie, Demografie, Wirtschaft, Politik, Technologie, Geschichte und Kultur“, analysiert der Autor. „Sie sind sich jedoch einig in ihrer Ablehnung der aktuellen liberalen Weltordnung und der Hegemonie des globalen Westens, vor allem der Vereinigten Staaten. Und die meisten von ihnen begrüßen eine multipolare Welt, angeführt von Großmächten wie China und Russland und deren Einflusssphären.“
In der Führungsrolle sieht Stubb eindeutig China: Im Jahre 1990 übertraf Russlands Wirtschaftsleistung die chinesische um mehr als 40 Prozent. Heute übertrifft Chinas Wirtschaft die russische um das Zehnfache. Anders als Russland wird China als eine langfristig strategisch agierende, wirtschaftlich beeindruckende Macht geschildert. Aber Stubb weiß aus der Vergangenheit, dass Autokratien weniger stabil sein können, als sie nach außen erscheinen.
„Das heutige Russland ist ein korrupter Ölstaat“
Als Nachbarn Russlands kennen die Finnen aus ihrer eigenen Geschichte die Gefährlichkeit Moskaus auch – oder vielleicht gerade – in Zeiten der Schwäche. „Das heutige Russland ist ein schlecht organisierter, ineffizienter und im Wesentlichen korrupter Ölstaat, dessen öffentlicher Haushalt zu 30 bis 50 Prozent aus Öl- und Gasexporten gespeist wird“, schreibt Stubb. „Die eng verbundene Elite kann ihre Positionen nur durch Loyalität gegenüber dem derzeitigen Staatspräsidenten sichern. Dieses System mag kurzfristig Stärke gewähren, ist aber langfristig eine Schwäche.“
Mit dem globalen Süden verbindet der Autor mehr als 100 Länder, in denen zwar mehr als 60 Prozent der Weltbevölkerung leben, die aber nur rund ein Viertel zur Wirtschaftsleistung der Welt beisteuern. Zu den bedeutenderen Ländern zählen Indien, Saudi-Arabien, Brasilien, Südafrika und Nigeria.
Der Süden sei alles andere als monolithisch, schreibt Stubb. „Aber sowohl gemeinsam als auch einzeln haben diese Staaten ihr wirtschaftliches Gewicht und ihre politische Stimme verstärkt. Die meisten sehen Vorteile darin, die alte (sie würden sagen: westliche) Ordnung zu schwächen“, fährt der Autor fort. „Angesichts der sich wandelnden geopolitischen Verhältnisse sehen die Länder des globalen Südens eine Chance, ihren Einfluss geltend zu machen und mit einer neuen Unabhängigkeit vom Westen zu agieren.“
Der Westen sollte nach Stubbs Ansicht versuchen, im Geiste eines „wertebasierten Realismus“ seine Beziehungen zum Süden zu stärken. Dabei müsse der Westen allerdings darauf verzichten, den Süden über die Demokratie und seine Wertvorstellungen belehren zu wollen. „Internationale Liberale wie ich treffen oft zwei unzutreffende Annahmen über demokratischen Fortschritt. Die erste besagt, dass die Demokratie eine Art selbstverständlichen Fortschritt in der menschlichen Natur darstelle. Das tut sie nicht“, räumt Stubb ein. „Die zweite Annahme lautet, dass jedermann die Demokratie als beste Regierungsform betrachtet.“ Auch dies sei unzutreffend; im Süden würden oft Wirtschaftswachstum und Wohlstand eine bedeutendere Rolle spielen.
Der Westen müsse verstehen, dass für ihn wichtige Themen, Stubb nennt den Krieg in der Ukraine, im Süden weniger wichtig seien. Und schließlich sollte eine größere Rolle des Südens in internationalen Organisationen wie dem UN-Sicherheitsrat oder dem Währungsfonds und der Weltbank akzeptiert werden. „Wenn die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und ihre Partner eine internationale Führungsrolle anstreben, müssen sie mit gutem Beispiel vorangehen“, betont der Autor.
Der kanadische Premierminister Mark Carney hat sich in Davos weitaus kritischer zur transatlantischen Zusammenarbeit als Stubb geäußert. Aber auch Carney sieht in einer engeren Zusammenarbeit mit Ländern aus dem Süden eine Chance. Solange sich Europa nicht in der Lage sieht, Handelsabkommen mit Ländern aus dem Süden unter Dach und Fach zu bekommen, sieht es allerdings trübe aus.
