Album „This Music May Contain Hope“ von Raye: Gute Laune mit Tiefgang

Als die britische Sängerin Raye vergangenes Jahr ihrer Tour mit dem Titel „This Tour May Contain New Music“ ankündigte, war sofort klar: Es wird nicht nur ein neues Album der 28-jährigen Künstlerin geben, sondern auch die Möglichkeit, einige Songs davon vorab live zu erleben – eine Chance, die viele Fans in Ekstase versetzte.

Denn mit ihrem zweiten Studioalbum „This Music May Contain Hope“, das heute veröffentlicht wird, schlägt Raye ein neues Kapitel auf, und zwar eines, das sich bewusst von der Düsternis ihres Debütalbums „My 21st Century Blues“ entfernt. Wobei auch Rayes neue Songs dessen emotionale Tiefe beibehalten. In den Songtexten entwirft die britische Singer-Songwriterin eine fragile Welt, Situationen, die zwischen Verletzlichkeit, Selbstreflexion und vorsichtiger Hoffnung schwanken. Der Titel ist dabei Programm: Die Musik ruft weniger nach Hilfe, als, dass sie die HörerInnen hoffnungsvoll umarmt.

Gegliedert ist „This Music May Contain Hope“ in vier Kapitel gemäß den Jahreszeiten, die jeweils eine Phase emotionaler Entwicklung symbolisieren – vom Zweifel und Schmerz des Herbstes über die introspektive Kälte des Winters bis hin zu der hoffnungsvollen Aufhellung von Frühling und Sommer.

Der Geisteszustand

Diese dramaturgische Form fühlt sich eher wie eine Reise durch die Biografie und die Vergangenheit der Sängerin an als eine bloße Sammlung neuer Songs. Raye sagt über ihr neues Album, dass sie es aus einem „gesünderen Geisteszustand“ ihres Selbst geschaffen und zunächst nur für sich komponiert habe. Ein Gedanke, der sich – durch viele ihrer Songtexte zieht. Ihr Song „Nightingale Lane“ erzählt vom ersten Herzschmerz – allerdings ohne dabei ins Melodramatische abzurutschen. Denn die Zeilen „Somebody loved me once / And someday, somebody will again“ wirken schon fast trotzig optimistisch.

Raye

„This Music May Contain Hope“ (Human Re-Sources/SPV/The Orchard)

Musikalisch bleibt die Sängerin ihrer Vorliebe für Genre-Mischungen treu, erweitert ihre Palette jedoch deutlich. Jazz, Soul, orchestraler Pop und zeitgenössische R&B-Elemente verschmelzen zu einem Soundbild, das gleichermaßen nostalgisch, wie amtlich wirkt. Mit ihrem Nummer-eins-Hit „Where Is My Husband!“ zeigt sie erneut ihre Liebe zu opulenten Bigband-Arrangements und dramatischem Storytelling. Mit ihrem Song „Nightingale Lane“ schafft sie einmal mehr, die Möglichkeit ihren beeindruckenden Stimmumfang in Gänze zu demonstrieren.

Viele Fans erinnert die Musik von Raye an Amy Winehouse. Das mag nicht nur an der Retro-Inszenierung liegen, sondern auch an den souligen Vibes im modernen Sound. Der Vergleich zielt dabei ganz klar auf die Musik ab – und flirtet nicht mit dem Desaster von Amy Winehouse’ Tod und ihren persönlichen Schwierigkeiten. Von ihrer rauchigen Stimme und ihrer besonderen Art, beinahe gesprochen Geschichten zu erzählen, über catchy Pophoopklines, zu denen man einfach tanzen will, bis hin zu Opernelementen, die einem die Luft anhalten lassen. Raye ist – ähnlich wie Winehouse – ein Allround-Talent. Sie schafft es auch mit ihrem neuen Album, die Hörerin in Staunen zu versetzen.

Auch die Auswahl an hochkarätigen Gästen verblüfft, sowohl der in Hollywood lebende deutsche Filmkomponist Hans Zimmer als auch US-Southernsoulsänger Al Green unterstützen die britische Künstlerin bei ihrem Projekt und unterstreichen den ambitionierten Charakter des Albums.

Begabte Schwestern

Dazu Rayes Schwestern Absolutely und Amma, die sie musikalisch belgeiten – denn ein Album von Raye ohne die Mitwirkung ihrer gleichfalls begabten Schwestern wäre zwar möglich, aber schwer vorstellbar. Absolutely veröffentlichte erst kürzlich ihr zweites Album „Paracosm“, das stilistisch zwischen Jazz, Elektronik und R&B pendelt – musikalisches Talent ist in dieser Familie offenbar keine knappe Ressource.

Bei Raye selbst liegt der Fokus immer auf ihrer Stimme, auf den Geschichten in den Songs und einem Gespür für dramatische Arrangements. Denn am Ende ist dieses Album weniger ein radikaler Neuanfang als eine Weiterentwicklung. Raye baut auf den Stärken ihres Debüts auf: Kompromisslose Texte und außergewöhnliche Gesangsdarbietungen – und richtet den Blick gleichzeitig nach vorn. Wenn „My 21st Century Blues“ Musik zum Überleben war, dann ist „This Music May Contain Hope“ Musik zum Weiterleben.