Bei Filmen bestimmter Genres gehören Überraschungen nur eingeschränkt zu dem, was Fans von ihnen erwarten. Actionthriller mit dem Schauspieler Jason Statham dürften darunterfallen. Der auf lakonische Einzelgänger spezialisierte Star macht bei seiner jüngsten Rolle in „Shelter“ unter der Regie von Ric Roman Waugh keine große Ausnahme. Doch ein bisschen anders liegen die Dinge schon, und das in gutem Sinn.
„Shelter“ modifiziert das Muster der Geheimdienst-Verschwörungsstreifen, bei denen ein Agent ins Visier seines eigenen Arbeitgebers gerät, nur gering: Topagent fällt wegen eines Fehltritts in Ungnade, muss sich verstecken, fliegt auf und wird gnadenlos gejagt. „Shelter“ bietet all das einschließlich einer Leistungsschau heutiger Überwachungsmöglichkeiten, die sich dank Smartphones bieten.
So weit, so vertraut. Gleichwohl setzt er schon zu Beginn einen anderen Akzent. Da sitzt dieser Agent, Michael Mason, einsam auf einer ansonsten unbewohnten Insel der Äußeren Hebriden vor der schottischen Küste. Rauer Fels, peitschende Wellen. Der vorhandene Leuchtturm dient bloß noch als Ausguck, seinen Betrieb hat er schon lange eingestellt. Masons einzige Gesellschaft ist ein Hund. Einmal die Woche kommt ein Trawler mit Verpflegung, der Kapitän, gleichfalls mürrisch, verstärkt von seiner Nichte Jessie. Der Kontakt ist minimal, sie setzt per Ruderboot zur Insel über, stellt die Vorräte am Strand ab. Mason bleibt stets auf Abstand.
„Shelter“. Regie: Ric Roman Waugh. Mit Jason Statham, Bodhi Rae Breathnach u.a. Vereinigtes Königreich 2026, 103 Min.
Ein Ereignis, das mit den Unwägbarkeiten des Meeres zu tun hat, lässt Jessie auf der Insel stranden. Der schweigsame Mason versucht, seinen gewohnten Betrieb mit ihr als ungebetenem Gast fortzusetzen. Nach und nach entwickelt sich eine Beziehung, die man als eine Art diplomatischen Umgang bezeichnen könnte.
Team wider willen
Die Teenagerin Bodhi Rae Breathnach, neben einem kleinen Part in Chloé Zhaos „Hamnet“ in ihrer zweiten Filmrolle überhaupt, lässt bei dieser Jessie zwischen verängstigt, trotzig und schutzbedürftig souverän allerlei Facetten durchscheinen, die das Kammerspiel, als das der Film beginnt, unerwartet offen erscheinen lassen.
Von dieser beengten Konstellation aus erweitert „Shelter“ dann nach und nach sein Personal und das Territorium, das man mit Mason und Jessie erkundet. Denn Jessie ist verletzt und braucht medizinische Versorgung. Masons Ausflug ans Festland, um Einkäufe zu machen, setzt erwartungsgemäß eine Reihe von Geheimdienstaktivitäten in Gang, die das ungleiche Duo zum Team wider Willen machen.
Parallel entspinnt sich der erforderliche Konspirationsplot, bei dem Mitarbeiter des MI6 an Bildschirmen sitzen und per Direktübertragung von Handybildern den flüchtigen Mason und Jessie aufzuspüren versuchen. Man muss nicht paranoid sein, um diese Form der Spionage, ein Gratisservice der Kommunikationstechnik, für recht realistisch zu halten. Optisch inszeniert Waugh das als scharfen Kontrast von weitgehend unberührter Natur einerseits und kühler Hightech-Innenarchitektur der zudem vorwiegend virtuell arbeitenden Nachrichtendienstler andererseits.
Mason wird im weiteren Verlauf jedoch viel direkten Kontakt mit Agenten im Feldeinsatz haben. Wie „Shelter“ dabei die Figur Jessies in die Geschichte einbaut, liefert einige seiner gelungensten Überraschungen. Zudem sorgt die Frage, wer beim MI6 genau wen überwacht, für weitere abrupte Wendungen.
Auch sein eigentliches Hauptthema des Agenten mit Gewissen, das seine Achillesferse wird, variiert der Film geschickt. Wer sich übrigens beim Altersunterschied der Hauptfiguren an den Klassiker „Léon – Der Profi“ erinnert fühlen sollte, kann beruhigt sein: Den pädophilen Unterton, wie er sich in Luc Bessons Erfolgsfilm findet, vermeidet Ric Roman Waugh mehr als elegant.
Ein weiterer Vorzug von „Shelter“ ist seine Liebe zum Handwerk. Die Actionszenen kommen, was einen weiteren ästhetischen Gegensatz zum computerbasierten Arbeiten des MI6 bildet, überwiegend ohne spektakuläre technische Spezialeffekte aus. In den Nahkämpfen schlägt sich Jason Statham wie immer bestens und mit vollem Körpereinsatz, bei Verfolgungsjagden mit dem Auto kommen so schlichte Dinge wie Bodenwellen in unebenem Gelände als actionfördernde Störfaktoren zum Einsatz.
Und mit Naomie Ackie als Geheimdienstchefin hat Waugh eine Gegenspielerin, die ungeachtet ihres Figurennamens Roberta Frost über einen intakten moralischen Kompass verfügt. Mit ihr hätte man gern noch mehr Szenen gesehen.
