Achtung, liebe Singles aller Generationen, ganz heißer Tipp aus Los Angeles: Wenn ihr Leute kennenlernen wollt, geht doch einfach mal raus! Abends in eine Kneipe oder ins Café um die Ecke zum Jazz-Frühstück. Vielleicht trifft man wen mit ähnlichem Musikgeschmack. Vibe ist chill, es funkt, man verknüpft sich fürs Näher-Beschnuppern. Mit bisschen Abstand aber, also Whatsapp-Chat, Insta-DM, Snap-Connect. Wenn Leute ab 40 rufen: „Moment mal, so haben wir uns bis in die Spät-90er kennengelernt!“ Ganz richtig, war ganz genau so damals: Treffen, Telefonnummer, Beschnuppern beim Anruf. Es ist aber auch die nagelneue Strategie von Datingportal Tinder – und deshalb Symbol für den Zustand der Datingportale. Eines der vielen Kinder, die von der Digitalrevolution gerade akut vom Aufgefressenwerden bedroht sind.
Bequem war das: Das Portal, das einem beim Kennenlernen nicht alle vier Sinne geraubt hat, es gab ja nur Sehen – und dann die Ja-Nein-Entscheidung des Wischens nach links oder rechts. Tinder, Spiegel der Gesellschaft und Katalysator für psychologische Abhandlungen – und eine Gelddruckmaschine. Auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im Sommer 2021 war der Mutterkonzern Match.com mehr als 40 Milliarden Dollar wert – aktuell sind es nur noch etwas mehr als sieben Milliarden.
In der Zeit dazwischen ist mehr passiert als nur toxisches Online-Dating, als berühmtestes Beispiel sei an den „Tinder Swindler“ erinnert: Ein Mann lockte Frauen über Dating-Apps in sein vermeintlich luxuriöses Leben und zockte sie ab. Oder die außergerichtliche 60,5-Millionen-Dollar-Einigung wegen Altersdiskriminierung beim Bezahlservice. Oder der Kandidat fürs Gouverneursamt in Florida, der auf Tinder war mit der Begründung, er wolle „junge weibliche Wähler da treffen, wo sie seien“.
Tinder zeigt: Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass – es ist Gleichgültigkeit, dass einem was völlig schnuppe ist. Und wenn es dafür inzwischen sogar einen Namen gibt, wird es kritisch: „Swipe Fatigue“ heißt der Wisch-Burn-out der Jüngeren. 79 Prozent der sogenannten Gen Z (zwischen 1997 und 2012 geboren) gaben in einer Forbes-Umfrage im Sommer 2025 an, „Dating-App-Burn-out“ zu haben. War ganz schön, aber jetzt treffen sich die jungen Leute eben wieder mit allen Sinnen. Im wirklichen Leben. Ohne Filter und geschönte Vita. Kennenlernen im Park zum Beispiel, Beschnuppern auf Snap, erstes Date.
Braucht man sie also nicht mehr, Tinder und alle anderen Dating-Apps? Oder doch?
„Wir versuchen, jüngere Nutzer dort zu erreichen, wo sie sind“, sagt Tinder-Produkt-Vizechefin Hillary Paine beim „Sparks Day“ Mitte März, wo alle Neuerungen vorgestellt werden. Sparks bedeutet Funken. Es soll also der Tinder-Funke neu entfacht werden bei den 75 Millionen monatlich aktiven Nutzern. Nur die Friseurbranche kennt mehr Wortspiele als die Dating-Industrie.
Funken also. Mit Begegnungen im echten Leben, weil sich die Leute wieder im echten Leben begegnen. In der Pilotstadt Los Angeles von Mai an: In angesagten Clubs, bei interessanten Events tragen Tinder-Singles Armbänder. Beim Funkensprühen verbindet man sich auf dem Portal. Schüchterne können auch hinterher Kontakt zu Angebeteten aufnehmen – so die das möchten. Das Bayern-Dorfkind ergänzt: Wer sich an Ampelpartys der 90er (grünes Band: single. Rot: vergeben) oder Kennenlern-Discos erinnert oder die Dirndl-Schleife-Positionen deuten kann: Ja, so ähnlich.
Sicherheit für die Nutzer hat inzwischen höchste Priorität
Sicherheit wird von Tinder beim Funkensprühen ganz großgeschrieben, zu Recht, angesichts der erwähnten toxischen Erfahrungen, gerade für Frauen. Auffällig ist, bei der Begegnung mit Reportern ist kein einziges Mal von männlichen Nutzern die Rede, was einer australischen Kollegin auffällt.
Sie haben die richtigen Maßnahmen eingeleitet bei Tinder, nachdem sie Gesellschaft und Markt analysiert und 50 Millionen Dollar in die Produktentwicklung investiert haben. Yoel Roth zum Beispiel, Chef der Abteilung Trust and Safety (Vertrauen und Sicherheit), dürfte die Galionsfigur weltweit für Plattformen-Sicherheit sein. Er hatte diesen Posten im Mai 2020 bei Twitter inne, als dort zum ersten Mal ein unangemessener Eintrag Donald Trumps mit dem Inaccurate-Label versehen wurde. Nach der Übernahme durch Elon Musk hörte Roth im November 2022 auf, begründete die Entscheidung in einem wuchtigen Essay in der New York Times und ist seitdem nicht gut auf Musk zu sprechen – und der nicht auf ihn.
Seit zwei Jahren ist Roth beim Tinder-Mutterkonzern Match, Ehepartner Nicholas Madsen hat er einst auf einem Datingportal kennengelernt. Tolle Story – aus Prä-Covid- und damit Prä-Glanz-Zeiten für Match. These: Würde heute so nicht auf Tinder passieren.
„All meine Bekanntschaften, mit Ausnahme von zwei, habe ich auf Dating-Plattformen getroffen. Mit meinem jetzigen Ehemann habe ich vor der ersten Verabredung im echten Leben sechs Monate lang auf der Plattform geschrieben“, sagt er: „Wir haben Gemeinsames gesucht.“ Genau das könne man jetzt auf Tinder tun, sagt er. Nicht nur mit dem Klassiker Musik („Music Mode“ mit bis zu 20 Liedern vom Portal Spotify), sondern etwa mit dem Trend-Thema Astrologie: Leben und leben lassen, sagen sie bei Tinder. Und wer das Leben lenken lässt durch Konstellationen von Sonne, Mond und Sternen, und darüber den Partner wählt: Es gab schon schlimmere Kriterien in der Geschichte der Partnerwahl als den „Astrology Mode“ bei Tinder.
Tinder hat 50 Millionen Dollar in eine Marktanalyse investiert
Im Gegenteil: Man freut sich über Erfolge von Maßnahmen wie den „Are you sure?“-Einwand des KI-Bots. Muss man sich vorstellen wie den besten Freund, der einen vorm Abschicken einer Nachricht mal lieber warnt: Willst du das echt genau so schreiben? Daten zeigen: Nach dem ersten „Are you sure?“ ändert etwa ein Fünftel der Ermahnten die Nachricht, immerhin. Die interessantere Erkenntnis: Kein Erst-Ermahnter hat laut Roth eine zweite Bist-du-sicher-Warnung gekriegt, ein erstaunlicher Lerneffekt. Wenn KI hilft, Fake-Accounts und Fake-Fotos zu identifizieren, und die KI-Agenten Learning und Chemistry eine personalisierte, vielleicht gar persönliche Matchmaking-Erfahrung erstellen, dann ist das eine tolle Idee, aber jetzt auch nicht einzigartig-disruptiv-weltverändernd.
Sie haben perfekt analysiert bei Tinder und das 50-Millionen-Dollar-Investment vom Mutterkonzern Match im August perfekt umgesetzt. Warum aber stieg die Match-Aktie am Freitag, dem Tag nach der Sparks-Vorstellung, kurz um drei Prozent und liegt mittlerweile wieder auf dem Niveau von davor? Wenn das der Funke gewesen sein sollte: Das Feuerwerk an der Börse, der Zünder für Tinder, er blieb aus.
Der Grund dafür: Tinder hat auch analysiert, was es tun könnte, um relevant zu bleiben. So wie sich analoge Firmen zu Beginn der Digitalrevolution an „Adapt or Die“ – also anpassen oder sterben – versuchten. Und gescheitert sind, weil sie in der Gegenwart überleben und nicht in der Zukunft glänzen wollten. Nun sind es die Pioniere der Digitalrevolution, die aufgrund von Gegenbewegungen im wirklichen Leben und der Tech-Evolution durch künstliche Intelligenz um Relevanz und damit ihr Überleben kämpfen. Begriffen wie „Swipe“ dürfte wie „Tweet“ oder „Twittern“ ein Platz in der Revolution-Ruhmeshalle sicher sein, aber: Tinder muss bei seiner eigenen Evolution das Swipen reduzieren, vielleicht sogar ganz loswerden – der Abschied vom revolutionären Alleinstellungsmerkmal.
Die richtigen Maßnahmen offenbaren das tatsächliche Tinder- und damit Dating-App-Problem: wie wenig das gesellschaftsprägende Alleinstellungsmerkmal noch gebraucht wird. Gegenwärtig bedeutet es für Tinder keine Panik, Match verbuchte im vergangenen Quartal 240 Millionen Dollar Gewinn bei 878 Millionen Dollar Umsatz. Was es aber bedeutet, und das sollte Panik auslösen: Tinder ist nichts mehr, worüber man leidenschaftlich debattiert. Kein Trendsetter für eine komplette Generation, im Gegenteil: Es folgt den Bedürfnissen der nächsten Nutzergeneration und ist somit erwachsen. Oder einfach nur noch Mainstream.
