Tennis: Jan Lennard Struff ist der deutsche Dauerbrenner – Sport

Patrik Kühnen ist grundsätzlich ein freundlicher Mensch, aber wenn er auf Jan-Lennard Struff zu sprechen kommt, gerät er gar ins Schwärmen. „Für mich war es selbstverständlich, dass Struffi eine Wildcard bekommt“, setzte der Turnierdirektor des Münchner ATP-Tennisturniers an, das an diesem Wochenende mit dem Qualifikationsfeld beim MTTC Iphitos beginnt. Und Kühnen war kaum mehr zu bremsen: „Nicht nur, weil er Turniersieger hier war bei den BMW Open. Sondern, weil er sich als deutscher Spieler in seiner ganzen Karriere verdient gemacht hat. Er hat immer seinen Mann gestanden. Im Davis Cup hat er immer die deutsche Fahne hochgehalten. Er ist ein toller Spieler, der schon viele schwierige Phasen durchgestanden hat.“ So ist es.

Jan-Lennard Struff, in zwei Wochen 36 Jahre alt, ist ein unauffälliger und doch besonderer Akteur im deutschen Männertennis. Er hat jahrelang die Nationalmannschaft zusammengehalten, stand immer, anders als Alexander Zverev, bereit, hat sie vor Abstiegen bewahrt. Der 1,93 Meter lange Athlet dient zudem als Beispiel dafür, wie man sich trotz Verletzungsphasen und Formkrisen auf der höchsten Profiserie, der ATP Tour, lange behauptet. 2009 bestritt er sein Profidebüt. Auch diesbezüglich verteilt Kühnen, der dreimal zu Boris Beckers und Michael Stichs Zeiten den Davis Cup gewann, höchstes Lob: „Ich erinnere nur an das Jahr 2025. Da ist er zur Qualifikation der US Open gereist, ist durch die Quali gegangen, hat ein überragendes Turnier gespielt und erst in der vierten Runde gegen Novak Djokovic verloren. Oder Ende der Saison ist er nach Lyon gefahren, um ein Challenger zu spielen und mit einem Sieg dort noch den Cut für die Australian Open zu schaffen. Das ist Struffi! Der steht auf! Der fightet!“

Zurzeit ist Struff 78. der Weltrangliste, mit dieser Platzierung hatte er es in München nicht ins Hauptfeld geschafft, der Cut lag bei Platz 54. Nur jene, die besser standen, rutschten direkt ins Tableau. Aber dem Dauerbrenner Struff, auch dies ist eine Anerkennung seines zuverlässigen Schaffens, wurde eine Wildcard, ein freier Startplatz, zuteil. Die anderen Wildcards erhielten die Talente Justin Engel, 18, aus Nürnberg und der Belgier Alexander Blockx, 21. Diese Anschubhilfe kann der Warsteiner, Vater zweier Kinder, auch gebrauchen, er ist mal wieder schlecht in die Saison gestartet. Die Zeitspirale, in der der Schauspieler Bill Murray in dem Klassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“ steckte, kennt Struff nur zu gut. Zwar reiste er nun nicht ganz so schlimm wie im vergangenen Jahr von Niederlagen gebeutelt nach München. Aber nur ein paar Siege in Qualifikationsmatches sowie bloß eine gewonnene Hauptrundenpartie zehren an ihm. „Das Selbstverständnis fehlt so ein bisschen“, gibt er zu. In Panik gerät Struff nicht (das passiert höchstens, wenn sein geliebter BVB dreimal in Serie verliert).

Dieter Kindlmann trainiert nun Justin Engel, das größte Talent im deutschen Männertennis

„Es hilft natürlich, dass man viele Dinge in der Karriere schon durchlebt hat“, sagt er am Freitag bei der ersten Pressekonferenz des Münchner Turniers. „So eine Situation fühlt sich generell nicht gut an. Das ist einfach normal. Der Umgang damit ist das Wichtige.“ Sein Rezept? „Ich arbeite hart. Ich bin viel im Gym, ich bin viel laufen. Ich spiele viel und versuche, mir das Selbstverständnis wieder zu erarbeiten.“

Dass Talent eine gute Basis ist, aber kontinuierliches, fokussiertes Arbeiten im Grunde viel wichtiger, muss der Aufsteiger Engel aktuell erfahren. Der Franke gilt als größte Hoffnung der deutschen Tennismänner, doch in seinem Umfeld herrschte bis vor Kurzem viel Unruhe.  Trainerwechsel standen an, er zog nach Monte-Carlo, und mit seinem Vater, lange sein erster Förderer, arbeitet er dem Vernehmen nach nicht mehr eng zusammen. In der Weltrangliste ist Engel 186., das ist respektabel, zumal sonst weit und breit keine deutschen Talente in den Top 200 zu finden sind. Aber Engel stagniert in diesem Bereich wiederum seit Längerem. Der frühere Profi Dieter Kindlmann, der einst bei Maria Scharapowa als Hitting Partner anfing und Angelique Kerber trainierte, soll seine Leistungen stabilisieren.

Dass sich Geduld auszahlt, auch dies belegt Struff. Selbst in schwierigen Phasen im vergangenen Jahr hielt er an seinem erfahrenen Trainer Markus Wislsperger fest. Sie stellten nicht gleich alles infrage. Sondern werkelten geduldig an „Stellschrauben“, wie Struff erklärt. Er ist sich sicher, dass er auch diese Saison zum Besseren wird wenden können. Wie lange er sich dieses Herankämpfen noch antun wolle? Ohne lange zu überlegen, sagt Struff: „Solange das Feuer noch da ist, und das Feuer ist da. Als ich klein war, habe ich davon geträumt, hier zu stehen, zu spielen, und irgendwann ist es ja mal vorbei. Solange möchte man das noch genießen. Im Hier und Jetzt.“