Erziehung: Gleichberechtigung vorleben – Gesellschaft

Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

manche Absurdität wird einem erst so richtig bewusst, wenn man versucht, sie Kindern zu erklären. Mir ging es vor ein paar Wochen so, als ich mit meiner sechsjährigen Tochter die Kindernachrichtensendung „Logo!“guckte. Es war Weltfrauentag und zu Demobildern aus Deutschland, der Türkei und Mexiko erzählte eine Reporterin, dass Frauen nicht überall auf der Welt die gleichen Rechte haben wie Männer. Und dass die Gleichberechtigung hierzulande zwar in der Verfassung steht, Frauen aber trotzdem oft benachteiligt werden.

Während eine Infografik zur Lohnlücke eingeblendet wurde, sah ich meine Tochter an. Sie guckte fern, wie Kinder nun mal ferngucken: Vollkommen aufgesogen vom Geschehen auf dem Bildschirm. Inwiefern sie das Gesagte auf sich bezog, war schwer zu erkennen. Frauen und Männer, das sind für Sechsjährige ja eher alte Leute.

Trotzdem drückte ich die Pausetaste und wir unterhielten uns kurz. Ich wollte sichergehen, dass ihr der Beitrag nicht zu schaffen machte und sie sich am Ende nicht aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt fühlte. Denn das wäre doch – eben – absurd!

Zwei Wochen später veröffentlichte der Spiegel seine Titelgeschichte über Collien Fernandes und Christian Ulmen. So furchtbar die Vorwürfe gegen Ulmen sind, so dankbar bin ich für die Debatte, die wir seitdem führen. Nicht nur Männer in meinem persönlichen Umfeld sprechen zum ersten Mal ernsthaft über ihre Verantwortung, was mangelnde Gleichberechtigung und Gewalt gegen Frauen angeht. Auch auf größerer Bühne gibt es solche Gespräche. Etwa im Buch Zwei der SZ vom vergangenen Wochenende (SZ plus), das selbst dann noch spannende neue Perspektiven liefert, wenn man schon viel zum Thema gelesen hat – und das ich ihnen deshalb ans Herz legen möchte.

Ein Teil der aktuellen Debatte dreht sich auch um die Frage, wie Eltern ihre Söhne zu besseren Männern erziehen können. Meine ehemalige Kollegin Barbara Vorsamer hat schon vor knapp zehn Jahren einen Text dazu geschrieben, der mir in Erinnerung geblieben ist. Die für mich wichtigste Erkenntnis: Es reicht nicht, den Kindern immer wieder zu sagen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind – man muss es ihnen auch vorleben. Und selbst wenn man eine klassische Rollenverteilung pflegt, hilft es, wenn die Lohnarbeit des Vaters in der Familie nicht als wichtiger bewertet wird als die Haus- und Sorgearbeit der Mutter.

Gute Vorbilder sind natürlich auch außerhalb der Familie wichtig. Umso mehr habe ich mich über die „Logo!“-Sendung vergangene Woche gefreut. Es ging um die Artemis-2-Rakete, in der vier Menschen den Mond umrunden. Drei Männer und eine Frau. „Cool“, sagte meine Tochter, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. Ich hatte nichts hinzuzufügen.

Ein schönes Wochenende wünscht

Felicitas Kock