

Campobasso
Für die Menschen in Petacciato sind die Bewegungen der Erde in ihrem Ort kein neues Phänomen: Der Hang in dem Gebiet in der Region Molise in Süditalien gilt seit langem als instabil. Erdbewegungen wurden dort in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder registriert. Zuletzt war es ruhig, doch Unwetter mit heftigen Regenfällen haben die Erde Anfang der Woche wieder in Bewegung gesetzt und einen großflächigen Erdrutsch reaktiviert.
Seit 1906 gab es in der 3.500-Einwohner-Gemeinde an der Adriaküste mehr als ein Dutzend Erdrutsch-Episoden. „Hier sind wir alle mit dem Erdrutsch aufgewachsen“, sagt Rosa Marcucci aus Petacciato der Zeitung „Corriere della Sera“. Das gehe schon seit Jahren so. „Er bleibt 10 bis 15 Jahre ruhig und setzt sich dann wieder in Bewegung“, versucht sie das Phänomen zu erklären. „Ich bin 75 Jahre alt, und das erste Mal habe ich ihn als Kind gesehen.“
Risse im Asphalt, verbogene Bahngleise
Am Dienstagmorgen war es wieder so weit. Die Erde setzte sich langsam in Bewegung und rückte in Richtung Meer vor. Risse in Straßen, verbogene Bahngleise sowie eine abgesunkene Erdfront waren die Folge. Wichtige Verkehrsverbindungen mussten vorübergehend gesperrt werden.
Ein Abschnitt der Autobahn A14, die den Norden Italiens mit dem äußersten Südosten des Landes verbindet, war vorerst auf beiden Seiten komplett gesperrt. Die Autobahn verläuft parallel zu einer Bahntrasse, die ebenfalls gesperrt werden musste. Die Regierung in Rom sprach von einem „faktisch in zwei Teile geteilten“ Italien. Denn wegen einer bereits zuvor eingestürzten Brücke ist auch eine weitere parallel zum Meer laufende Staatsstraße gesperrt.
Autobahn und Bahnstrecke wieder freigegeben
Inzwischen hat sich die Lage wieder beruhigt. Sowohl die Autobahn als auch die Bahnstrecke sind inzwischen wieder geöffnet. Zivilschutzchef Fabio Ciciliano gab zumindest im Hinblick auf die Dynamik des Erdrutsches Entwarnung.
Die Regierung in Rom rief am Donnerstagabend unter anderem für die Region Molise angesichts der schweren Unwetter und ihrer Auswirkungen den Notstand aus. Dies ist nach Naturereignissen oder -katastrophen ein gängiges Vorgehen. Dabei geht es vor allem darum, bürokratische Hürden für rasche Aufräumarbeiten aus dem Weg zu räumen und Gelder schneller freizumachen.
Bei einem Erdrutsch stellt man sich meist eine Front vor, von der Gestein und Erde herabstürzen oder herunterhängen – so wie im Januar in dem Ort Niscemi auf Sizilien, von wo aus die Bilder von Wohnhäusern am Abgrund, abgerissenen Straßen und lose heraushängenden Leitungen um die Welt gingen. Der Erdrutsch von Petacciato ist jedoch großflächiger und damit schwerer zu erkennen, außerdem bewegte sich die Erde langsam und nicht ruckhaft.
Erdmaterial des Gebietes ist tückisch
Der Geologe Francesco Fiorillo bezeichnet die Aktivität des Erdrutsches in Petacciato als besonders. „Seine Geschichte zeigt, dass es Aktivierungsphasen gibt, die von 10 bis 15 Jahren Stillstand unterbrochen werden. Die Phase der Reaktivierung dauert einige Stunden, höchstens ein oder zwei Tage, und dann kommt er wieder zum Stillstand“, sagt Fiorillo dem „Corriere della Sera“.
Das betroffene Gebiet erstreckt sich etwa vier Kilometer vom Norden der Gemeinde bis zum Meer. Die Landfläche besteht nach Angaben von Fiorillo aus einem älteren Fachartikel zu der Situation in Petacciato (2003) aus einer tief reichenden Tonschicht, über die sich im Laufe von Jahrtausenden härtere Sand- und Kiesschichten abgelagert haben. Auf der obersten, festeren Schicht wurde die Gemeinde Petacciato demnach über die Zeit errichtet und aufgebaut.
Die Tonschichten am Fuß des Hangs haben allerdings eine tückische Eigenschaft: Sobald sie Wasser aufnehmen, verlieren sie ihre eigentliche Festigkeit und werden zähflüssig. In Verbindung mit dem Gefälle des Geländes hin zum Meer kann dies die Reaktivierung von Erdrutschen begünstigen.
Kann ein Spezial-System die nächste Reaktivierung verhindern?
Die starken Regenfälle der vergangenen Wochen und Tage werden also wahrscheinlich ihren Beitrag zu der jüngsten Reaktivierung des Erdrutsches geleistet haben. Aber nicht nur: Nach Angaben von Experten hängt die Reaktivierung auch von der Wassermenge ab, die sich in einer gesamten Saison durch Regenfälle über die Zeit im Untergrund angesammelt hat. Die jüngsten Unwetter könnten sprichwörtlich das Fass zum Überlaufen gebracht haben.
„Erdrutsche dieser Größenordnung lassen sich nicht aufhalten. Man muss mit ihnen leben“, sagte der Präsident des Nationalen Instituts für Ozeanografie und experimentelle Geophysik (OGS) Nicola Casagli bei einer Anhörung im Rathaus von Petacciato. „Man kann das Risiko verringern, man kann damit leben, aber man kann es nicht lösen.“ Komplex sei die Situation in dem Gebiet vor allem, weil es sich um einen Erdrutsch mit mehreren Schichten handelt, so Casagli.
Eine Möglichkeit, das Risiko zu mindern, könnte jedoch ein anderswo erprobtes spezielles System zur Stabilisierung des Erdmaterials mit Brunnen sein, meinen Experten. Dabei werden große Brunnen in der Erde errichtet, die das Wasser sammeln und letztlich ableiten. So soll verhindert werden, dass sich Wasser staut und der Erdrutsch erneut in Bewegung gerät.
Für die Einwohner von Petacciato war die jüngste Reaktivierung des Erdrutsches fast schon absehbar. Marcucci erzählte dem „Corriere della Sera“, sie habe sich bei dem jüngsten heftigen Regen schon gedacht: „Es regnet zu viel, in diesen Tagen wird der Erdrutsch wieder aufwachen – und tatsächlich.“
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