
Bin ich relaxt. Ein aus den Nullerjahren noch sachte bekanntes Gefühl bemächtigt sich meiner, beruhigt den Puls, imprägniert mein ganzes Gesicht, noch ein paar mehr solcher Tage, und ich sehe bald so strahlend aus wie der männliche CEO eines kalifornischen KI-Unternehmens. Keine Spur mehr von der Rushhour des Lebens, dem Gehetze zwischen Kind und Haus und Arbeit, diese humorlose Version meiner selbst habe ich irgendwo im eisernen März zurückgelassen, wo sie hoffentlich verrottet und nie wieder Wäsche wäscht. Die Renitenz einer Vierjährigen beim morgendlichen Anziehen nehme ich hin wie ein Fakir sein Nagelbrett. Streit um die richtige Dosis von Osterhasenglukose im Blut ebenso. Karius und Baktus? Tangieren mich nicht. Bin ich relaxt.
Ist es das, was passiert, wenn man langsam aus dem Gröbsten raus ist, wie es immer so bittersüß heißt? Kann nicht sein, denn der Elternalltag hört ja nicht plötzlich einfach auf, grob zu sein. Ich glaube, das erzählt man sich nur, um bis zum 18. Geburtstag der Kinder durchzuhalten, oder noch länger. Also: Liegt mein Stimmungsumschwung an der Abwesenheit von Winter, um nicht Frühling zu sagen? Am Licht, das jetzt auch abends noch da ist? An der in diesem Jahr ausgebliebenen Mieterhöhung? Nein, ich bin voll im Großeltern-Bliss.
Großeltern-Bliss, das ist der Zustand der Seelenruhe, der sich einstellt, wenn man als Kleinfamilie vier Tage über Ostern mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Bahn ins gut 600 Kilometer entfernte Ostwestfalen fährt, um mal länger als 6.30 Uhr zu schlafen und das Kind dort von Personen betreuen zu lassen, die nicht so runtergewirtschaftet sind. Menschen über 70, die mehr Energie haben als man selbst und die meine Tochter augenblicklich vergessen lassen, dass sie noch eine müde Mutter und einen müden Vater hat. Helden namens Oma und Opa, die eigentlich alles besser können.
Großeltern seien der Gamechanger, sagte eine gute Freundin von mir mal zu jener Zeit, als alle paar Wochen ein Kind in unserem Freundeskreis geboren wurde. Was sie damit eigentlich meinte: Wer Großeltern vor Ort hat, hat die Kontrolle über sein Leben nicht verloren. Anders als die vielen Menschen in ihren späten Dreißigern und frühen Vierzigern in meinem Radius, die irgendwann für Studium oder Ausbildung in andere Städte und Länder zogen, ab und zu in die Heimat fuhren und ihre Eltern erst wieder dann schmerzlich vermissten, als sie plötzlich eigene Kinder hatten und einen Babysitter brauchten, der nicht 20 Euro die Stunde nimmt.
Dafür schlafe ich gerne im ehemaligen Kinderzimmer meines Freundes auf einem Ausziehsofa und interpretiere die Signalstörungen auf dem Hin- und dem Rückweg als kosmische Übung in Impulskontrolle. Sehe meiner Tochter an, wie gut es ihr tut, andere erwachsene Bezugspersonen um sich zu haben, die nicht wir sind. Die Dinge anders handhaben. Fahre in einem Zug wieder nach Hause, der kurz hinter Hannover „teilgeräumt“ werden muss, und werfe mich am nächsten Morgen vor meiner noch verschlafenen Tochter auf die Knie, dass sie sich bitte, bitte, bitte die Hose anzieht, weil ich gleich einen Termin habe. Erwähnte ich schon, wie relaxt ich bin?
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.
