Erdrutsch in Italien: Wie der Hang in Bewegung kam – Wissen

Nachdem an der süditalienischen Adriaküste ein gewaltiger historischer Erdrutsch erwacht ist, warnen Experten, dass es noch lange dauern wird, bis sich der Untergrund stabilisiert. Auf einer Strecke von rund zwei Kilometern war die Erde am Dienstag abgesackt. Straßen wie die wichtige Verkehrsader A14 und die Bahnlinie von Pescara nach Bari wurden unterbrochen. Italien wurde dadurch „faktisch in zwei Teile geteilt“, wie es in einer Mitteilung aus dem Amtssitz von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hieß.

Inzwischen gibt es für einige Straßenabschnitte eine Umleitung, der Bahnverkehr soll am Freitag teilweise wieder aufgenommen werden. Aber noch kommt der Hang nicht zur Ruhe.

Aus der Gemeinde Petacciato in der Region Molise seien als Vorsichtsmaßnahme bereits etwa 50 Menschen in Sicherheit gebracht worden, sagte der Chef des italienischen Zivilschutzes, Fabio Ciciliano, am Mittwoch. Der Erdrutsch stehe derzeit nicht still, sondern bewege sich, erklärte er weiter.

Die Lage bezeichnete Ciciliano als komplex. Sie werde einige Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern. Der Hang in dem Gebiet gilt seit Langem als instabil. Erdbewegungen wurden dort immer wieder registriert. Nun habe sich der Erdrutsch aber nach Unwettern „reaktiviert“, wenn auch langsam, so Ciciliano.

Petacciato aus der Luft.
Petacciato aus der Luft. Vigili del Fuoco/via REUTERS

Der Erdrutsch war in den vergangenen hundert Jahren zehnmal aktiv, also etwa alle zehn Jahre, wie Geologe Nicola Casagli vom Nationalen Ozeanografie- und Geophysikinstitut OGS in einer Pressekonferenz erklärte. Das Meer nage an der Basis der Gegend. Und von oben kommt nach Regenfällen wie an den vergangenen Tagen durch sehr durchlässige, sandige, kiesige Bodenschichten ein steter Zustrom an Wasser auf die tonhaltigen Schichten im Untergrund. Das führt zu Instabilität – vermutlich, wie Casagli schätzt, bis in eine Tiefe von rund 80 Metern.

Dass solche tiefen Erdrutsche lange inaktiv bleiben, ist laut dem Erdrutsch-Experten Ugur Öztürk von der Universität Wien und dem Geoforschungszentrum Potsdam nicht ungewöhnlich. „Bei solchen komplexen und tiefen Hangrutschungen kann die Bewegung sehr langsam sein. Über Jahre oder Jahrzehnte passiert nichts, und dann geht es wieder los, das ist typisch.“

Der tonhaltige Boden sackt ab, wenn zu viel Wasser hineinfließt.
Der tonhaltige Boden sackt ab, wenn zu viel Wasser hineinfließt. Vigili del Fuoco/via REUTERS

Der Auslöser dafür ist schlicht das Regenwasser. „Wasser wirkt als Schmiermittel und senkt die Reibung“, sagt Öztürk. Es füllt die feinen Poren im Ton und macht ihn dadurch instabil. „So kann nach starken Regenfällen wie in diesem Fall der ganze Hang wieder in Bewegung kommen.“

Erdrutsche gehören zu den zerstörerischsten Naturgefahren, sie fordern jährlich Tausende Todesopfer und verursachen Schäden in Milliardenhöhe. Besonders häufig sind tödliche Erdrutsche in Gebieten, in denen sich die Landnutzung stark verändert hat, etwa durch zunehmende Landwirtschaft. Das jedenfalls legt eine Studie nahe, die Öztürk mit Kollegen erst am Mittwoch in Science Advances veröffentlicht hat.

In diesen Daten sticht gerade Italien etwas heraus: Aufgrund seiner Geografie ist dort die Gefahr für Hangrutschungen die höchste in ganz Europa, und zudem hat sich die Landnutzung im Vergleich zu anderen europäischen Staaten besonders stark verändert. „Gemessen daran kommen erstaunlich wenige Menschen zu Schaden“, sagt Öztürk. „Das deutet darauf hin, dass das Management wirklich gut ist.“

Denn ändern kann man nichts daran, dass Gebiete wie Molise instabil sind und bleiben, man kann sie nur überwachen. Das Frühwarnsystem hat in diesem Fall offenbar gut funktioniert, Straßen wurden rechtzeitig gesperrt.