Unsicherheit am Aktienmarkt: Nein, für Anleger ist die Krise noch nicht vorbei

Die Börsen funktionierten in den vergangenen Wochen nach den Mechanismen des Reality-TV. Dort wird aus einem kleinen Streit schnell eine große Eskalation, und die Regisseure setzen gerne mal taktische Pausen und Cliffhanger. Seit Ausbruch des Irankriegs Ende Februar folgten die Kurse an den Aktienmärkten einer ähnlichen Dramaturgie, gingen je nach Nachrichtenlage mal rauf, mal runter.

Und jetzt scheint das passiert, was auch im Trash-Fernsehen zuverlässig kommt: der Plot-Twist, eine radikale Kehrtwende in der Erzählung. Verantwortlich dafür ist auch der einstige Reality-TV-Star Donald Trump. Die Vereinigten Staaten und der Iran haben eine zehntägige Waffenruhe angekündigt. Sofort gab der Preis für Rohöl der Sorte Brent um rund 15 Prozent nach, so stark wie seit der Coronakrise nicht mehr. Die europäischen Aktienmärkte sprangen zu Handelsbeginn sogar um rund fünf Prozent nach oben, die US-Börsen immerhin etwas mehr als zwei Prozent. „Der Markt war verzweifelt auf der Suche nach guten Nachrichten“, sagt Stephan Kemper, Chefanlagestratege bei der Großbank BNP Paribas.

Aber ist die Krise wirklich vorbei? Und ist Verzweiflung für Anleger eine gute Entscheidungsgrundlage? Beides lässt sich bezweifeln.

Zumindest dürften die vergangenen Wochen die Rahmenbedingungen fürs Investieren verschoben haben: einerseits, weil die Energiemärkte noch mindestens ein paar Monate an den Folgen des Irankriegs leiden werden. Andererseits, weil US-Präsident Trump die Unsicherheit an den Märkten auf ein neues Level getrieben hat. Anleger sollten sich und ihr Geld auf diese neuen Umstände einstellen.

Die Rohstoffmärkte sind weiter alarmiert

Wie unsicher die fundamentale Lage an den Rohstoffmärkten selbst nach dem Waffenstillstand ist, lässt sich an einigen Zahlen ablesen. Laut Analysefirma Kpler
stauen sich immer noch rund 130 Millionen Fass Rohöl und 46 Millionen
Fass raffinierte Produkte wie Diesel oder Kerosin auf Tankern vor der Straße von Hormus. Das iranische Außenministerium ließ verlautbaren, man
wolle freies Geleit nur „in Abstimmung mit den iranischen Streitkräften
und unter Berücksichtigung technischer Einschränkungen“ gewähren.

Eine völlig andere Frage ist es zudem, ob Reedereien nun neue Tanker in die Meerenge hineinschicken. „Solange
es sich nur um eine zehntägige Waffenruhe handelt, dürften viele erst
mal vorsichtig bleiben“, sagt Rohstoffanalystin Dora Borbely von der DekaBank. Das gilt auch für die staatlichen Ölkonzerne der Golfstaaten, für den saudischen Konzern Aramco und Abu Dhabis Adnoc, die ihre Ölproduktion in den vergangenen Wochen gedrosselt haben – und fürs Hochfahren der Anlagen mindestens Wochen benötigen.

Glaubt
man Prognosen, könnten dem Ölmarkt mittelfristig drei bis fünf
Millionen Fass Öl am Tag fehlen. Angesichts von 100 Millionen Fass, die
täglich durch Raffinerien laufen und dann in Fabriken, Autos, Flugzeugen
und Heizungen verbrannt werden, ist das eine relevante Menge. „Ich bin
skeptisch, dass sich alles wirklich so schnell entspannt, wie viele
glauben“, sagt Rohstoffexpertin Borbely. Noch gravierender ist die Lage schließlich am Gasmarkt, wo Angriffe Teile der weltgrößten Anlage zur Gasverflüssigung im katarischen Ras Laffan zerstört haben. Damit fehlen rund 17 Prozent der gesamten Flüssiggasexporte der Katarer. Der Wiederaufbau? Dürfte laut Prognosen rund drei bis fünf Jahre dauern.