SC Freiburg in der Europa League: Unterwegs mit Siebenmeilenstiefeln – Sport

Auf den alten Bildern sieht Edgar Davids manchmal aus wie ein Rennradfahrer, manchmal wie ein Schwimmer, wenn die Brille seine Augen besonders eng einfasst. Aber Davids, die wilde Dreadlock-Mähne mit einem Gummi gebändigt, war keiner, der abtauchte, eher einer, der sich abstrampelte und abkämpfte, um es als Fußballer ganz nach oben zu schaffen. Und Davids, geboren in Suriname, aufgewachsen in Amsterdam, schaffte es als Fußballer ganz nach oben. Mit Ajax gewann er Meisterschaften, den Uefa-Cup, die Champions League. Später spielte er für Milan, Juventus, ein halbes Jahr auch für die Ballkünstler aus Barcelona, die sich der Schönheit des Spiels verschrieben. Doch Davids’ Welt war eine andere. Sie nannten ihn Pitbull.

Als Davids seine beste Zeit hatte, Mitte, Ende der Neunziger, Anfang der Nullerjahre, war Johan Manzambi noch nicht einmal geboren. Schon deshalb will sich Klemens Hartenbach nicht so recht einlassen auf den Vergleich zwischen Davids, dem Weltstar von gestern, und Manzambi, dem größten Talent, das der SC Freiburg heute in seinem Kader hat.

Es sei eine andere Zeit gewesen, sagt Hartenbach also. Man merkt ihm an, dass er keine Steilvorlagen für Schlagzeilen liefern will. Lautes Dröhnen und Tönen liegt ihnen fern im Schwarzwald – eines räumt Freiburgs Sportdirektor dann aber doch ein: „Wenn man damals bei Edgar Davids eine Heatmap gemacht hätte, hätte sie wahrscheinlich so ähnlich ausgesehen wie bei Johan.“

Wenn der SC Freiburg an diesem Donnerstagabend auf Celta Vigo trifft, Spaniens Tabellensechsten, dann betritt auch Manzambi die größte Bühne, auf der er jemals gestanden hat: Europa League, Viertelfinale, Davids’ Sphären so nah, dass sie auch ohne Brille gut zu erkennen sind. Und Manzambi, 20, braucht ohnehin keine Brille, um durchzublicken und aufzufallen. An guten Tagen kann er ein Ereignis sein mit seinem raumgreifenden Stil, seinen Siebenmeilenstiefeln, der Explosivität und dem Anarchischen in seinem Spiel.

Sport ist Show, jedenfalls heutzutage, lange nach der Davids-Zeit, und deshalb braucht es immer wieder aufs Neue das nächste große Ding und dann das nächste und das nächste. Nach dieser Logik könnte nun Johan Manzambi an der Reihe sein, Freiburger Ausnahmetalent, Schweizer Nationalspieler, Marktwert schon jetzt bei 35 Millionen Euro, Tendenz steigend.

Im Januar 2023 von Servette Genf nach Freiburg gekommen, trat Manzambi vor einem Jahr ins Rampenlicht, als er in den letzten sechs Spielen der Bundesligasaison 2024/25 zwei Tore erzielte und zwei vorbereitete. Daraufhin meldete sich Murat Yakin, Nationaltrainer der Schweiz – und im Juni, bei seinem zweiten Länderspiel, dem ersten überhaupt von Beginn an, machte Manzambi schon wieder mit einem Tor und einer Vorlage von sich reden. Eine Karriere im Zeitraffer, kann ein Aufstieg rasanter sein?

Im Spiel nach vorn bringt er das Brachiale mit dem Filigranen in Berührung

Ein Jahr später ist Manzambi kaum noch aus der Freiburger Elf wegzudenken. „Johan hat eine Mischung aus Unbekümmertheit, keiner Angst vor irgendwas und fußballerischer Qualität“, sagt Hartenbach. Grundsätzlich sei Manzambi ein „offensiv denkender Mittelfeldspieler“, doch inzwischen „reichert er das mehr und mehr mit defensiver Verantwortung an“. Und im Spiel nach vorn bringt er das Brachiale mit dem Filigranen in Berührung, das Wuchtige mit dem Gefühlvollen. Mal sieht man ihn, wie er den Ball mit der Schuhsohle streichelt, mal, wie er ihn unter die Latte nagelt. So auch am vergangenen Samstag, bei diesem denkwürdigen Spiel gegen den FC Bayern. 2:1 für Freiburg nach 90 Minuten, 2:3 nach 99, und natürlich sprachen hinterher alle von den Comeback-Bayern und ihrer unnachahmlichen Gier. Die Nachspielzeit überstrahlte alles, aber bis dahin war Manzambi auf dem ganzen Feld einer der Auffälligsten gewesen. Als er das Feld verließ, stand es 2:0 für Freiburg. Dann konnte er nichts mehr ausrichten, und schon brach es über den Sportclub herein.

Als Hartenbach ein paar Tage später erklären soll, wohin Manzambis Weg eines Tages führen könnte, will er nicht in die Hymnen einstimmen, die in den vergangenen Monaten auf den Youngster gesungen wurden. Vincenzo Grifo etwa, einer seiner Mitspieler, hatte davon gesprochen, Manzambi zuzutrauen, „ein ganz, ganz Großer“ zu werden, und der Schweizer Nationalcoach Yakin feierte ihn für seinen „unglaublichen Tordrang, den ich noch selten bei einem Spieler gesehen habe“. Hartenbach sagt nun: „Ich will ihn nicht wegloben.“ Doch auch Freiburgs Sportdirektor weiß: Wenn die großen Klubs einen wie Johan Manzambi nicht auf dem Zettel hätten, wen, bitteschön, denn dann?

Noch ist Manzambi gerade klein genug für den Breisgau. Manchmal ist er defensiv nicht auf der Höhe, manchmal hat sein Spiel etwas Ungestümes. In dieser Saison hat er schon zweimal Rot gesehen. Grundsätzlich aber ist er gerade auf schnellstem Wege, dem Sportclub zu entwachsen. Sein Vertrag läuft zwar noch bis 2030, doch im Breisgau ahnen sie schon jetzt, dass der Mittelfeldspieler seine Karriere wohl nicht in Freiburg beenden wird.

Dass Johan Manzambi aber im Hier und Jetzt lebt und noch nicht an Milan, Juventus und Barcelona denkt, wird klar, als Hartenbach den schönen Satz sagt: „Wenn ein Freund mit dem Fahrrad irgendwo hingefahren ist und den Schlüssel verloren hat und deshalb nicht wegkommt, kann er Johan anrufen. Der holt ihn!“