Nachtspeicheröfen: Wie man mit alten Heizungen Strom sparen kann

Strom dann verbrauchen, wenn er im Überfluss vorhanden ist und fast nichts kostet: Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Im Rheingau-Taunus-Kreis läuft derzeit ein in Kontinentaleuropa einzigartiges Pilotprojekt, das Nachtspeicheröfen als Energiespeicher einsetzt und Energiearmut lindern soll. Die Kommunale Wohnungsbaugesellschaft (KWB) testet in 15 ihrer Wohnungen, ob und wie das funktionieren kann.

Landrat Sandro Zehner (CDU) fordert den stärkeren Einsatz intelligenter und vernetzter Speicher- und Verteilersysteme, um Strom aus Sonne und Wind effektiver und günstiger nutzen zu können. Ohne dynamische Stromtarife kann eine Entlastung der Verbraucher aber kaum funktionieren.

Für das Projekt haben sich neben der KWB drei weitere Akteure gefunden. Dabei handelt es sich um die Gesellschaft Energy Cloud, das Berliner Unternehmen Electric Green Heating GmbH und den Onlinehändler Amazon, der als Sponsor fungiert. Das eingesetzte System ist gut bekannt: Es handelt sich um Nachtspeicheröfen.

Negative Preise am Energiemarkt nutzen

Ditmar Joest, Geschäftsführer der KWB, erinnerte bei der Projektvorstellung daran, dass die Energieeinsparverordnung vor einigen Jahren noch den Abbau von Nachtspeicheröfen forderte. „Wir haben damit gewartet, weil wir ja wissen, Regierungen kommen und gehen, Nachtspeicher bleiben bestehen“, sagte er. In der Tat stellte es sich als gute Idee heraus, stattdessen einige KWB-Wohnungen mit neuen Nachtspeicheröfen auszustatten und Strom aus regenerativen Quellen einzuspeisen. Das senkt CO₂-Kosten.

Aufgrund des bestehenden Kontaktes zu Electric Green Heating vernetzte sich die KWB mit Energy Cloud, dessen Deutschland-Geschäftsführer Henrik Schapp die Ziele des Pilotprojekts erläuterte. „Wir sorgen als gemeinnützige Gesellschaft dafür, dass zu gewissen Zeiten, wenn die Energiepreise negativ sind, die Wärme praktisch kostenfrei zur Verfügung gestellt wird“, sagte Schapp. „Das ist die Mission von Energy Cloud.“ Mit diesem Projekt betritt die Gesellschaft im Rheingau-Taunus-Kreis zwar Neuland auf kontinentaleuropäischem Boden, aber in Irland und Großbritannien wird die Idee schon seit 2020 realisiert, und es profitieren laut Schapp „einige Tausend Haushalte“ davon.

Das Projekt basiert prinzipiell darauf, dass überschüssige Strommengen, die zu negativen Preisen auf dem Energiemarkt führen, den Haushalten zur Verfügung gestellt werden, anstatt Energieerzeuger wie Windräder abzuregeln. Als Vergleich wählte Schapp die Tafeln, die den Nahrungsüberschuss der Supermärkte mit der Nachfrage bedürftiger Personen koordinieren. „Energy Cloud macht eigentlich das Gleiche und gibt Energie an bedürftige Haushalte weiter“, so Schapp. Die Gesellschaft sei  allerdings nicht selbst am Markt aktiv, sondern bringe nur „die Partner an einem Tisch“ zusammen.

Noch 100 KWB-Wohnungen mit Nachtspeicheröfen

Die KWB verfügt aktuell über 2600 eigene Wohnungen, von denen 100 über Nachtspeicheröfen verfügen. Das im September 2025 begonnene Projekt umfasst 15 Wohnungen in Taunusstein, Aarbergen-Michelbach, Waldems und Laufenselden. Ein bescheidener Anfang, aber das Potential ist groß. Laut Schapp wurden 2024 in Deutschland zehn Milliarden Kilowattstunden überschüssiger Energie abgeregelt. Dies entspreche einem Endkundenwert von rund vier Milliarden Euro. Vor dem Hintergrund, dass mehr als fünf Millionen Haushalte in Deutschland unter „Energiearmut“ litten, setze Energy Cloud hier an.

Die technische Umrüstung der Nachtspeicheröfen hatte Green Heating vorgenommen. Geschäftsführer Sven Tetzner stellte klar: „Entscheidend ist, dass ich die Wärme dann produzieren kann, wenn der Strom günstig ist.“ Die Speicher der Heizungen können für einen Zeitraum von bis zu 48 Stunden im Voraus beladen werden. Es wird eine sogenannte IoT-Technik (Internet der Dinge) eingesetzt, um die Daten der in einer Cloud verbundenen Geräte auszulesen. „Wir können exakt sagen, wie viel Energie wir nachts speichern müssen, damit wir morgen ausreichend Wärme zur Verfügung haben“, so Tetzner. Aktuell könnten die Öfen nur zwischen 22 und 6 Uhr aufgeladen werden, weil die Netzbetreiber diese Zeitspanne freigeben würden. Tetzner plädiert dafür, das Laden von Mitternacht bis 17 Uhr zu ermöglichen, denn dann sei der Strom billiger.

Das Verfahren funktioniert wie folgt: Der Mieter zahlt seinen Strom für die Nachtspeicheröfen, und Energy Cloud weiß, wann die Preise negativ waren. Diese beiden Informationen werden vernetzt, und wenn beispielsweise 100 Kilowattstunden billiger Strom feststehen, schreiben die KWB und Green Heating den Kunden den Betrag gut. Bezahlt wird die fiktive Ersparnis jedoch vom Sponsor Amazon, denn der Energielieferant verlangt seinen vertraglich vereinbarten Durchschnittspreis auch dann, wenn der Strompreis während des Aufladens eigentlich negativ war.

Dies ließe sich laut Tetzner nur ändern, wenn dynamische Stromtarife genutzt würden. Das aber sei für den Mieter „aktuell noch zu gefährlich“, weil der Strompreis auch in die Höhe schießen könne, beispielsweise wenn ein Kraftwerk ausfalle.

Für Tetzner stellen die Nachtspeicheröfen folgerichtig „Speicherheizungen“ dar, von denen es in Deutschland derzeit noch rund 1,1 Millionen gebe. Green Heating beliefert aktuell rund 3600 Wohnungen mit Nachtspeicherstrom. Theoretisch wäre es daher möglich, die Heizungen vernetzt als großen Speicher für Strom aus erneuerbaren Energien einzusetzen.

Die erste Projektphase im Kreis endet mit der aktuellen Heizperiode. Wie eine zweite Phase ausgestaltet werden könnte, ist noch offen. Sollte das Projekt erfolgreich verlaufen, kann sich Energy-Cloud-Geschäftsführer Schapp vorstellen, in Holland, Frankreich und Spanien ähnliche Projekte zu beginnen.