Champions League: Manuel Neuer und Bayern überragen bei Real Madrid

Mitten im Real’schen Reich steht an diesem Abend ein Gegner, der mit Handschuhen über die Alpen gekommen ist. Dort, im Bernabéu, im Stadion Real Madrids, steht Manuel Neuer, der Torhüter, und sieht in der 54. Spielminute, wie der größte Fußballspieler des größten Fußballklubs der Welt mit dem Ball in seine Richtung stürmt. Doch bevor Kylian Mbappé den Ball dann in seine Richtung schießen kann, ist der Ball schon wieder weg.

So sieht Neuer, der Torhüter, stattdessen, wie Real mitten in seinem Reich die nächste kleine Niederlage in diesem Spiel erlebt: weil Aleksandar Pavlović sich lässig auf dem Ball dreht, den er gerade erobert hat, erst mit der Sohle des linken, dann mit der Sohle des rechten Schuhes. Und damit einen Move macht, den in diesem Stadion, in dem der große Zinédine Zidane spielte, so gut wie alle kennen dürften.

In dieser 54. Minute, in der der FC Bayern München in seinem bisher wichtigsten Champions-League-Spiel der Saison mit 2:0 gegen Real Madrid führt und in der der Mittelfeldspieler Aleksandar Pavlović den Zidane-Trick macht, sieht es also wirklich so aus, als würde das Bernabéu erobert werden.

Später, als dieses erste Viertelfinalmatch vorbei ist, steht an der Seitenlinie der Spieler des Spiels vor der „Amazon“-Kamera. Doch als Manuel Neuer dort auf seine neun Paraden und mit einem euphorischen „Was für ein Abend!“ angesprochen wird, sagt er gleich etwas weniger euphorisch: „Ja, schade, dass es kein 2:0 geworden ist, ganz ehrlich.“

Bayern hat gesiegt, aber Real ist noch nicht besiegt

Und ehe er danach in die Kabine geht, hört man in dem Interview, warum Neuer in seiner Karriere so ein großer Gewinner geworden ist: weil er, der ewige Wettkämpfer, sich kurz nach einem Wettkampf so darüber ärgert, dass die vielen kleinen Siege dann doch nicht zu dem großen Sieg gereicht haben.

Mit 2:1 hat Bayern München gegen Real Madrid gewonnen. Danach lassen sich auf verschiedenen Kanälen Artikel mit derselben Überschrift lesen: „Die Bayern erobern das Bernabéu“. Doch wenn das wirklich so gewesen wäre, hätte Neuer sich nicht so geärgert. Er hat sich aber geärgert, weil man vor dem Rückspiel in München am kommenden Mittwoch zwar einerseits sagen kann, dass Bayern gesiegt hat, aber andererseits sagen muss, dass Real noch nicht besiegt ist.

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Man kann an diesem Abend über die kleinen Siege sprechen. Über das 1:0 von Luis Díaz (41. Minute). Über das 2:0 von Harry Kane (46. Minute), der durchgespielt hat, dem seine Sprunggelenkverletzung aber trotz des Tores anzumerken war. Über dieses Team und diesen Trainer, die in der zweiten gemeinsamen Saison als erste Bayern-Mannschaft seit 2012 im Bernabéu gewonnen haben. Doch auch wenn Bayern München nicht Karthago und Real Madrid nicht Rom ist, könnte man auch darüber diskutieren, ob Neuer und seine Mitspieler am Dienstag womöglich ihren Hannibal-Moment erlebt haben: weil sie Real Madrid nicht besiegt haben, als es zu besiegen war.

Doch vor allem muss man an diesem Abend über Manuel Neuer sprechen.

Als er um kurz vor Mitternacht wieder aus der Kabine und in die Interviewzone kommt, antwortet er schon etwas euphorischer. Es sei wichtig, dass dieses Spiel gewonnen wurde, für die Mannschaft, aber auch für ihn. Und als er wieder auf seine neun Paraden angesprochen wird, sagt er: „Dafür bin ich dann da.“

Er war da, als die Real-Stürmer Kylian Mbappé und Vinícius Júnior immer wieder den Ball auf sein Tor geschossen, aber immer wieder nicht getroffen haben. Das fängt an diesem Abend in der 16. Minute an, als er mit einer geschickten Kniebewegung verhindert, dass Mbappé ihm den Ball durch die Beine schießt. Und so setzt sich das dann fort. In der 18. Minute gegen Vinícius Júnior. In der 29. Minute gegen Mbappé. In der 61. Minute wieder gegen Vinícius Júnior. In der 66. Minute wieder gegen Mbappé.

Bei den letzten beiden setzt er Neuer-Specials ein. In der ersten Szene kommt er nach einem schweren Fehler von Dayot Upamecano im richtigen Moment aus seinem Tor heraus, sodass der allein auf ihn zustürmende Vinícius Júnior den Ball zwar an ihm vorbeilegt, aber dann nur ans Außennetz schießt. Das ist das, was Jonathan Tah später „Aura“ nennt. In der zweiten Szene drückt er sich mit dem rechten Fuß so schnell vom Boden ab, dass er mit der rechten Hand so schnell am Boden ist und den Ball, den Mbappé geschossen hat, gerade noch stoppt.

Und weil alle sich einig sind, dass dieses Spiel ein Meisterwerk ist, darf man das etwas überhöht auch so sagen: Das, was für Hannibal die Schlacht von Cannae war, könnte für Manuel Neuer das Spiel von Madrid sein.

Als in der Interviewzone nicht mit, sondern über Neuer gesprochen wird, fallen an diesem Abend die Namen der Gegner und die Zahlen der Jahre, die so gut wie jeder Fußballfan kennt. Porto 2008, Algerien 2014, Paris 2020. Das sind die unvergesslichen Neuer-Spiele. In diesen stand mehr auf dem Spiel als am Dienstag. Und trotzdem muss man sich nicht schämen, Madrid 2026 in diese Liste einzureihen, weil es einen großen Unterschied gibt: dass er dieses Mal eben nicht 22, 28 oder 34, sondern 40 Jahre alt war.

Am Ende ist der 40-jährige Neuer nur einmal bezwungen worden. Als Trent Alexander-Arnold den Ball in der 74. Minute in die Mitte passt und Mbappé aus fünf Metern schießt, hat Neuer seine Hand dran, lenkt den Ball sogar nach oben, aber der springt von der Unterkante der Latte über die Torlinie. Und irgendwie ist das eine passende Pointe: dass der spektakulärste Torhüter der Geschichte an diesem Abend nur von dem spektakulärsten Stürmer der Gegenwart bezwungen werden kann.

In München, sagt Neuer in der Interviewzone, werde das Verteidigen von Mbappé und Vinícius Júnior noch schwieriger, weil „der Platz nochmal ein bisschen schneller“ sei. Vorteil Madrid? Nein, Vorteil München. Weil die Bayern einen Ein-Tore-Vorsprung haben. Und einen Torhüter, der gezeigt hat, dass er immer noch besser als jeder andere verhindern kann, dass ein Stadion erobert wird.