Feministische Architekturliteratur: Das erfundene Genre

Während an dem einem Ende Berlins vergangene Woche über „Architecture against Architecture“, das neue Buch von OMA-Architekt Reinier de Graaf, gesprochen wurde und die Fragen, wie man die „feudale Verehrung von Stararchitekten beenden“ kann und warum nicht mehr „Architekturfirmen kollektiv geführt werden“, erörtert wurden, konnte man sich am folgenden Tag, am genau anderen Ende der Stadt davon überzeugen lassen, dass genau diese Fragen in den vergangenen 30 Jahren bereits zur Genüge gestellt und sogar beantwortet wurden.

Wenn man sich mit dem Genre, das die Herausgeberinnen des Buches „Haus Marlene Poelzig“ als „Feministische Architekturliteratur“ deklarieren, beschäftigt hätte, könnte man das wissen. Anlässlich der zweiten Auflage des Buches, das dem 2021 in Zehlendorf unter großem Protest abgerissenen Haus der Architektin ein Denkmal setzt, hatten die Herausgeberinnen letzten Mittwoch in den Bücherbogen am Savignyplatz eingeladen, um dort 30 Bücher der letzten 30 Jahre feministischer Architekturliteratur vorzustellen und damit auch ihre eigene Publikation einzuordnen.

Das wollten gleich so viele Menschen sehen und hören, dass die Türen des Bücherbogens bereits fünf Minuten nach Beginn geschlossen werden mussten, weil wirklich auch der allerletzte Platz besetzt war. An der Scheibe drückten sich einige Besucherinnen noch die Nasen platt, während der Straßenmusiker „Knocking on Heaven’s Door“ plärrte und über ihnen die S-Bahn ungewohnt verlässlich alle drei Minuten entlangdonnerte. Drinnen wurden vier der 30 Publikationen näher vorgestellt.

Die zweite Auflage wurde in den Kontext gesetzt

Neben Büchern, die man eher in das Genre einordnen würde, wie „Die Neuordnung der Küchen. Materialistisch-feministische Entwürfe eines besseren Zusammenlebens“ (2023) oder „Making Space Women and the Man-Made Environment“ (1984) des Kollektivs Matrix, wurden auch solche vorgestellt, die einem vielleicht nicht sofort in den Sinn gekommen wären. Darunter Florentine Anders Roman „Die Allee“ (2025) über das Leben der Architektenfamilie Henselmann, der ein besonderes Augenmerk auf die Mutter der Familie, Isi, ebenfalls aufstrebende Architektin, legt. Außerdem der Gedichtband „Plans for Sentences“ (2022) der Lyrikerin Renee Gladman, deren poetisches Werk sich immer wieder an der Grenze zur Architektur verortet.

Deutlich wurde, dass Architektur so viel mehr ist als ein gebautes Haus. Sie ist vielmehr das Leben darin, das Denken darüber. Diese Bücher zeigen, dass auch Worte ein Zuhause sein können und dass, wenn man sich den Geschichten der Frauen in der Architekturwelt zuwendet, all die Fragen, vor denen manch großer Architekt heute anlässlich der Krisen dieser Welt, die auch immer Baukrisen sind, steht, bereits in der Arbeit von Frauen beantwortet wurden. Dafür müsste der sich fragend am Kopf kratzende Architekt diese Werke dann nur eben auch lesen.