Feiertage ohne Familie: Die Wahrheit über Ostern

Manchmal kann sogar die Rebellin kleine Einsamkeiten empfinden. Oder zumindest darüber nachdenken.

E in bisschen lügt sie. Die Rebellin in mir lügt, wenn sie behauptet, Ostern sei ihr egal – so wie sie es übrigens jedes Jahr auch an Weihnachten tut. Sie sagt, Familienfeste seien sowieso nichts für sie. Dass auch sie sich an solchen Tagen, die angeblich „Tage wie jeder andere“ sind, manchmal einsam fühlen kann, gibt sie nur ungern zu. Aber so ist es eben.

Am Ostersamstag arbeite ich in der Buchhandlung. Abgesehen von den Stammkund*innen, die nicht verreist sind, kommen Menschen aus ganz Deutschland, die die Feiertage in Berlin verbringen wollen: Eltern, Verwandte, Kind­heits­freun­d*in­nen junger Neu-Berliner*innen, die zum ersten Mal zu Besuch sind, zum Beispiel.

Ich kann sie noch am Frühstückstisch sehen, während sie sich im Laden umschauen und leidenschaftlich über Bücher sprechen oder meine Empfehlungen entgegennehmen. Oder vielleicht waren sie doch brunchen, haben Avocado-Toast und Eggs Benedict in einem fancy Café bestellt oder sind in der Sonne am Kanal entlangspaziert, plaudernd, Handyfotos schießend, die sie sich später gegenseitig schicken werden – zur Erinnerung an das Wochenende.

Während ich draußen den Fahrradständer und den Pixie-Aufsteller aufräume, laufen Pärchen Hand in Hand und Familien an mir vorbei. Die Väter tragen gemütliche Wollschals, bei den Müttern glänzen die weißen Haare im Gegenlicht. Sie gehen Eis essen, kaufen Geschenke und goldene Schokoladenhasen. Manche begrüßen mich oder lächeln mich an – ich grüße oder lächle zurück. Schöne Ostern wünschen mir alle.

Später, als ich bei mir um die Ecke ein Feierabendbier trinke, denke ich darüber nach. Sind sie wirklich alle so glücklich miteinander, frage ich mich. „Bestimmt nicht“, antwortet die Rebellin in mir. Kurz danach geht es weiter nach Hause: Auch sie will schlafen gehen.

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