Sabine Winter beim Tischtennis-World-Cup: Triumph der „Anti“-Spielerin

Manchmal gibt es Niederlagen, die keine großen negativen Spuren hinterlassen. Zwar hat Sabine Winter beim prestigeträchtigen Tischtennis-World-Cup am Sonntag in Macao das Halbfinale gegen die Weltranglistenerste und spätere Turniersiegerin Sun Yingsha aus China klar mit 0:4 Sätzen verloren.

Gegen deren druckvolle Rückhandtopspins, kombiniert mit präzise platzierten Vorhandbällen, mal auf den Körper, mal weit in die Vorhandseite, fand die deutsche Nummer eins keine Lösung. Von einer „ordentlichen Klatsche“ spricht Winter hinterher, Sun habe sie „auseinandergenommen“. Doch das Erreichen der Vorschlussrunde ist zugleich der größte Erfolg ihrer Karriere.

Erstmals seit dem Podiumsplatz ihrer Landsfrau Petrissa Solja im Jahr 2015 stand damit wieder eine Europäerin auf dem Treppchen dieses bedeutsamen Turniers. „Es ist komplett verrückt, dass ich mit einer Bronzemedaille nach Hause fliegen darf.“ Winter zeigte im gesamten Turnier herausragende Leistungen, gewann unter anderem deutlich gegen die Weltranglistenachte Wang Yidi aus China mit 4:0 Sätzen.

„Sabin! Sabin!“ hallt es da durch die Arena.

Dieser Erfolg ist der vorläufige Höhepunkt eines bemerkenswerten Aufschwungs. Lange pendelte die 33-Jährige zwischen den 30ern und 60ern der Weltrangliste, doch seit 2025 zeigt ihre Formkurve steil nach oben. Im August beim Grand Smash in Malmö beispielsweise, der höchsten Turnierkategorie der WTT-Serie, besiegte sie mit der Weltranglistendritten Chen Xingtong erstmals eine Topchinesin.

Und wenige Monate später erreichte sie beim Champions-Turnier in Montpellier als erste Europäerin das Finale, avancierte zum Publikumsliebling. „Sabin! Sabin!“ hallte es da durch die Arena. In diesem Jahr folgten Platz drei beim Grand Smash in Singapur und der Titel beim bedeutsamen Europe Top 16. Seit dem World Cup an diesem Wochenende steht Winter mit Platz neun erstmals unter den besten zehn der Welt, als einzige Nichtasiatin. Nur selten gelingt es Spielerinnen außerhalb Asiens, in die Spitze vorzudringen.

Sabine Winters gefürchtete Vorhand

Die Erklärung für diese Entwicklung ist denkbar einfach. Und über sie wurde schon viel geschrieben: der Wechsel auf den Antitopspinbelag auf der Rückhand Ende 2024. Tatsächlich ist diese Entscheidung außergewöhnlich, wenn nicht einzigartig in der Tischtenniswelt. Denn zu diesem Belag muss man wissen: Seine glatte Oberfläche kehrt die Rotation des gegnerischen Balls um und nimmt ihm sein Tempo.

Wohl kaum ein Material ist schwerer zu spielen, ständiges Mitdenken ist gefordert. Auf Profiniveau findet man nur sehr wenige Spielerinnen, die auf den „Anti“ zurückgreifen. Und im Alter von 32 Jahren das eigene Spielsystem so grundlegend zu verändern, wagen nur die wenigsten. Denn beim Material reagieren viele äußerst empfindlich auf die kleinsten Veränderungen. Winter ging dieses Risiko ein, warf eingespielte Automatismen über Bord.

DSGVO Platzhalter

Zu Recht wurde darüber umfassend berichtet. Doch die Fixierung auf Winters Rückhand („Anti-Heldin“ wird sie jetzt gerne genannt) greift zu kurz. Denn ein entscheidendes Element ihres Erfolgskonzepts gerät dabei in den Hintergrund: ihre wuchtige Vorhand. Gerade das Spiel mit den Tempogegensätzen macht sie so unberechenbar.

Auf der einen Seite das entschleunigende und unangenehme Material, auf der anderen Seite die druckvolle Offensive. Ohne diese starke Vorhand wäre Winter jetzt längst nicht so gefährlich, längst nicht so erfolgreich. „Der Anti alleine ist nicht das Problem – die Anti-Bälle sicher auf die andere Tischseite spielen, das können die Topspielerinnen alle“, sagte sie dem Magazin „tischtennis“. „Aber sie müssen mir auch Bälle mit guter Qualität geben, sonst kann ich mit der Vorhand attackieren.“

Bereits vor der Materialumstellung war ihre Vorhand gefürchtet. Kaum einer Spielerin gelingt es, dem Ball so viel Spin und Tempo zu geben. Ihre große Armbewegung, gepaart mit viel Oberkörpereinsatz, findet man vielmehr im Männertischtennis und nicht beim meist sehr tischnahen Spiel der Frauen. Durch die Tempoentschärfung mit der Rückhand bekommt Winter nun noch mehr Zeit, um ihre Vorhand in Szene zu setzen. Ihre sehr gute Beinarbeit kommt ihr dabei zugute. Es ist jedoch auch die Leichtigkeit, die ihr momentan die Erfolge beschert.

Winter scheint noch nie ihr Spiel so sehr genossen zu haben wie im Moment. „Ich möchte auf jeden Fall den Spaß am Herumexperimentieren beibehalten“, sagte sie dem Deutschen Tischtennis Bund in einem Interview. Es bleibt zu hoffen, dass sie diese Lockerheit nun auf ihre Teamkolleginnen übertragen kann. Denn in wenigen Wochen steht die Mannschaftsweltmeisterschaft in London an. Dort wird sie als Führungsspielerin gefragt sein.