
Noch hatte er sein neues Buch über die „Globalgeschichte des Römischen Reichs“ gar nicht abgeschlossen, da kam ihm schon die Idee zum nächsten. Das letzte Kapitel solle jetzt zu einem eigenen Buch über die „Eurasische Spätantike“ werden, sagt Hartmut Leppin. Der Althistoriker an der Goethe-Universität hält die Spätantikenforschung für zu fixiert auf Europa und das Römische Reich. Deshalb will er die Gemeinsamkeiten in Persien, China, Kuschan (nördliches Indien), Aksum (nördliches Äthiopien) und Rom zwischen dem 3. und 7. Jahrhundert nach Christus herausarbeiten. Nicht nur Westrom brach unter einer Völkerwanderung zusammen, auch Chinas Han-Dynastie.

Diese Umwälzungen ebneten neue Wege: dem Christentum nach Osten, dem persischen Manichäismus nach Westen, dem indischen Buddhismus nach China. Leppin sieht hier eine „Achsenzeit“, wie der Philosoph Karl Jaspers die Zeit zwischen dem 8. und 3. Jahrhundert vor Christus bezeichnet hatte. Eine „ausgedehnte Gleichzeitigkeit“ geistigen Aufbruchs in unterschiedlichen Kulturen: Zoroaster, Sokrates, Buddha. Als Kind einer Pastorenfamilie 1963 in Helmstedt geboren und aufgewachsen in Marburg, war ihm der Weg vorgezeichnet. Nach dem Abitur 1981 am dortigen humanistischen Gymnasium Philippinum studierte Leppin Geschichte, Latein, Griechisch und Erziehungswissenschaften in Marburg, Heidelberg und Pavia. Er hatte einen distanzierteren Blick auf das Christentum als sein Bruder Volker, der heute als Kirchenhistoriker in Yale lehrt.
Die Alte Kirchengeschichte hatte es aber auch Hartmut Leppin angetan. Nach seinem Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Geschichte und Latein 1988 sowie seiner Promotion 1990 über die soziale Stellung von Schauspielern in Westrom habilitierte er sich 1995 an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über die griechischen Kirchenhistoriker des 5. Jahrhunderts. 2001 erhielt er eine C4-Professur für Alte Geschichte an der hiesigen Goethe-Universität. Sämtliche Rufe nach Hannover, Köln und an die Humboldt-Universität Berlin schlug er aus, denn: „Die Bedingungen in Frankfurt waren sensationell.“ Damit meint er vor allem die „enorme Gesprächsbereitschaft der Kollegen hier“.
Er sei gern im Dialog mit anderen. Den braucht er auch für seine interdisziplinären Forschungsschwerpunkte, etwa die „Polyphonie des Christentums“, ein achtjähriges Projekt, finanziert durch den Leibniz-Preis, den er 2015 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhielt. Er ist den vormodernen „Christentümern“ auf der Spur und hat dafür auch Syrisch gelernt. Den syrischen Kirchenhistoriker Johannes von Ephesos hat er übersetzt. Für das Akademische Jahr 2024/25 war Leppin an das Wissenschaftskolleg Berlin eingeladen. Seit Anfang 2025 forscht er mit Anthropologen über die potentielle Toxifizierung politischer Konflikte durch Religionen, etwa in Südafrika.
Seine Studenten haben es nicht leicht. Die meisten müssen Latein und Griechisch nachlernen. Auch fehlt vielen das biblische Wissen. Ihnen empfiehlt der Professor, eine einprägsame, alles zusammenfassende Kinderbibel zu lesen: „Man muss die Quellen kennen.“ In seiner Freizeit joggt er gern durch den Holzhausenpark. Und er bereichert die Epiphanias-Kantorei am Oeder Weg mit seiner Bassstimme.
