FC Bayern: „Die Leute, die jetzt die Nase voll haben von Hoeneß, werden als Erste rufen: ‚Wo ist Uli?!‘“

Der 7. November 1973: Ein muskelbepackter, gerade mal 21 Jahre alter Jüngling mit blond wehenden Locken zieht mit dem Ball von der Mittellinie startend auf und davon.

Er ist von niemandem zu bremsen auf dem tiefen, morastigen Boden, obwohl sie bei Dynamo Dresden mit Ede Geyer, dem späteren Kult-Trainer („Wenn sich jemand dehnen will, soll er nach Dänemark fahren, bei mir wird gelaufen“), den Schnellsten gegen ihn gestellt haben.

Der Jüngling spielt Torwart Claus Boden (ja, er lag wirklich auf dem Boden) aus, es steht 1:0 für die Bayern. Hoeneß erzielt auch das 2:0 seines Klubs (Endstand 3:3), Bayern steht nach diesem hochpolitischen deutsch-deutschen Duell gegen den DDR-Meister im Viertelfinale, ist auf dem Weg zum ersten Europacup-Sieg der Landesmeister von niemandem mehr zu stoppen. Weil der junge Mann auch im Finale von Brüssel, nach ähnlich beherzten Sprints und Schüssen, gegen Atlético ­Madrid (4:0 im Wiederholungsspiel) wie Gerd Müller zweimal trifft.

„Das beste Spiel meines Lebens“, sagt Hoeneß. „Weil er auch immer noch den Torwart ausgespielt hat“, erinnert sich Jupp Heynckes fast euphorisch. Fast wie ein Fan. „Ja, den Torwart, ähnlich wie der überragende Uruguayer Federico Valverde beim 3:0 von Real Madrid gegen Man Citys Donnarumma.“

Es geht um Uli Hoeneß, jenen Hoeneß, den Fußball-Konsumenten als Macher, als Polterer, als Patron, als Klartext-Redner kennen. Der Manager, der Präsident, der Ehrenpräsident, der Aufsichtsrat, von dem Experten sagen, der FC Bayern sei sein Kind.

Jahrhundertspiel im Londoner Wembley-Stadion

Dieser Hoeneß hatte auch ein anderes Gesicht, das viele schon verdrängt oder vergessen haben. Er zeigte es erstmals 1972 mit 20 in seinem zweiten Länderspiel neben Franz Beckenbauer und Günter Netzer, neben dem gleichaltrigen Freund Paul Breitner, als er im Jahrhundertspiel im Londoner Wembley-Stadion gegen England das 1:0 schoss. Als er nach einem Steilpass des Mönchengladbachers und späteren Madrilenen Netzer auf- und davongezogen war (schade, dass die beiden nie in einem Verein spielten).

„Ich glaube, dass ich eine Traumkarriere gemacht habe“, sagt Hoeneß, bezieht sich vor allem auf 1974 mit Meisterschaft, Europacupsieg der Landesmeister, Weltmeistertitel.

Bis ihn dann 1975 im Europacup-Finale von Paris kurz vor der Pause Frank Gray ganz rüde am Knie traf und er vom Platz getragen wurde. Was zunächst zwei Operationen zur Folge hatte. „Ich hatte plötzlich keinen Innen-, keinen Außenmeniskus mehr, habe mich mit einem dicken Knie immer wieder durchgemogelt, bin punktiert worden, habe immer wieder Kortison geschluckt.“

Dabei lebte Hoeneß bis 1979 von seiner Schnelligkeit, die ihm – wie er jetzt erzählt – nicht angeboren war, sondern wie fast alles in Leben des Ulmer Metzgersohns, mit eisernem Willen antrainiert und erlernt. Gerade die 50-Meter-Sprints. „Den Grundstein legte ich zwischen dem 14. und 18. Lebensjahr. Der baden-württembergische Verbandstrainer sagte meinen Eltern, ich könne zwar Fußball spielen, sei jedoch nicht besonders schnell. Mit 14 lief ich die 100 Meter in 13,4. Also bin ich jeden Morgen, Montag bis Freitag, von 6 bis 7 Uhr gerannt. Das hat dazu geführt, dass ich mit 18 beim ­Abitur 11,0 Sekunden schnell war.“

Er sollte, nachdem er 1976 bei der EM in Jugoslawien im Finale gegen die Tschechoslowakei den entscheidenden Elfmeter verschossen hatte, 1978 noch zur WM nach Argentinien fliegen, „wenn ich mir nicht meinen ersten und einzigen Muskelfaserriss zugezogen hätte. Doch ich habe nicht nur die Schnelligkeit trainiert, sondern auch die Ausdauer. Intervall-Läufe haben sehr lange geholfen.“

Hoeneß lief also auch auf Langstrecke allen davon, nicht nur Ede Geyer. Also sind es neben dem „Lebenswerk FC Bayern“, so überragend das sein mag, durchaus auch sportliche Gründe für die Zeitschrift SPORTBILD, „Jung-Siegfried“, wie sie ihn nannten, in dieses Ranking der besten 50 deutschen Sportler zu heben.

Und deshalb kommt jetzt Jupp Heynckes zu Wort, einer der wichtigsten Menschen im Leben des Uli Hoeneß. Und das nicht nur, weil er ihn viermal als Bayern-Trainer geholt hat. Nicht nur, weil er sich mit ihm vor dem Gefängniseintritt zum Mittagessen traf („Wenn der beste Freund eine extreme Lebenssituation durchläuft, dann musst du an seiner Seite sein – ich bin es gewesen“). Nicht nur, weil Heynckes Pate von Ulis Sohn Florian ist, dem er und Tochter Sabine mit dem Haft-Antritt die Nürnberger Wurstfabrik überschrieben haben.

„Uli hatte viele Menschen, die ihn mochten, ihn sehr geschätzt haben und immer noch schätzen. Umgekehrt viele, die ihn nicht kannten. Die Verurteilung zu dreieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung war für ihn und Ehefrau Susi sehr emotional, ein einschneidendes Erlebnis. Wie soll ich sagen? Ein bisschen erdrückend.“ Hoeneß sah seine Selbstanzeige nicht genügend gewürdigt. Selbst ein Freispruch sei denkbar und gerechtfertigt gewesen. „Ich weiß, dass es doof ist, doch ich zahle volle Steuern“, war damals ein Satz von ihm.

Heynckes hat jedoch immer noch den fußballspielenden Uli vor Augen, wenn er sagt: „Das 3:3 (Hinspiel in München 4:3) war spektakulär. Zwei Konter von Uli, zweimal ist er unwiderstehlich durchgegangen, Finten links und rechts, das war gut zu dieser Zeit, und Uli war der ideale Spieler. Ein lebendes Kraftwerk. Seine große Stärke war, dass er den Torwart ausgespielt hat. Für mich gehört er längst in die Hall of Fame!“

Oha, welch ein Satz! In der Ruhmeshalle des DFB, gleich am Dortmunder Bahnhof, sind längst lebende und viel zu früh verstorbene Helden und Legenden wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Günter Netzer, Sepp Maier, Wolfgang Overath, Jupp Heynckes, Uwe Seeler und, und, und gewürdigt.

Für Heynckes kann die Aufnahme von Hoeneß nur eine Frage der Zeit sein. „Ulis 1:0 von Wembley kennt man immer noch auf der ganzen Welt. Ich bekomme bis heute Briefe von Studierenden aus China. Sie fragen sich, warum Hoeneß nicht in der Hall of Fame auftaucht. Nachdem, was er alles gemacht hat – als Spieler und als Funktionär. Sie können alle hochblicken zu ihm.“

„Sein Ende als Spieler war ein Fluch und Segen zugleich“

Heynckes weiter: „Sein Ende als Spieler war ein Fluch und ein Segen zugleich. Ein Fluch, dass er nicht mehr das gemacht hat, Fußball zu spielen, was er so gut und auf einmal nicht mehr konnte. Ein Segen für den Klub, weil er den FC Bayern reformiert und modernisiert hat.“ Sehr wohl hat Heynckes, das Trainer-Urgestein des FC Bayern, immer noch die warnenden Worte nach Niederlagen oder Unentschieden im Ohr. „Wenn er losgepoltert hat: ‚Ich will euch mal eins sagen, so spielen wir nicht noch mal!‘ Dann herrschte minutenlang Stille der Besinnung in der Kabine, niemand wagte es, auch nur zu flüstern.“

Als 1979 der Anruf von ­Bayern-Präsident Wilhelm Neudecker kam (Hoeneß war ausgeliehen an den 1. FC Nürnberg), ob er denn Manager werden wolle, „war ich überrascht, bat um einen Tag Bedenkzeit, rief etliche Ärzte an. Die waren der einhelligen Meinung: ganz schnell zugreifen, denn das Knie hält nicht mehr ewig. Mir war klar: Knick den Fußball!“

Dazu die Meinung des Ober-Fachmanns Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, Bayern-Arzt von 1977 bis 2015: „Uli konnte nicht mehr auf höchstem Niveau trainieren. Zudem fiel das morgendliche Lauftraining weg. Das hat dazu geführt, dass die Leistung, die man von ihm erwarten konnte, nicht mehr abrufbar war. Er überlief doch alle Gegenspieler nach Belieben. Alle. Nach den beiden OPs ging es steil bergab.“

Einmal duellierte sich der Arzt, heute 83 (praktiziert immer noch), mit Hoeneß, heute 74, im Trainingslager in Bahrain über die 400 Meter. Sie kamen Brust an Brust ins Ziel, so stark hatte Hoeneß an Tempo eingebüßt.

„Mit 23, 24 Jahren schon hat mich die Frage beschäftigt: Was machst du danach? Mir war klar, dass ich nicht Trainer werden wollte, sondern Manager, am liebsten bei Bayern München.“ Hoeneß war bekannt dafür, dass er überall Beziehungen hatte. Wer ein Auto benötigte, einen Fernseher oder Kühlschrank, der ging zu Uli. „Es ist eine Mär, dass ich mich den ganzen Tag in Supermärkten rumgetrieben habe. Als junger Kerl war es meine Stärke, ein Netzwerk aufzubauen. Das, was den Spielern heute fehlt. Sie wachsen in einer Käseglocke auf. Ein Manager hier, ein Manager dort, weiß der Teufel. Wir haben das selbst organisiert.“

Der Patron behauptet zudem: „Der schönste Job ist der des Fußballers, weil du da total unabhängig bist. Als Manager kannst du deinen Job noch so gut machen, kannst sagen: Diese Woche haben wir noch so gut gearbeitet – und dann verlierst du 0:1, weil du nur bedingt Einfluss hast. Wenn du ins Stadion kommst, bist du ohnmächtig.“ Ohnmächtiger vielleicht als am 17. Februar 1982, als er in Hannover als Einziger einen Flugzeugabsturz überlebte. Was er zunächst immer wieder als Geburtstag feierte und heute fast schon vergessen ist.

Dass es schon 50 Jahre den Patron Hoeneß gibt, das konnte sich auch der Visionär Neudecker nicht vorstellen. Egal, wie sein Titel heißt, und wäre es Hausmeister: Das letzte Wort hat eben er.

Natürlich wird Uli Hoeneß, wie fast alle starke Männer, oft von einer Frau entscheidend mitregiert – oder besser gesagt: von vier Frauen. Dazu gehört seine Ehefrau Susi, die dort oben über dem Tegernsee dieses herrschaftlich thronende Landhaus hingestellt hat mit dem größten und dennoch schönsten Christbaum des Tegernseer Tals, in dem immer noch FC-Bayern-Politik gemacht wird.

Hoeneß wurde/wird jedoch auch nachhaltig geprägt von seinen Vorzimmer-Frauen. Von Elisabeth Hoffmann, mit der er das Bayern-Management aus der Taufe hob. Mit Karin Potthoff, der herrisch, charmant gebildeten Intellektuellen. Und bis heute von der fürsorglichen Elke Keller, auch für Präsident Herbert Hainer zuständig. Ihr genügt ein Blick, um wirklich alles zu peilen.

So wusste Ottmar Hitzfeld, der dritte starke Mann nach Jupp Heynckes und Pep Guardiola in der Trainer-Geschichte des FC Bayern, genau, was nun kommen würde, als ihn 1997 bei der Ehrung des neuen Champions-League-Siegers Borussia Dortmund der Kaiser ansprach. „Da sagte Franz Beckenbauer zu mir: ‚Du wirst der neue Bayern-Trainer.‘ Na ja, dachte ich. Doch als dann wenig später Karin Potthoff dran war, um mich mit dem Uli zu verbinden, wusste ich, was die Stunde geschlagen hat. ‚Ja, klar habe ich Interesse. Das ist für mich eine Ehre, auch eine Chance‘, sagte ich ohne zu zögern.“

Hitzfeld erlebte dann auch einen Uli Hoeneß, der wusste, wann es galt nachzugeben. Wie im Jahre 2000, als Kapitän Stefan Effenberg provokant in roten Stiefeln und roter Lederhose zur Weihnachtsfeier erschien. „Uli war mehr als erzürnt, wollte ihn sperren. ‚Ich lass nicht einen der besten Spieler draußen‘, argumentierte ich. ‚Er soll eine Geldstrafe zahlen.‘ Da Uli selbst ein großartiger Fußballer war (die beiden spielten 1972 für die deutsche Olympiaauswahl), da er ein großes Herz hatte und sofort Klartext redete, war das Ding damit erledigt. Uli hat mich nie im Regen stehen lassen.“

Besucher bekommen Produkte aus Wurstkammer

Selbstverständlich gehörte Hitzfeld zu einem der ersten Besucher, als Hoeneß 2014 seine Haftstrafe antreten musste, die nach einem Jahr und neun Monaten wegen guter Führung halbiert wurde. „Die Strafe war ein Schock für mich, er hat sich sehr gefreut, dass ich gekommen bin.“

Wir sind beim großen Herzen des Uli Hoeneß. So wie Walt Disneys Dagobert Duck zu Hause seine Goldtaler rumliegen hat, geht kein Besucher aus dem Hause Hoeneß, ohne vollbepackt zu sein mit den Produkten aus seiner Wurstkammer. „Wenn es mir mal schlecht ging“, erzählt Heynckes lachend, „sagte der Uli: ‚Du musst mal wieder Hoeneß-Würste essen.‘ Ich musste mir dann einen neuen Kühlschrank kaufen …“

Heynckes lacht auch, wenn er sagt: „Der Uli ist wie ein Vulkan. Momentan ist er wieder ganz schön aktiv.“ Wie sagt er so gerne? „Das war’s noch nicht!“

Wie 1992, als Bayern unter Søren Lerby sogar in Abstiegsgefahr geriet. Als Gegenprogramm organisierte Hoeneß für seinen noblen Klub ein Gratis-Trainingslager in der Jugendherberge von Girondins Bordeaux. Und in aller Herrgottsfrühe fuhr der Cordon-Bleu-Liebhaber mit dem Fahrrad los, um fürs Spieler-Frühstück die frischesten Baguettes zu kaufen. Es hat geholfen.

Gern hätte er auch seinen Bruder Dieter (unter anderem 1997 bis 2009 bei Hertha BSC) als Nachfolger gesehen. „Er hatte mich 2004 mal gefragt, ob ich mir vorstellen könne, sein Nachfolger zu werden. Er wollte nach der WM 2006 aufhören, ich habe 2005 einen Fünfjahresvertrag in Berlin unterschrieben. Hertha stand finanziell schlecht da, das musste ich auf die Spur bringen. Am Ende waren wir fast Meister“, erzählt der ein Jahr jüngere Bruder, heute Berater unter anderem von den Bayern-Stars Aleksandar Pavlovic und Josip Stanisic.

Wie sich ein Uli Hoeneß die Bayern wünscht?

Die Momentaufnahme mit dem Blick in den Vulkan: „Man kann nicht immer nur höher, schneller, weiter. Wir haben ein Level erreicht mit dem eigenen Stadion, mit einer entwicklungssfähigen jungen Mannschaft, mit einem super Trainer. Wenn man die Zeit anhalten könnte für Bayern, dann müsste man es jetzt machen.“

Welch schönes Schlusswort.

Wobei? Soll doch der sprechen, der so oft im Verborgenen Kluges sagt. Berti Vogts, Ex-Bundestrainer, Ex-Gladbacher, Netzer-Freund: „Die Leute, die jetzt die Nase voll haben von Hoeneß, werden als Erste rufen: ‚Wo ist Uli?!‘“

Der Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT/BILD/SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in SPORTBILD.