Langlaufen im norwegischen Fjell | FAZ

Langlauf. Ohne Stöcke. „Zum Reinkommen“, sagt Wolfram. Nebel hängt über dem Venabygdsfjellet, dem Skigebiet am Rand des Rondane-Nationalparks. Das Licht ist marmorhaft milchig, die Loipe kaum mehr als ein fahler Strich, der in eine durchlässige weiße Wand führt. Dahinter graublaues Nichts. Bäume sind Schemen, das Oben und Unten verschmelzen, der Magen rebelliert. „Arme schwingen, gleiten“. Wir rutschen durch den feuchten Schleier, heben wie Seiltänzer die Beine. „Bravo“, ruft Wolfram, „und jetzt abstoßen, als hättet ihr einen Roller unter den Füßen“. Klaus bleibt abrupt stehen. Die Empörung lässt sein Gesicht glühen. Er hat Rollator verstanden.

Die Mitglieder der Gruppe sind nicht die Jüngsten, aber Rollhilfe braucht niemand, auch wenn die Alterspyramide steil ansteigt und erst bei 85 Jahren endet. Wer auf ihrem Gipfel steht, hat weiß wehende Haare wie Loriots Opa Hoppenstedt und blickt auf die Siebzigjährigen, die glauben, dass sie eine Generation von den Alten trennt. Alle halten sich für jünger, als sie sind. Das gefühlte Alter von Frauen, hat der Psychologe Stefan Grünewald ermittelt, liegt im Schnitt acht Jahre unter ihrem biologischen Alter, gleich alte Männer empfinden sich sechs Jahre jünger. Die beiden Küken der Gruppe, Heidi und Thomas, sind gerade 60. „Wir werden mit unseren Gästen älter“, sagt Sabine Willers vom Veranstalter Sausewind, „und weil Skilaufen auch im Alter Spaß machen soll, haben wir das Silver-Line-Angebot aufgelegt“. Die Silberferien treffen ein Bedürfnis nach individuellem Sport im Schnee. Dafür nehmen die 26 Teilnehmer lange Anreisen auf sich. Sie kommen aus ganz Deutschland, haben unterwegs übernachtet, sich in Kiel eingeschifft, sind wie in alten Zeiten mit der Fähre über das Meer gefahren, bevor sie in Oslo in den Bus kletterten, um in die eiszeitlichen Fjell- und Birkenwaldlandschaften nördlich von Lillehammer zu gelangen. 180 Kilometer gespurte Loipen warten auf uns.

Der ewige Kampf mit der Schwerkraft

Noch stochern wir in der Trimløypa, der Trimmloipe, bis der Nebelvorhang aufreißt und die Sonne in einem dramatischen Auftritt eine gezuckerte Winteridylle freilegt. Die Loipe fließt durch den eingefrorenen Winterwald, und wir bewegen uns in Rillen, die parallel in den Schnee gefräst sind, schnurren und schurren im blitzsauberen Gleis, das uns um Kurven leitet. Anders als bei der Bahn sind die Schienen aber nicht erhaben, sondern tiefergelegt, und Kollisionen ausgeschlossen: Im Schnee verlaufen zwei Gleise, eins für jede Richtung.

Klirrende Kälte, erstarrte Wasserfälle: In Norwegen gibt es noch richtige Winter. Christian Knull
Klirrende Kälte, erstarrte Wasserfälle: In Norwegen gibt es noch richtige Winter. Christian Knull

Für uns Abfahrtsläufer ist das Skifahren in Bahnen ungewohnt. Aber das Ausbrechen aus der Loipe ist nicht ratsam. Manchmal backt der Schnee unter dem Ski, er stollt so abrupt, dass wir das Gleichgewicht verlieren. Die Skier sind überraschend schmal und so glatt, als seien sie eingeseift. Bremsen erweist sich als größte Herausforderung. Auf Abhängen sollen wir fahrplanmäßig entgleisen, einen Ski aus der Loipe heben, ihn diagonal in den Schnee setzen und die Reibung als Bremse nutzen. Das ist entschieden waghalsiger als Kanten und Gewichtsverlagerungen beim Abfahrtsski, mit denen wir bisher Schwerkraft in kontrollierte Geschwindigkeit übersetzten – und geht natürlich schief. Ein ums andere Mal räumen wir wie ein fahrerloser Schneepflug die Loipe frei und erhalten in der Senke einen Schnellkurs, wie man mit Skiern an den Füßen am Hang aufsteht. Die Skier sind unserem Gewicht entsprechend so gespannt, dass zwischen Ski und Schnee gerade ein Blatt Papier passt, wenn beide Skier belastet werden. Bodenkontakt bekommen wir erst bei Belastung eines einzelnen Skis. Die Herausforderung liegt darin, dass die Skier einerseits Reibungswiderstand im Schnee bieten sollen, damit wir uns abdrücken können – und andererseits gleiten müssen. Früher löste man das Problem mit Steigwachs, das mit Temperatur und Witterung variierte und Expertenwissen erforderte. Später erfanden Tüftler den Schuppenski. Mittlerweile stehen Dauerläufer wie Thomas auf nanogewachsten Belastungszonen, wir auf Fell-Skiern. Auf der Unterseite unserer Latten klebt in der Abdruckzone ein feiner Streifen Samt mit Synthetikhaaren wie auf einer Fusselbürste. In Fahrtrichtung gezogen, schmiegen sich die Härchen wie ein Katzenfell an, in der Gegenrichtung stellen sie sich kratzborstig auf und beschenken uns mit Abdruck und Gleitphase.

„So weit klar?“, fragt Wolfram, guckt fürsorglich und kündigt zur Abwechslung eine Schneeschuhwanderung an. Mit krampenbesetzten Aluminiumfüßen unter den Wanderschuhen fühlen wir uns sofort sicher und watscheln wie eine Entenfamilie über ein Feld. Wer im Schnee einbricht, gräbt sich aus und setzt die nächsten Schritte in die Stapfen der vorausschreitenden Entenmutter.

Der Troll lässt sich partout nicht blicken

Die führt die Familie zum Wasserfall von Myfallet. Er liegt in einem Canyon jenseits eines Waldes. Schnee lastet auf den Bäumen, Landkartenflechten kriechen senkrecht über Felsen. Von Ästen hängt dichtes, wirres Engelshaar herab, eine graugrüne, durchscheinende Flechte, die Bärten gleicht, deren Haare feine Eiskristalle tragen. Wir bücken uns, kriechen hindurch und wären nicht erstaunt, wenn zwischen den tausend Bärten, die uns anstarren, Huldra erschiene, die sagenumwobene norwegische Fee, deren Schönheit Männer augenblicklich folgen. Aber weder Huldra noch ein Troll lässt sich blicken, nur das Klappern unserer Schneeschuhe ist zu hören. Der weiße Teppich schluckt jeden Laut. Auch der Schwarzspecht hat seine Arbeit eingestellt. In eine Fichte hat er eine lange Reihe faustgroßer Löcher übereinander gehämmert, bis der Stamm einer riesigen Blockflöte gleicht. Wir klettern in ein Tal. Plötzlich Gelächter. Unter einem Baum macht eine Gruppe Dänen Rast. Sie kochen in einem verrußten Topf Kaffee auf und sitzen vergnügt um einen grob gezimmerten Tisch. Hinter ihnen rauscht der Wasserfall, der in zwei übermütigen Sprüngen aus den Felsen fällt und zu meterdicken Stalaktiten gefroren ist. Unter seinem durchscheinenden Eis perlt Schmelzwasser. Es stürzt 30 Meter in die Tiefe, um sogleich unter einer Schneeschicht zu verschwinden.

Verzapft, nicht genagelt: Die Stabkirche von Ringebu ist der ganze Stolz der Menschen im Fjell. Christian Knull
Verzapft, nicht genagelt: Die Stabkirche von Ringebu ist der ganze Stolz der Menschen im Fjell. Christian Knull

Uns soll der Schnee tragen, und so eilen wir Silverliner jeden Morgen zur Theke des Hotels und greifen aus einer Batterie Thermosflaschen die eigenen. Heißes Wasser, grüner oder schwarzer Tee mildern die Kälte. Wir schultern Rucksäcke, verstauen Thermosflaschen und Brotdosen und ziehen mit dem Proviant davon. Bewirtschaftete Hütten gibt es kaum. Daran hat sich seit 1983 nichts geändert. Solange fährt Peter Tresp aufs Fjell. Sein „Schneehaufen“, der einst einen Bus füllte, besteht nur noch aus sieben Aufrechten. Die Gruppe hat sich den Silbrigen von Sausewind angeschlossen und freut sich, in das Hotel zu fahren, das die Gruppe in den Sechzigerjahren entdeckte. Mittlerweile führt Ingeborg Victoria Vendelboe Myhre, die jeden ihrer vier Vornamen mit einem strahlenden Lächeln nennt, in dritter Generation das Haus. Ihre Großmutter hat die Inneneinrichtung des Salons mit den breiten Sesseln und stoffbezogenen Sofas entworfen. Das Feuer im gemauerten Kamin prasselt seit dem Morgen, die Gäste lesen Bücher oder betrachten das Panorama mit den Bergen Svartfjellet und Dynjefjellet. Wenn sie sich hochstemmen und über den Teppich schreiten, gleichen manche Freddie Frinton und Mae Warden aus „Dinner for One“, doch auf Skiern verwandeln sich alle in die leichtfüßigsten Läufer, und Hallux valgus und steife Hüften sind kein Thema mehr.

90 Prozent der Gäste des Venabu kommen aus dem Ausland, die meisten sind Briten, Dänen und Deutsche. Selbst Australier und Amerikaner quartieren sich in dem Traditionshaus ein und freuen sich auf Rakfisk, den fermentierten, über Monate vergorenen Saibling, gepökelten Weißfisch, Wildpastete und marinierten Elch, der mit selbst gemachtem Johannisbeergelee gegessen wird. Einmal in der Woche braten die Köche Rentier und reichen eine dunkle, süße Soße. Sie besteht aus Geitost, einem Braunkäse, der seinen karamellartigen Geschmack vom Einkochen der Molke erhält, die den Milchzucker kristallisieren lässt. Unser Favorit unter den Braunkäsen aber ist Huldreost, ein schokoladenbrauner Molkekäse, der aus Rohmilch von Kühen hergestellt wird. Aquavit, Wacholderbeeren und Engelwurz verleihen ihm einen Geschmack, der so eigen ist, dass er Nachtisch und Digestif zugleich ersetzt.

Norwegischer Humor: ein überdimensiuonierter Käsehobel als Kunst im öffentlichen Raum.
Norwegischer Humor: ein überdimensiuonierter Käsehobel als Kunst im öffentlichen Raum.

Haldis Twete, die Seniorchefin, wacht über den Käseeinkauf und nimmt uns mit nach Ringebu. In der kleinen Kreisstadt lebte Thor Bjørklund. Er schenkte der Welt den Käsehobel, der auf keinem norwegischen Tisch fehlen darf, denn Brunost, der Braunkäse, lässt sich nur mit diesem Hobel in dünne Scheiben schneiden. Die Geschichte sagt, dass Bjørklund am Portionieren seines geliebten Käses mit dem Küchenmesser verzweifelte. Da er Schreiner war und mit Hobeln arbeitete, tüftelte er so lange, bis er den Käsehobel zur Marktreife gebracht hatte. 1925 meldete er sein Küchengerät zum Patent an und machte ein ganzes Land glücklich.

Die schönste und größte aller Stabkirchen

Ein acht Meter hoher Käsehobel erinnert im Zentrum von Ringebu an seinen Erfinder. Der Besuch von Ringebu lohnt aber noch aus einem anderen Grund. Hinter einem Grabhügel aus der Wikingerzeit erhebt sich oberhalb des Ortes eine mächtige Stabkirche. Sie ist eine der schönsten und größten der 28 noch verbliebenen Holzkirchen Norwegens, die nach der Christianisierung des Landes gebaut wurden. 1220 schlugen die Baumeister die ersten Stämme, stellten sie mit langen Brettern senkrecht auf Schwellen und errichteten um sie herum das Kirchenschiff. Die Pfosten nennen die Norweger Stäbe und ihre aus Holz erbauten Gotteshäuser Stabkirchen. Bis in die Höhe der verschachtelt aufgesetzten Dächer sind die Bauten verzapft, nicht einen Nagel verwendeten die Zimmerleute. Die mächtigen Fichtenstämme, die das Gebäude tragen, sind grau marmoriert, als seien es Säulen. Ihre Füße sind rot gestrichen.

Die Spitzen unserer Skier sind in dem gleichen Rot lackiert. Aber auch eine Maserung würde aus den gebogenen Stäben keine sicheren Stützen machen. Dennoch kann man mit ihnen sogar Berge hinauflaufen. Das ist ein Vorteil des leisen Skisports, denn bergauf laufen Abfahrer selten. Sie suchen Lifte, um Höhe zu gewinnen, oder pferchen sich Helm an Helm in enge Gondeln. Wir wählen für unseren Aufstieg den Black Rock, den Svartfjellet, schwingen, wie am ersten Tag geübt, brav die Arme und gleiten durch die frisch gezogene Spur. Die Baumgrenze ist nach wenigen Kilometern erreicht. In Norwegen fällt sie schnell auf tausend Meter. Vereinzelt stechen weiß gepuderte Tannen aus dem endlos weiten Schneekissen, das sich fluffig wie ein aufgeschütteltes Schneekissen in der Landschaft bauscht. Die Morgensonne atmet den Schnee an, Kristalle reflektieren ihr Licht hunderttausendfach. Steil führt die Loipe bergauf, wir trippeln in kurzen Schritten, bis wir keuchend in den Fischgrätenschritt übergehen und mit weit auseinandergestellten Skiern v-förmige Schnitte in den Schnee kerben. Oben heult der Wind über die Kuppe des Svartfjellet, die Loipe führt am Kegel vorbei, aber wir verlassen sie, wollen hinauf, raus aus der Spur, rein in den Tiefschnee. Der Wind hat dem Schnee eine harte Kruste gebacken und ein endloses, straffes Tuch über den Berg gezogen, als habe Christo Hand angelegt.

Der harte Untergrund trägt, die Stöcke bieten Halt, bis wir an eine Flanke geraten, in die pudriger Schnee hineingetrieben wurde. Wir sinken ein, mühen uns weiter, die Kapuzen tief über die Pudelmützen gezogen, und bangen, ob wir jemals von diesem Mond heil hinabkommen. Auf dem Gipfel ein weißer, geometrischer Punkt, ein bizarres, schneebedecktes Zeichen, das von Stahlseilen gehalten wird. Das Eis hat es auf die dreifache Stärke anwachsen lassen. Wir schauen in die Weite der schneebedeckten eiszeitlichen Kuppen des Rondane Nationalparks, in Wälder, von deren Kronen der Wind den Schnee geblasen hat, und auf eine makellose ebene Fläche zu unseren Füßen, den zugefrorenen Flaksjøen-See.

Dann der Abstieg. Schritte in die Tiefe. Der Wind treibt uns weit auseinander, und wir rutschen, schurren und fallen und graben, versuchen Spitzkehren, stolpern, stürzen. Unten endlich die gespurte Loipe. Und hier nimmt das Drama seinen Lauf. Was wir am Vormittag aufgestiegen sind, müssen wir auf der anderen Seite des Svartfjellet wieder hinab. Und was vor uns liegt, ist ein olympiawürdiger Skihang – nicht für Langläufer, sondern für Abfahrer. Eine FIS-Abfahrt, eine Streif wie in Kitzbühel. Und während wir noch rätseln, wie wir es angehen sollen, zerreißt ein Schrei die Stille. Hilmar ist im Anflug. Im Schneepflug. Auf eisglatter Piste. Hoffnungslos, hier zu bremsen. Wie ein Formel-1-Pilot, der seinen neuen Ferrari SF-26 ausfahren will, rast er auf uns zu. Die Augen groß wie Teller, der Mund aufgerissen, die Pudelmütze weit über den Kopf gerutscht. Überraschenderweise gelingt es ihm, mit einer ruckartigen Gewichtsverlagerung an uns vorbeizuschießen. Er beschleunigt, scheint jetzt hochzuschalten, wird zu einem Geschoss. 200 Stundenkilometer schnell, schwört ein Silverliner, aber das ist übertrieben. Im Alter lässt die Fähigkeit nach, Geschwindigkeit zu schätzen. Hilmar ist vorbei. Ein Luftzug bleibt. Tief unter uns wird er kleiner und kleiner. Im Tal trägt es ihn aus der Kurve, er explodiert wie ein weißer Feuerball in einer Staubwolke.

Ein kleiner Unterstand lädt zur Rast. Die Frauen setzen die Mützen ab und schütteln ihr weißes Haar. Sie sind wieder Damen, knöpfen ihre Thermoröcke ab und ziehen Sitzkissen aus den Rucksäcken. „Ist doch ein ehrlicher Sport“, sagt Eva, „was man abfährt, muss man vorher hinaufsteigen.“ „Und keine Lifte, die die Landschaft verschandeln“, sagt Klaudia. „Wenn ich an dieses Getrappel der Skistiefel in den Hütten denke.“ Eine Pause tritt ein. „So ein stilles, weites Land“, sagt Meike. „Alles so nachhaltig“, sagt Gabriele. Hilmar sagt nichts. Er ist immer noch blass.

Informationen: Das Venabygdsfjellet ist ein beliebtes norwegisches Skigebiet am Rand des Rondane-Nationalparks nördlich von Lillehammer. 180 Kilometer Loipen werden bis in den April hinein täglich gespurt. Auf dem Hochplateau finden Anfänger und Fortgeschrittene geeignete Touren. Die App „Loipen“ zeigt in unterschiedlichen Farben, welche Loipen zu welcher Zeit gespurt wurden. „YR“ ist eine zuverlässige norwegische Wetter-App. Das traditionsreiche Venabu Fjellhotell auf 930 Meter Höhe ist eine gute Basis für Cross Country Skitouren. Der Reiseanbieter Sausewind aus Oldenburg bietet Silver Line Reisen dorthin an (www.sausewind.de)