SZ: Herr Gerst, die Crew von Artemis 2 ist unterwegs zum Mond, wären Sie da jetzt auch gerne dabei?
Alexander Gerst: Selbstverständlich, aus vielerlei Gründen. Das sind meine Freunde. Ich habe am Morgen des Starts noch mit Reid (Commander Reid Wiseman, Anm. d. Red.) gesprochen, er ist einer meiner engsten Freunde überhaupt. Wir waren zusammen im Weltraum, wir haben gemeinsam einen Weltraumausstieg gemacht, wir verstehen uns blind. Ich wäre jetzt gerne an seiner Seite. Ich wäre gerne da, falls er in eine schwierige Situation kommt. Aber natürlich, klar, ich würde mich auch selbst freuen, auf so einer Mission zu sein.
Wie würden Sie die Artemis-2-Mission in der Raumfahrtgeschichte einordnen, wie bedeutend ist dieser Testflug zum Mond?
Das ist ein historischer Moment. Das ist der Beginn der zweiten Welle der Exploration des Weltraums. Das ist so ähnlich wie mit der Antarktis, da gab es die erste Welle, in der es darum ging, eine Flagge aufzustellen. Dann kam die zweite Welle, die dazu geführt hat, dass es jetzt permanent besetzte Antarktisstationen gibt, unter anderem eine deutsche. Das Gleiche wird mit dem Mond passieren, und dieser Start ist der erste Tag davon.
US-Präsident Trump hat per Dekret verfügt, dass bis 2028 wieder Amerikaner den Mond betreten sollen, also noch während seiner Amtszeit. Aber für die Menschheit würde es vermutlich auch noch ausreichen, wenn das erst 2029 oder 2030 geschähe.
Bei dem Artemis-Programm handelt es sich ja um eine ganze Sequenz von Missionen, die aufeinander aufbauen. Das sind jetzt erst mal Testmissionen, dann gibt es kurze Landungsmissionen und längere Landungsmissionen. Und irgendwann hat man alles zusammen, was man braucht, um da eine Station hinzustellen. Das ist meine Vision.

Eine Mondstation?
Dass wir irgendwann dort oben auf dem Mond auch eine europäische Forschungsstation haben. Eine Station, wo auch deutsche Forscherinnen und Forscher auf dem Mond mit ihren internationalen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten.
Ist das realistisch?
Ja, das hat man in der Antarktis gesehen.
Der Mond und die Antarktis – den Vergleich scheinen Sie zu mögen …
Der geht sogar noch weiter: Der Mond ist unser achter Kontinent. Der ist drei Tage Reisezeit entfernt, das muss man sich mal vorstellen! Den müssen wir allein schon deswegen erforschen, weil er da ist.
Gibt es noch weitere gute Gründe, ihn zu erforschen?
Selbstverständlich. Zunächst einmal wissen wir gar nicht, wie der Mond entstanden ist. Wahrscheinlich aus der Erde heraus. Wir können dadurch in die Vergangenheit der Erde schauen. In dem Wasser, das wir am Mond-Südpol finden, das da seit Jahrmillionen in diesen Kratern eingefroren ist, wo nie die Sonne reinscheint – vielleicht können wir da Spuren von elementarem Leben finden. Wir wissen gar nicht, wie das Leben auf der Erde entstanden ist. Das kann uns vielleicht eine wichtige Lücke schließen.
Faszinierend.
Aber noch wichtiger für uns und unsere Zukunft ist vielleicht die Erforschung von Asteroiden. Wir haben mitten in Deutschland einen 25 Kilometer großen Krater, das Nördlinger Ries, da passt ganz München rein. Geologisch ist das gestern passiert. Und das wird auch wieder passieren. Wir wissen nur nicht, wann und mit welcher Wahrscheinlichkeit.
Das sagt uns der Mond?
Um das zu untersuchen, müssen wir jedenfalls zum Mond, weil da sehr viele Meteoriteneinschlagskrater sind. Dort können wir das Risiko besser erfassen. Wir können dadurch auch weiter in den Weltraum rausschauen. Und wir könnten vor allem die großen Brocken viel früher entdecken und sie dann auch gegebenenfalls ablenken, damit sie die Erde nicht treffen.

:Wo die Raumkapsel unterwegs ist
Und wann kritische Manöver anstehen. Die Route der Mondumrundungs-Crew in Bildern und Grafiken.
Okay, dann scheint sich die Mühe ja zu lohnen …
Dann gibt es noch eine weitere Ähnlichkeit zwischen Mond und Antarktis: In der Antarktis sind ja die Klimadaten der vergangenen Millionen Jahre im Eis eingefroren. Und auf dem Mond ist wahrscheinlich der Sonnenwind eingefroren.
Wo könnte der eingefroren sein?
In dem Mondstaub der letzten Jahrmilliarden. Dadurch können wir abschätzen: Was gab es denn da vielleicht für Sonneneruptionen in den letzten Millionen Jahren? Was ist denn so das Schlimmste, was auf uns zukommen könnte? Wir wissen, das kann im Nu alle Satelliteninfrastruktur und alle Elektrizitätsnetzwerke ausschalten, wenn wir da nicht gewappnet sind. Solche Sachen erfahren wir vom Mond. Und die sind für uns hier irgendwann mal eventuell überlebenswichtig.
Ist es nicht ein Wunder, dass es die Astronauten der Apollo-Missionen Ende der Sechziger auf den Mond geschafft haben? Vermutlich steckt in einem Smartphone mehr Technik als in den Raumschiffen von damals.
Mit Sicherheit, ja. Die Weltraumantriebe sind im Prinzip noch so ähnlich wie damals, deswegen brauchen wir immer noch eine große Rakete. Aber die ganze Technik drum herum ist natürlich wesentlich moderner. Und diese Rakete in der Kombination mit dem europäischen Servicemodul ist auch leistungsfähiger als die von Apollo. Deswegen kann man mit den Artemis-Missionen bald am Mond-Südpol landen, während die Apollo-Missionen nur um den Mondäquator herum landen konnten. Alle sechs Landestellen waren relativ ähnlich – im Basalt, es gab da keine alten Gesteine. Am Südpol gibt es viel mehr Geheimnisse zu entdecken.
Auch wenn die Technik fortgeschritten ist: Es bleibt ein gefährliches Unterfangen, es kann sein, dass man von so einer Mission nicht zurückkommt.
Das ist allen klar. Den Astronauten am allermeisten. Es gibt im Leben manchmal Dinge, die so wichtig sind, in dem Fall für die gesamte Menschheit, dass es sich lohnt, dafür ein höheres Risiko einzugehen.
Kann das jetzt ein Moment sein, wo die Menschheit mal kurz innehält und gemeinsam gen Himmel schaut?
Ich hoffe, dass es so ist. Ich bin mir ziemlich sicher, das wird spätestens dann passieren, wenn die Menschen wieder auf dem Mond landen. Man hat damals gesehen bei Apollo, wie wichtig das ist.
Wir waren damals beide noch nicht am Leben.
Aber ich glaube, wir erinnern uns alle daran, wie unsere Eltern uns gesagt haben, wo sie im Moment der Mondlandung waren. Wenn man unsere Generation nach solch einem Moment fragt, dann sagen alle: Der 11. September, da weiß jeder noch genau, wo er das gesehen hat. Ich finde es bezeichnend, wie solche Momente ein kollektives Bewusstsein definieren können. Jetzt haben wir die Chance, wieder einen positiven Moment zu gestalten, mit dem wir die Menschheit zusammenbringen.
Sind Sie da nicht etwas zu optimistisch?
Glaube ich nicht. Irgendwann wird es diesen Moment wieder geben, spätestens dann, wenn wir einen Europäer oder eine Europäerin haben, die auf der Mondoberfläche landet und beschreibt, wie es ist, vom Mond auf die Erde zurückzuschauen. Wie es ist, diesen Planeten mit dem Daumen zu verdecken. Das hat mir Harrison Schmitt mal erzählt.
Einer der vier noch lebenden Menschen, die schon einmal auf dem Mond waren.
Genau. Er stand da auf dem Mond und hat die Erde verdeckt. Und dann waren ein paar Milliarden Menschen einfach weg, hinter dem Daumennagel. Es ist auch total wichtig für unser Land, dass wir solche Geschichten erzählen können. Die nächste Generation, das sind die Sendung-mit-der-Maus-Knirpse, die werden sich bald überlegen, was ihre Träume sind und wie sie die verwirklichen wollen. Und wenn wir denen die Message geben: Ihr braucht nicht unbedingt zum Studium nach Amerika, sondern ihr könnt es auch in Deutschland schaffen. Ihr könnt Ingenieurin werden, die Raumschiffe baut, ihr könnt Astronautin werden, Wissenschaftler, Technikerin. Das ist mega-wichtig. Das ist mein großes Ziel: Dass diese Knipse sich sagen: Ja, wenn der Gerst das kann, dann kann ich das schon lange.
Was war Ihr erster Mondmoment als Kind?
Die Erzählung von meinem Großvater, der die Mondlandung gesehen hat. Er war Amateurfunker und konnte seine Antenne auf den Mond ausrichten. Das Mondrauschen hat mich immer fasziniert.
Was war da zu hören?
Rauschen. Aus dem Funkgerät kam im Grunde dasselbe Rauschen wie immer. Aber ich wusste dieses Rauschen, das ist besonders, das kommt vom Mond.
