Iran-Krieg trifft Luxusbranche: Warum Luxusmarken wie Dior, Hermès & Co. jetzt zittern müssen

Iran-Krieg trifft LuxusbrancheWarum Luxusmarken wie Dior, Hermès & Co. jetzt zittern müssen

03.04.2026, 09:31 Uhr

imageVon Siems Luckwaldt

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Früher stützte die reiche Klientel vom Golf die Luxusmodebranche, wenn Europa und China schwächelten. Der Iran-Krieg hat ihnen jedoch die Shoppinglaune verdorben. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Dior, Hermès und andere Giganten wurden einst als krisenfest angesehen. Doch der Krieg im Nahen Osten bringt ihr sicheres Geschäftsmodell schwer ins Wanken. Für die Luxushäuser könnte es die teuerste Saison seit Langem werden.

Als vor wenigen Tagen die neuen Herbstkollektionen in Paris und Mailand gezeigt wurden, war der Iran-Krieg ein unsichtbarer Gast. Die teuren Modestücke waren lange vorher entworfen worden – aber vor allem für eine Gruppe, die jetzt hoch verunsichert ist. Die Golfregion war der große Stabilitätsanker der Luxusmode, die zuletzt von zahlreichen Weltkrisen getroffen wurde. Ein Stück nach dem anderen entwarfen die Luxuslabels für die vermögenden Käufer aus dem Nahen Osten.

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Der Markt für persönliche Luxusgüter stagniert laut Bain & Company und dem italienischen Branchenverband Altagamma 2025 auf hohem Niveau. Die Zahl kaufwilliger Kunden schrumpfte, während sich die Ausgaben auf eine sehr wohlhabende Minderheit konzentrierten – vor allem aus der Golfregion. Für Mode und Accessoires bedeutet das eine wachsende Abhängigkeit von Menschen, die mehrmals im Jahr an die Seine, die Themse oder Isar jetten, um dort Taschen und ganze Outfits im Paket zu kaufen, ehe sie nach Dubai, Abu Dhabi oder Doha zurückkehren.

China und Europa in der Krise

China steckt unterdessen im zweiten Krisenjahr: Lederwaren brachen 2025 um acht bis elf Prozent ein, lokale Marken gewinnen Marktanteile, Bain erwartet auch 2026 allenfalls verhaltenes Wachstum. Der Nahe Osten hingegen wuchs um vier bis sechs Prozent und galt als einzige Region, „aus der die Branche noch echte Zuversicht schöpfte, als das Jahr 2026 begann“, wie Luca Solca, Luxusanalyst beim Investmenthaus Bernstein, es formulierte.

In den Konzernbilanzen ist die Verschiebung ablesbar. Hermès steigerte den Umsatz 2025 auf 16 Mrd. Euro – plus neun Prozent. Im Nahen Osten lief es mit rund 15 Prozent Zuwachs noch viel besser. Kering meldet insgesamt ein Minus von 13 Prozent – mit einer einzigen Ausnahme: Bottega Veneta wuchs im Jahresverlauf als einzige Kering-Marke, getragen unter anderem von der Golfregion. Im selben Zeitraum schloss der Luxuskonzern netto 75 Filialen. Die Strategie „weniger Standorte, höhere Preise“ wird also exakt in dem Augenblick kannibalisiert, in dem die verbliebenen Boutiquen durch den Krieg unter Druck geraten.

Touristen könnten fernbleiben

Hinzu kommt die touristische Dimension. Laut Auswertungen des steuerfreien Einkaufs gehören Kunden aus der Golfregion in Europa zu den umsatzstärksten Käufergruppen, mit Bons, die den europäischen Durchschnitt weit übersteigen. Piral Dadhania, Luxusanalyst der Royal Bank of Canada, warnte Anfang März, Golfkunden könnten nach dem Fastenmonat Ramadan schlicht zu Hause bleiben – zum Teil kriegsbedingt. Das würde den Luxusumsatz in Europa empfindlich treffen.

Diese beiden Stränge – lokales Geschäft und Shoppingtourismus – verstärkt der Irankrieg nun seit Ende Februar. Flugverbote, gestrichene Verbindungen und eingeschränkter Betrieb an Drehkreuzen wie Dubai, Doha und Abu Dhabi bremsen den Verkehr massiv aus. Die Chalhoub Group, die rund 900 Filialen für Marken wie Versace, Jimmy Choo und Sephora betreibt, schloss in Bahrain komplett; in den Emiraten und Saudi-Arabien erscheint das Personal allenfalls freiwillig. Kering sperrte Boutiquen in vier Golfmärkten gleichzeitig und strich alle Geschäftsreisen in die Region.

Besonders heikel ist der Zeitpunkt. Bernstein schätzt, dass der Konflikt die Umsätze in der Region im März halbiert und den Quartalsumsatz um rund einen Prozentpunkt gesenkt haben dürfte. Denn der Ramadan vom 18. Februar bis zum 20. März ist im Golf längst eine der wichtigsten Saisons: Laut einer gemeinsamen Studie von Google und Visa steigen die Modeumsätze in Saudi-Arabien in der Spitzenphase kurz vor dem Fastenbrechen in normalen Jahren um bis zu 136 Prozent gegenüber gewöhnlichen Wochen. In diesem Jahr fiel das in die erste heiße Phase des Konflikts. Die wohlhabenden Golfkunden, die traditionell direkt im Anschluss nach Europa reisen, sind bislang weitgehend ausgeblieben.

Doch auch ohne den Iran-Krieg hätte die Modebranche ein schwieriges Jahr vor sich. Handtaschen und Lederwaren, lange die zuverlässigsten Gewinnbringer, stoßen an ihre Grenzen: Preissteigerungen von 50 bis 70 Prozent seit 2019 und wachsende Klagen über sinkende Qualität lassen die Akzeptanz bröckeln. Überkapazitäten wandern in Outlets und auf Wiederverkaufsportale wie Vestiaire Collective – mit dem Effekt, dass Marken in rabattierten Kanälen sichtbarer werden und ihre Aura der Exklusivität leidet.

Dior leidet anders als Rolex

Anders als Uhren und Schmuck, die in Krisenzeiten als Sachwerte aus Edelmetall einigermaßen stabil bleiben, ist die Ware „Mode“ strikt saisongebunden. Bleibt das Sommersortiment in Teheran und anderswo in der Golfregion auf der Stange hängen oder kann gar nicht ausgeliefert werden, ist es binnen weniger Monate bloß noch mit hohen Abschlägen absetzbar. Das frisst sich unmittelbar in die Margen. 

Auch für Luxusmeilen wie die Maximilianstraße in München, die Düsseldorfer Königsallee oder den Neuen Wall in Hamburg ist der Nahostkonflikt kein abstraktes Thema. Ein spürbarer Teil der Sommerbons kommt von reisenden Kunden aus der Golfregion, die Nachschub für ihre Ankleidezimmer brauchen – und nun womöglich ausbleiben

Hinzu kommt ein subtilerer Effekt: Wenn reiche Kunden weltweit Bilder von Explosionen in Dubai sehen, justieren sie ihre Reisepläne neu und verändern teils auch ihre Beziehung zum allzu hedonistischen Konsum. Das trifft die Mode härter als den Schmuck, weil ihre Begehrlichkeit nicht auf einem erwarteten Werterhalt beruht, sondern auf einem Lebensgefühl, das gerade erschüttert wird. Und das macht den Iran-Krieg für die Luxushäuser zur teuersten Saison seit langer Zeit.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de

Quelle: ntv.de