Nonas neuer Brief aus dem Irankrieg

Mein Lieber, das goldene Licht vor Sonnenuntergang fällt auf meinen Körper. Ich sitze auf dem Boden und sehe den Schafen zu, wie sie mit unstillbarem Appetit das Unkraut im Olivenhain fressen. Ich aber habe den ganzen Tag im Bett gelegen und die Augen geschlossen gehalten.

In diesen Tagen wache ich jeden Morgen vor sechs Uhr aus einem Albtraum auf. Endlich habe ich eine Lösung gefunden, um ihnen zu entkommen: weniger schlafen und länger wach bleiben. Ich weiß nicht, was schwerer ist – die Albträume im Schlaf oder die im Wachsein. Letzte Nacht habe ich wieder geträumt: Ich suche auf der Karte meines Handys nach Iran, aber ich kann es nicht finden. Ich sage S., unserem amerikanischen jungen Gast, vielleicht sei die Karte meines Handys gefiltert, weil ich Iranerin bin. Ich sage ihm: Iran sieht aus wie eine Katze. S. sagt mir: Ein solches Land gibt es gar nicht. Ich denke an meine Katze. Ich bin sicher, dass sie in Teheran auf mich wartet.

Ich öffne die Augen. In den Nachrichten lese ich, dass das Atomkraftwerk Bushehr mit Raketen angegriffen wurde. Ich denke an H., meine Freundin, die in die Palmenhaine von Bushehr geflohen ist. Soll ich ihr schreiben, dass sie diesen Ort besser verlassen sollte? Aber diesmal geht es um Radioaktivität. Wie weit müsste sie gehen, um wirklich sicher zu sein? Meine Mutter schreibt mir: Bleib vorerst in der Türkei, der Krieg wird bald zu Ende sein, und du kannst ohne Probleme nach Hause zurückkehren. Dann schickt sie ein Herz und fügt hinzu: Wie du weißt, sind wir dabei, zu gewinnen. Offenbar war sie bei der Beerdigung eines Verwandten – wahrscheinlich eines Mannes aus den Reihen der Revolutionsgarde. Ich stecke das Handy in meine Tasche.

Das, was ich fühle, kann ich nicht in einem iranischen Messenger-Dienst schreiben

Ich stelle mir vor, barfuß mitten im Olivenhain zu stehen und diesen ganzen Weg zu Fuß gehen zu müssen, um sie zu erreichen – um die Entfernung zwischen uns zu überbrücken. Wie viele Tage, wie viele Wochen, wie viele Monate müsste ich gehen, um sie zu erreichen und für einen Moment zu spüren, dass es noch eine Verbindung zwischen uns gibt? Ich antworte ihr nicht. Ich kann das, was ich wirklich fühle, nicht in einem iranischen Messenger schreiben. Nutzt meine Mutter dieses erzwungene Schweigen aus? Erinnerst du dich, du hast einmal gesagt, einmal iranisch zu sein reiche für ein ganzes Leben? Ich spüre das hier in jeder meiner Zellen. Dass selbst die Politik in die Beziehung zu meiner Mutter eingedrungen ist. Ich habe das Gefühl, jemand hat seinen schweren Stiefel auf meine Brust gesetzt. Für einen Moment bin ich sogar froh, hier hinter den Grenzen festzustecken – weit weg von den endlosen Konflikten mit meiner Familie.

Ich habe gelernt, dass man seiner Familie niemals den Rücken kehren darf. Also kehre ich ihr nicht den Rücken. Ich versuche, sie zu verstehen. Und manchmal kann ich sie sogar verstehen. Ich kann verstehen, dass im Krieg immer beide Seiten siegen, dass der Tod zu Märtyrertum und Erlösung wird. Ich verstehe, wie Worte Gefühle lenken können und den Hinterbliebenen helfen, mit dem Verlust zu leben. Die Vögel singen, und die Hunde spielen miteinander. Ich setze die Kopfhörer auf und bringe die Natur zum Schweigen. Ich lasse die Stimme von Ghoogha Tabaan in Schleife laufen: „Ich küsse dich mitten unter den Taliban, du hast keine Angst, ich küsse dich in der Ecke der Moschee, du zitterst nicht. Zwischen den Salven der Maschinengewehre – nimm es von meinen Lippen . . .“.

Ich spüre, wie diese Worte, die aus der Kehle dieses afghanischen Mädchens kommen, mein Ohr wärmen. Ich lege mein Gesicht an den alten Stamm des Olivenbaums. Mein Körper ist schweißnass. Ich denke daran, dass ich meine Kleidung waschen muss, die Bettwäsche, den Boden kehren, mein Zimmer aufräumen.

Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin jede Woche einen Brief, in dem sie aus ihrem Leben von und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen von Mehrdad Zaeri.