Musée Sentimental im Kolumba Köln: Wo liegt der Geist der Dinge?

Braucht der Glaube einen Raum? Gepredigt werden kann eigentlich unter freiem Himmel. Zugleich beschreibt schon das Alte Testament detailliert Gebäude wie den Salomonischen Tempel oder Hesekiels Vision des Dritten Tempels. Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage in den Dingen des Glaubens, den Devotionalien, der religiösen Kunst.

Ein Museum ist natürlich kein Tempel. Doch gestaltete Peter Zumthor den 2007 eröffneten Neubau des Kunstmuseums des Erzbistums Köln in seinen klaren, massiven, zugleich anmutigen Formen vielmehr entlang der Überlieferungen der alttestamentarischen Tempel als im Stil der im Zweiten Weltkrieg zerbombten, romanischen Kirche St. Kolumba mit ihren gotisierten Fenstern, über deren Ruine das neue Museum „Kolumba“ entstand.

Von Baubeginn an mit dabei war der Kurator des Erzbischöflichen Diözesanmuseums, Stefan Kraus. Seit 2008 prägte er dann als Direktor das Kolumba und dessen thematische Jahresausstellungen. Ende 2025 wurde Kraus verabschiedet. Wo eigentlich jede Ausstellung des Kolumba die Mannigfaltigkeit der Sammlung preist und zeigt, wie von spätantiker Kunst über Glasgefäße, Monstranzen, Bildzeugnisse der Volksfrömmigkeit bis hin zu Arbeiten der Moderne und Postmoderne jedes Werk mit dem gleichen Respekt präsentiert werden kann, wie sollte man da zum Abschied Kraus’ Schaffen auf besondere Weise ehren? – Mit den Objekten einer geheimen Sammlung!

Die Ausstellung

„Le Musée sentimental de Kolumba. Eine Geschichte des Museums in 36 Objekten.“ Kolumba – Kunstmuseum des Erzbistums Köln, bis 14. August. Katalog (Verlag Kolumba Köln): 24 Euro

Stefan Kraus und seine Mitarbeiter pflegen eine kleine Kollektion besonderer Gegenstände, man könnte sagen: Fundstücke oder Dinge, die so anfallen. Sie bilden das „Musée Sentimental de Kolumba“. 25 Exponate dieser Sammlung kommen nun zur Schau. Da wäre etwa ein weißer Baustellenhelm mit einem kleinen Lego-Aufkleber. Kraus trug den Helm auf der Kolumba-Baustelle, sich seiner Rolle inmitten von Architekten und Handwerkern wohl bewusst. Eine Badeente im Piratenlook und ein kleiner Kunststoffball bezeugen die Konfrontation des Museums mit dem an ihm vorbeiführenden Karnevalszug.

„Chanel Le Vernis“-Nagellack

Ein angebohrtes Kupferrohr erzählt von einem gerade noch verhinderten massiven Wasserschaden. Alltagsobjekte und zugleich doch stolze Träger von so gar nicht banalen Geschichten. Da ist das Fläschchen „Chanel Le Vernis“-Nagellack in der Farbe 143 „Diva“. Als man die Künstlerin Susanne Kümpel anlässlich ihrer Ausstellung im Kolumba nach der Farbe des Umschlags der begleitenden Publikation fragte, war dieser Nagellack ihre Antwort. Da Kümpel Menschenmassen scheut, widmete man ihr eine Voraberöffnung im kleinen Kreis, bei der sich alle Anwesenden einen Fingernagel mit 143 „Diva“ lackierten.

Heiliges Gerät und banales Ding, Reliquienbüste und Baustellenhelm, haben alle eine Story



Foto:
Mareike Tocha © Kolumba, Köln

Nachdrücklich erfährt man hier die psychische Dimension des Raums. Lange, schmale, von Wänden flankierte Treppen, die in das unbestimmte Leuchten noch nicht einsehbarer Räume münden, rühren an elementare Erfahrungen jenseits der Sprache. Die kleinen Schwellen im Boden, die unüblichen Raummaße, sie kommunizieren mit allen ausgestellten Objekten – nein, mit fast allen.

Vertieft in den Anblick der winzigen, aber minutiös beschrifteten Transportstütze von Paul Theks mumienartigen „Fishman“ aus Latex. Doch das Werk des 1988 in New York an Aids verstorbenen Paul Thek ist abwesend. Nur das liebevolle Begleitheft zur Ausstellung berichtet von der immensen Fragilität der Arbeit, kein Hinweis hier auf die weltbedeutende Sammlung des amerikanischen Künstlers im Fundus des Kolumba, sondern mit Seitenblick auf das nächste sentimentale Objekt bemerkt man ein Aufgehen in der eigenen Gedankenwelt.

Das Museale und Architektonische verschwinden in dem, was sich da als kleine Sonderschau in die Jahresausstellung „Make the secrets productive!“ schlich. Auf diese Weise beantwortet das Musée Sentimental die Frage nach Glaube und dem Raum. Glaube braucht den Raum, frei zu denken, den Erfahrungsraum, sich für Momente von physischen Grenzen zu lösen. Ein Raum der individuellen Auseinandersetzung mit Fragen und Geschichten.

Daniel Spoerri, Marie-Louis von Plessen und die Dinge

Mit diesem Ansinnen entwickelten der Schweizer Künstler Daniel Spoerri und Marie-Louise von Plessen in den späten 70ern zwischen Kunst und damals neuen Perspektiven der historischen Wissenschaften das Konzept des Musée Sentimental, eine Sammlung beiläufig scheinender Dinge, mal Anspielung oder auf ein großes Ganzes verweisendes Teil, mal Anekdote oder auch philosophisches Objekt.

Als Spoerri sein Konzept 1979 im Kölnischen Kunstverein erstmals verwirklichte, war der junge Stefan Kraus beeindruckt. Nun sind es seine Objekte, die beeindrucken. Eine bemalte hölzerne Reliquienbüste aus dem 14. Jahrhundert, bei der weder klar ist, wen sie abbildet, noch ob die Reliquie zum Abgebildeten gehört, fragt essenziell nach Glaube und Materialität.

Was bezeugen Dinge? Die prachtvolle „Madonna mit dem Veilchen“ vom Meister der spätmittelalterlichen Kölner Malerschule, Stefan Lochner, wurde als Leihgabe dem Musée Sentimental hinzugefügt. Blickt man über die Tische, korrespondiert Lochners zartes Veilchen in der Hand der Jesusmutter mit einem kleinen, selbstgemachten Papierblumenstrauß, den die Vorschülerin Mariam Nazari auf einer Kölnreise anfertigte und dem Kolumba Museum schenkte.

Vom Gedanken zur Geschichte

Es ist nur eine kleine Sichtachse, die als Gedanke die Geschichten all der gezeigten Objekte einfängt: Was ist wert, bewahrt zu werden? Die Kirche vermag sich heute dieser sentimentalen Frage zu stellen. In der Kunst bleibt die Rührbarkeit, das Niedliche absolutes Tabu. Ist es, weil aktuelle Kunst feinfühlige Empfindungen oft lieber zu dröhnendem Pathos kondensiert? So wird die zarte Erinnerungsschau und subtile Parallelgeschichte des Kolumba Museums unter der Leitung Stefan Kraus’ zu einer Lektion: Sie misst dem Kleinsten Wert bei und erspürt den Geist der Dinge. Wenn dies im Sinne des Glaubens ist, so hat der Raum einen ganz pragmatischen Wert, als Ort, der die Dinge bewahrt.