Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel sind herausragende Klassiker-Spezialisten. Mailand-Sanremo gewann Pogačar, in den nächsten Wochen könnte sich van der Poel bei zwei der wichtigsten Eintagesrennen der Saison revanchieren. Wer ist wo im Vorteil – ein Überblick.
Am vorletzten Samstag im März begann für die Radprofis die Zeit der großen Eintagesrennen des Frühjahrs, sie endet am letzten Sonntag im April. Dazwischen liegen vier Veranstaltungen, die weit über 100 Jahre alt sind, die Streckenführung und das Profil sind zudem besonders anspruchsvoll und enorm fordernd. Wegen dieser Zutaten sind diese Klassiker berüchtigt und einzigartig, sie werden deshalb als Monumente bezeichnet, als Denkmäler des Radsports.
Die Denkmal-Serie begann mit der Fahrt von Mailand nach Sanremo, sie wird am Ostersonntag mit der Flandern-Rundfahrt und eine Woche später mit Paris-Roubaix fortgesetzt. Und sie endet einstweilen am 26. April mit dem Ardennenausflug von Lüttich über Bastogne zurück nach Lüttich. Das fünfte und letzte Monument des Radsportjahres, die Lombardei-Rundfahrt, wird im Oktober abgewunken. Die ersten drei Termine erfahren diesmal, wie schon im Vorjahr, ganz besondere Aufmerksamkeit, denn sie werden von einem großen Duell geprägt.
Es treffen aufeinander: Mathieu van der Poel, ein tempofester, robuster Niederländer, 31 Jahre alt, Straßen-Weltmeister von 2023, achtmaliger Cross-Champion und Gewinner von acht Monumenten (zweimal Sanremo, und je dreimal Flandern und Roubaix), Spitzname: Fliegender Holländer. Und: Tadej Pogačar aus Slowenien, 27 Jahre alt und der vielseitigste Profi der Gegenwart. Er ist zweimaliger und aktueller Weltmeister sowie viermaliger Sieger der Tour de France und – seit dem Sieg bei Mailand-Sanremo im März – Gewinner von bereits elf Monumenten (einmal Mailand-Sanremo, zweimal Flandern, dreimal Lüttich und fünfmal war er bei der Lombardei-Rundfahrt Erster).
Ein Überblick über die zu erwartenden Zweikämpfe van der Poel-Pogačar nach dem ersten Triumph des Slowenen in Sanremo.
Flandern-Rundfahrt, 5. April
Am Ostersonntag wird das Rennen, Belgiens größter Sporttag, zum 110. Mal abgewunken, diesmal in Antwerpen. Entlang der 278 Kilometer langen Strecke herrscht eine formidable Stimmung, dieser Renntag ist ein Volksfest in der Radsportnation Belgien. Die Tücken liegen in 16 giftigen Anstiegen wie dem jeweils dreimal zu überquerenden Oude Kwaremont und dem bis zu 20 Prozent steilen Paterberg. Nur zwei von diesen Hügeln, Berendries und Valkenberg, verfügen nicht über holpriges Kopfsteinpflaster. Das Ziel wird in Oudenaarde aufgebaut, in der Provinz Ostflandern.
Pogacar (r.) und van der Poel 2025 auf dem Podium der Flandern-Rundfahrt
Was für van der Poel spricht: Er hat das Rennen bereits dreimal gewonnen und ist damit einer von vier Rekordhaltern. Van der Poel kennt die Strecken und Schwierigkeiten, die ihm als großartigem Crossfahrer entgegenkommen. Allerdings ist das Rennen sehr lang und zehrend. Gerade gegen Ende werden die heftigen Anstiege zur großen Prüfung. Im Vorjahr musste van der Poel seinen Kontrahenten Pogačar bei der finalen Überquerung des Oude Kwaremont ziehen lassen, 16 Kilometer vor dem Ziel.
Was für Pogačar spricht: mehr als für van der Poel. Dafür ist er zu unwiderstehlich und zu ausdauernd in den Anstiegen, die für ihn zum Ort der Entscheidung werden dürften. Schon bei seinem Saisondebüt bei den Strade Bianche Anfang März bewies Pogačar seine Topform und sein Können auch auf widrigen Feldwegen und gewann nach einem fast 80 Kilometer langen Solo, das er in einem schweren Anstieg begann.
Fazit: wie im vergangenen Jahr – Vorteil Pogacar.
Paris-Roubaix, 12. April
Die Erstauflage dieser „Königin der Klassiker“, dieser harten Prüfung für Handgelenke, Arme und Sitzmuskeln, stieg bereits 1896. Damals gewann der Deutsche Josef Fischer. Das 258 Kilometer lange Rennen beginnt in Compiègne und führt zunächst über normalen Asphalt, ehe es bei Inchy nach rund 113 Kilometern erstmals in einen von insgesamt 30 Kopfsteinpflaster-Sektoren geht. Sie summieren sich diesmal auf eine Länge von 54,8 Kilometern. Die Kopfsteine, französisch Pavés, sind tückisch, sie forcieren Stürze und Defekte. Ihr Schwierigkeitsgrad wird in Sternen bemessen – fünf davon bedeuten die größte Herausforderung. Sie wurden für den Wald von Arenberg, für Mons-en-Pévèle und die Carrefour de l’Arbre vergeben, zu Deutsch: Kreuzung am Baum, eine harte Prüfung 16 Kilometer vor dem Ziel. Bei Trockenheit ist die Staubentwicklung enorm. Wenn es regnet, gerät die Hatz ins Velodrom von Roubaix vollends außer Kontrolle.
Van der Poel (v.) und Pogacar 2025 bei Paris-Roubaix
Was für van der Poel spricht: Seine Serie und Beständigkeit. Van der Poel gewann Paris-Roubaix zuletzt dreimal hintereinander. Das gelang zuvor lediglich dem Franzosen Octave Lapize zwischen 1909 und 1911 sowie dem Italiener Francesco Moser 1978, 1979 und 1980. Das unwegsame Geläuf der archaischen Feldwege kommt van der Poel als glänzendem Beherrscher seines Rennrades sehr entgegen. Er fährt schlau und aufmerksam über die Pavés, er besitzt zudem eine herausragende Streckenkenntnis, die bei den vielen Kurven und Rhythmuswechseln entscheidend sein kann. Mit vier Siegen würde van der Poel zu den belgischen Rekordsiegern Tom Boonen und Roger de Vlaeminck aufschließen.
Was für Pogačar spricht: Er verfügt über einen großen Siegeswillen, dazu über die Kraft und Ausdauer, sich hinter den Experten für dieses Monument zu platzieren und dort auch zu verharren. Pogačar abzuschütteln ist sehr schwer. Im Vorjahr startete er erstmals bei den Profis, was dem Rennen zusätzliche Aufmerksamkeit bescherte. Aber er scheiterte im Sektor neun, Pont-Thibaut à Ennevelin (es wird von 30 an rückwärts gezählt), als er 38 Kilometer vor dem Ziel, hinter van der Poel an der Spitze des Rennens liegend, in einer Rechtskurve stürzte. Den dadurch entstandenen Rückstand konnte er nicht mehr aufholen, van der Poel war enteilt. Pogačar hat sich in diesem Frühjahr bereits mehrfach die Strecke angesehen.
Fazit: Unentschieden. Eine Prognose fällt schwer, weil Pogačar im Vorjahr bewiesen hat, dass er auch auf den Pavés zurechtkommt und van der Poel bis zuletzt herausfordern kann. Van der Poel wiederum dürfte es schwerfallen, Pogačar in einem der Sektoren abzuhängen.
