Film „Im Schatten des Orangenbaums“ über eine palästinensische Familie: Politisch fragwürdig, Größe zeigt er jedoch an anderer Stelle

In der zweiten Hälfte des Films sucht ein Ehepaar in einer Moschee in Nablus einen Geistlichen auf und lässt sich beraten. Was sagt der Koran zur Organspende: Halal oder Haram? Der Koran sagt nichts, aber in den Hadithen findet sich eine Stelle, die das Knochenbrechen bei Lebenden und Toten verbietet und die die Gelehrten sehr unterschiedlich verstehen. Der Geistliche jedoch gibt grünes Licht. Für das Ehepaar geht es um den eigenen Sohn. Er wurde bei israelischem Beschuss so schwer verletzt, dass er nun hirntot ist.

Es ist das Jahr 1988. Erzählt wird der Film aber aus der Perspektive der Mutter, viel später, im Jahr 2022, unmittelbar vor der jüngsten Nahosteskalation. Und von hier, seiner Erzählgegenwart aus, schlägt „Im Schatten des Orangenbaums“ einen großen und langen Bogen zurück, um auf den sehr intimen, tragischen Moment der Organspendenfrage zulaufen zu können. Das ist einerseits sehr wichtig, denn nur vor dem Hintergrund der palästinensisch-israelischen Geschichte wird an der Frage Entscheidendes hängen.

Andererseits ist es so, dass Cherien Dabis in dem Film, dessen Drehbuchautorin, Regisseurin, Hauptdarstellerin sie ist, diese Geschichte, die mit der Nakba beginnt, sehr einseitig aus palästinensischer Perspektive erzählt. Die palästinensische Familie der männlichen Hauptfigur Salim (Saleh Bakri) wird im Krieg 1948 aus ihrem Haus in Jaffa vertrieben, erst in ein Flüchtlingslager geraten, um sich dann im Westjordanland eine neue Existenz aufzubauen. Sprung ins Jahr 1978, wo der Mann mit seinem kleinen Sohn von israelischen Soldaten auf offener Straße brutal gedemütigt wird.

​Die DVD

„Im Schatten des Orangenbaums“ (Zypern, Deutschland, Katar, Griechenland, Saudi-Arabien, Jordanien 2025; Regie: Cherien Dabis). Die DVD ist ab rund 15 Euro im Handel erhältlich.

Bis hierhin erzählt Dabis eine nur sehr obenhin individualisierte Leidensgeschichte der Palästinenser, die natürlich real, aber in dieser Einseitigkeit von antizionistischer Propaganda nicht weit entfernt ist. Umso erstaunlicher und bewegender die Intimisierung, die darauf erfolgt. Der Sohn des Paares, der in Nablus verletzt wird, kommt mit einer Verzögerung, die der politischen Lage geschuldet ist, in ein besser ausgestattetes Krankenhaus in Haifa. Dort wird sein Hirntod festgestellt, dort stellt sich dann die Frage, ob die Eltern den Körper zur Organspende freigeben wollen.

Risiko um des Lebens als solchen willen

Und weil das Krankenhaus in Haifa liegt, gehen die Organe selbstverständlich an Israelis. Was ist, fragt der Vater, wenn mein Sohn einem Israeli das Leben rettet, der dann Soldat wird und Palästinenser angreift? Er wird dieses Risiko um des Lebens als solchen willen in Kauf nehmen müssen. Eine Bedingung haben die Eltern jedoch: Die Empfänger sollen wissen, dass sie ihr Leben einem Palästinenser verdanken. Die Behörden stimmen zu, die Eltern sagen ja. Es ist, wie man es dreht und wendet, eine Geste der Großherzigkeit, die dem Film mit einem Schlag alles Propagandistische nimmt.

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Allegorisch lesbar wäre dieser Organtausch sicherlich auch, aber die Stärke von Dabis’ Film liegt darin, wie sie ihr propalästinensisches Möchtegernepos nun radikal abbremst und alles darauf stimmt, ein Paar in seinem persönlichen Leiden zu humanisieren. Dass dieses Leid von einer politischen Lage verursacht ist, in der und an der Israel nicht unschuldig ist, bleibt dabei so wahr, wie es die Spendengeste zu einer Tat macht, die das Menschliche über das Politische stellt.

Das macht „Im Schatten des Orangenbaums“ nicht zu einem unpolitischen Film. Es ist ein Film, der als politischer fragwürdig bleibt. Er macht aber auch eine die politischen Lager überschreitende menschliche Größe zu einer ihrerseits notwendig politischen Geste. Und darin liegt eine Absage an alle Einseitigkeit.