Ein Jahr Zoll-ChaosTrumps große Handelswette – und warum er sie verloren hat

Weniger Handelsdefizit, mehr Jobs, ein reicheres Amerika – das sind Donald Trumps zentrale Versprechen, als er am „Liberation Day“ vor einem Jahr seine Zoll-Offensive startet. Ein Jahr später zeigt der Datencheck eine andere Realität.
Als Donald Trump den „Liberation Day“ ausrief, war die Botschaft klar: Die USA sollten sich aus unfairen Handelsbeziehungen befreien – notfalls mit Strafzöllen gegenüber dem Rest der Welt. Es war der Beginn eines der aggressivsten handelspolitischen Kurswechsel der vergangenen Jahrzehnte. Ein Jahr später lässt sich messen, was diese Politik gebracht hat. Die Bilanz fällt ernüchternd aus: Viele der zentralen Versprechen halten einer Datenanalyse nicht stand – und einige Effekte treffen ausgerechnet jene, die eigentlich profitieren sollten.
In den vergangenen zwölf Monaten wurden mehr als 180 Länder und Territorien von immer neuen, unübersichtlichen und teils auch schnell wechselnden US-Zöllen belegt. Kaum ein Handelspartner blieb davon verschont. Die Zollsätze variierten je nach Land und Handelsdefizit stark: In der Spitze gab es drastische Aufschläge von über 50 Prozent, beispielsweise für China, dazu aber auch Tausende Einzelmaßnahmen. Ein Jahr später wird deutlich: Die US-Handelspolitik zeigt Wirkung – nur anders als geplant.
Das zentrale Versprechen bleibt unerfüllt
Trumps vollmundiges Versprechen war es, das chronische Handelsdefizit der USA zu reduzieren. Amerika importiert mehr, als es exportiert. Trump hält das für „ungerecht“ und will mehr „Made in USA“. Hohe Zölle sollten Importe unattraktiv machen. Ein Jahr später ist das Handelsdefizit jedoch nahezu unverändert geblieben: Es lag im Gesamtjahr 2025 bei rund 901 Milliarden US-Dollar, nicht viel weniger als im Vorjahr mit 904 Milliarden.
Die Exporte stiegen um sechs Prozent, die Importe um fast fünf Prozent. Zwar gingen die Importe aus einzelnen Ländern zurück, doch insgesamt verschob sich der Handel nur. Lieferketten verlagerten sich beispielsweise nach Vietnam, Mexiko oder Indien. Eine unerfreuliche Nebenwirkung: Trumps Zollpolitik hat die Wettbewerbsfähigkeit der USA eher geschwächt als gestärkt, vor allem durch höhere Kosten, Unsicherheit und verzerrte Produktionsstrukturen.
Jobwunder in der Industrie bleibt aus
Auch das Versprechen neuer Industriejobs hat sich nicht erfüllt. Seit der Einführung der Zölle sind sogar rund 90.000 Stellen in der US-Industrie verloren gegangen. Gleichzeitig bleibt die Produktion vergleichsweise stabil – ein Hinweis darauf, dass Automatisierung und Produktivitätssteigerung stärker wirken als handelspolitische Eingriffe. Zölle können Unternehmen schützen, aber sie schaffen keine Jobs im erhofften Ausmaß.
Zolleinnahmen: Viel Geld, wenig Nettoeffekt
Die Einnahmen aus Zöllen sind zwar deutlich gestiegen und summieren sich auf weit über 100 Milliarden Dollar jährlich. Doch ein Teil davon fließt über Hilfsprogramme und wirtschaftliche Folgekosten wieder zurück in die Wirtschaft. Vor allem von Gegenzöllen betroffene Branchen wurden mit milliardenschweren Subventionen gestützt. Gleichzeitig belasten höhere Preise Unternehmen und Verbraucher und dämpfen so Wachstum und Steuereinnahmen. Unterm Strich bleibt vom Zollplus deutlich weniger übrig, als es auf den ersten Blick scheint. Finanzpolitisch sind die Zölle demnach kein Gamechanger.
Die Zeche zahlen die Amerikaner
Was politisch als Druckmittel gegen das Ausland gedacht war, erweist sich als Bumerang, da es im Inland wie eine Steuer wirkt. Die Importpreise sind spürbar gestiegen, allerdings auch weniger drastisch, als oft behauptet wird. Laut Schätzungen der Tax Foundation lag der durchschnittliche effektive Zollsatz auf US-Importe im Jahr 2024 noch bei rund 2,4 Prozent. Im Jahr 2025 sprang er auf etwa 7,7 Prozent – den höchsten Wert seit den 1940er-Jahren. Für 2026 wird je nach Szenario ein Niveau zwischen 5,6 und 6,7 Prozent erwartet. Damit bleibt der Zollsatz historisch hoch. Die Folge sind steigende Kosten für Unternehmen und Verbraucher. Studien zeigen übereinstimmend, der Großteil dieser Belastung bleibt in den USA hängen.
Eine Analyse des Kiel Institut für Weltwirtschaft zeigt, dass rund 90 Prozent der Zölle in höheren Importpreisen münden – denn ausländische Anbieter senken ihre Preise kaum. Die Zölle überweisen zunächst amerikanische Importeure an den Staat. Doch sie bleiben nicht auf den Kosten sitzen: US-Unternehmen geben diese Mehrkosten vielmehr entlang der Lieferketten weiter, bis hin zu den Verbrauchern. Für viele Haushalte summiert sich das auf spürbare Mehrbelastungen von teils mehreren Tausend Dollar im Jahr. Die wirtschaftliche Last tragen damit vor allem Unternehmen und Konsumenten in den USA selbst.
Ein Jahr nach dem „Liberation Day“ zeigt sich: Trumps Zollpolitik hat die Spielregeln des Welthandels verändert, aber seine eigenen Ziele weitgehend verfehlt. Das Handelsdefizit bleibt, Jobs werden sogar abgebaut, und die Kosten tragen vor allem die Amerikaner.
