Das weiße Tuch flattert im Wind. Es umweht die Silhouette einer Frau, sie blickt aufs Mittelmeer. Beginnt am Horizont Europa oder der afrikanische Kontinent? Die Farbfotografie der französisch-marokkanischen Künstlerin Sarah Makharine zeigt sie selbst am Strand, man blickt ihr über die Schulter auf das blaue Wasser. Der Abzug dieser schlichten Szene ist so klein, dass er fast in seinem breiten Passepartout verschwindet. Also beugt man sich weit vor, um zu sehen, was die Künstlerin sieht: das Meer, das trennt und zugleich verbindet. Und das weiße Tuch, das die Haut gleichzeitig verhüllt und freilegt.
Die intime Fotografie von Sarah Makharine ist Teil der Gruppenausstellung „Diaspora Wonderland“, die aktuell in der Berliner ifa-Galerie zu sehen ist. Mit Textilien, Fotografie, Sound und Video fragen fünf multimediale Künstler:innen aus dem Afro-mediterranen Raum nach dem Zusammenhang von Zugehörigkeit und Mode. Was erzählen Stoffe und Schnitte über kulturelle Identität? In ihren sinnlichen Arbeiten gelingt es den Künstler:innen, traditionelles Handwerk mit zeitgenössischer Ästhetik und Fashion zu verknüpfen.
Auf dem grauen, spiegelnden Boden der Galerie verstreuen sich die bunten Arbeiten wie ein Archipel im Raum. Da sind die wellenförmig aufgespannten, zart bestickten Leinentücher der marokkanischen Künstlerin Margaux Derhy. Aus einer anderen Ecke wabern rhythmische Sounds des senegalesischen Videokünstlers Nix. Ganz hinten türmen sich drehbare, in marokkanische Stoffe verkleidete Kuben, gestaltet von der Modedesignerin Sophia Kacimi. Ihre surrealistischen Skulpturen funktionieren nach dem Zufallsprinzip und erinnern an bunte Zauberwürfel: Die aufeinander gestapelten Drehwürfel sind mit einzelnen Körperteilen bestickt – in Kombination ergeben sich daraus immer neue Figuren. Ein „Patchwork der Identitäten“ nennt es die Künstlerin bei der Vernissage.
Bewegt man sich durch den Raum, wirkt es, als würden durch die Stoffe, Fäden und Muster die Geschichten vergangener Generationen scheinen. Auf einer der luftigen, bläulich schimmernden Stickereien von Margaux Derhy sind die feinen Umrisse einer Frau zu erkennen. Sie steht an einem Hafen, von ihrem Gesicht sieht man nur die Konturen. Wessen Geschichte sich hier spiegelt? Für Margaux Derhy ist es die ihrer Großmutter, die als erste in der marokkanisch-jüdischen Familie das Land verließ, erzählt die Künstlerin.
Die Magie des Zurückkehrens
Durch alle Arbeiten hindurch werden Identitäten immer wieder angedeutet, ohne sie in feste Kategorien einzuteilen. So bricht die Ausstellung mit kolonialen Zuschreibungen und schafft einen vielschichtigen Erinnerungsraum zwischen den Kulturen. „Diaspora Wonderland“ ist eine Ausstellung über Aufbrüche, aber auch die Magie des Zurückkehrens: Das erste Mal auf Verwandtschaft zu treffen, die man bislang nur aus Erzählungen kannte, sei „wie einer Romanfigur im echten Leben zu begegnen“, beschreibt es Kurator Lotfi Aoulad treffend.
Was die fünf künstlerischen Positionen verbindet, ist ihre Erfahrung von Exil – und die Suche nach den eigenen Wurzeln. „Kunst beginnt oft mit einem Verlust“, sagt Aoulad. Wie aus Sehnsucht Skulpturen und aus losen Fäden leuchtende Stoffe entstehen können, zeigt diese lebensfrohe Ausstellung. „Ich verwende kein Schwarz“, sagt die deutsch-nigerianische Modeschöpferin Buki Akomolafe. Ihre organische Textilarbeit steht in der Mitte des Raumes: ein grobmaschig gestricktes Kleid in leuchtendem Indigo. Bricht man die Ausstellung auf einen Farbton herunter, dann wäre es wohl dieser.
