Sie schaut so seriös aus, so saturiert, fast schon spießbürgerlich mit dem Perlenkettchen, den pelzbesetzten Ärmelaufschlägen, der sorgsam gelegten Dauerwelle. Fehlt eigentlich nur noch das Hündchen, das in der Ikonografie für Treue und Schutz steht. Im Falle der porträtierten Dame namens Kitty Schmidt muss man diese Begriffe ziemlich dehnen, um sie mit ihr in Verbindung bringen zu können. Die Spießbürgerin ohne Hund war Edelpuffmutter.
Und käufliche Liebe für ebenso saturierte Herren war nicht das Einzige, was geboten war im gediegenen Berlin-Charlottenburg: Die 1882 geborene Madame Schmidt stellte die Leistungen ihrer Fräulein in den Dienst des Vaterlandes. In „Kittys Salon“ ließ Schmidt, wie es in einer Pressemitteilung des Museums Berlin Story Bunker heißt, „im Auftrag des SD Diplomaten und NS-Größen aushorchen“. Der SD war der Sicherheitsdienst, einer der Nachrichtendienste der NSDAP.

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Ist das allein schon Stoff für Legenden, Filme und Bücher – die es alle gibt –, so ist noch ein besonderer Krimi rund um das Porträt der Bordellbetreiberin entstanden. Vor gut 25 Jahren erwarb es eine Frau auf einem Trödelmarkt, ohne zu wissen, wen sie sich da ins Haus holte. Nach zwei Jahrzehnten an einer Berliner Wohnzimmerwand kam heraus, um wen es sich bei dem Porträt der Dame mit Perlenkette handelt.
„Die Spur war kalt“
Die Besitzerin des Gemäldes kam bei ihren Recherchen auf eine Webseite zu einem im Berlin Story Verlag erschienenen Buch: „Kittys Salon“, laut Verlag das Standardwerk „über das berüchtigte Spionage-Bordell in der Giesebrechtstraße“ – so wurde Kitty Schmidt demaskiert. „Wir wussten aus historischen Quellen, dass dieses Bild existieren muss, doch die Spur war kalt. Dass es nun durch einen technologischen Zufall auftaucht, ist ein kleines Wunder“, wird Buchautorin Julia Schrammel in der Pressemitteilung zitiert.

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Bis zweifelsfrei feststand, dass es sich bei der Porträtierten um Schmidt handelt, war es ein langer Weg mit einer „aufwendigen kriminalistischen Analyse“ durch eine Sachverständige und eine Restauratorin der Bundeskunsthalle. Auf 47 Seiten hält ein Gutachten fest, was die beiden Expertinnen herausfanden: So sei das Porträt einst in den vermeintlich goldenen 20er-Jahren entstanden, wurde aber auf Wunsch der offenbar stilbewussten Bordellchefin in den 30er-Jahren im Stil der Neuen Sachlichkeit umgearbeitet, „eine modische Kostümjacke und Pelzärmel“ kamen dazu. Das war nicht der letzte Eingriff – der nächste erfolgte aus politischen Gründen: „Die Rückseite des Gemäldes wurde nach 1945 vermutlich absichtlich überstrichen, um belastende NS-Stempel oder Kennzeichnungen zu verbergen.“

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Nach einer abschließenden chemischen Analyse hält die Sachverständige Petra Breidenstein fest: „Wir können davon ausgehen, dass das Gemälde von Kitty Schmidt persönlich beauftragt wurde und sie dem Künstler – vermutlich Robert oder Rudolf Fuchs – tatsächlich gegenübergesessen hat.“ Das Gemälde sei somit „das einzige bekannte farbige Originalzeugnis aus dem direkten Umfeld der Frau, die eines der berüchtigtsten Etablissements der Weltgeschichte leitete“. Von diesem Mittwoch an wird das Bild nun erstmals in der Ausstellung „Sex Work“ in der Bundeskunsthalle in Bonn der Öffentlichkeit präsentiert.
Goebbels, Ribbentrop, Ciano
Und wer war nun wer in der Giesebrechtstraße? Die zuvor schon etablissementerfahrene Schmidt ist wohl vom Sicherheitsdienst der SS gezwungen worden, das Bordell mit besonderem Nutzen für das NS-Regime zu versehen. Es heißt, sie sei vor die Wahl gestellt worden: KZ oder Spionage-Bordell. 1940 wurde Kittys Salon demnach entsprechend umgebaut. Zu den Gästen sollen NS-Größen und ausländische Diplomaten gehört haben, Propagandaminister Joseph Goebbels wie Außenminister Joachim von Ribbentrop, SD-Chef Reinhard Heydrich oder Mussolinis Schwiegersohn Graf Ciano.

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Vor genau 50 Jahren konnte der „Spiegel“ eine der Damen ausfindig machen, die im Krieg im Bordell dienten. Liesel Ackermann aus Berlin-Schöneberg gab im März 1976 bereitwillig Auskunft über Ciani, den „zärtlichen Kavalier“, der nie seine schwarzen Socken ausgezogen habe – „Frau Liesel“, wie der „Spiegel“ sie nennt, vermutete in der Fußbekleidung „Telephonnummern oder wichtige Papiere“. Die Dame, die 1976 immerhin schon in ihren 60ern war, aber, wie es süffisant-schmierig heißt, „mit beiden Beinen noch im Berufsleben“ stand, lobte zudem das Arbeitsumfeld in der „sehr kultivierten Atmosphäre“, in der man zunächst miteinander gegessen und Sekt, nur Sekt, getrunken habe. Kitty Schmidt starb 1954 in der Giesebrechtstraße. Wenn die Besucher in Bonn ihr Porträt gesehen haben, geht es zurück nach Berlin, wo alles begann, und wird im Berlin Story Bunker zu sehen sein. Stößchen!
