Hartnäckige Vorurteile: Was Frauen von einem Mathe-Studium abschreckt

Mathematik gilt als objektiv, doch Mathematiker sind es nicht immer. Das erlebte Irene Heinrich schon in ihrem Studium. „Ich habe mehr als einmal in der Diskussion um die Note nach einer Prüfung die Erfahrung gemacht, dass bei männlichen Studierenden mit mittelmäßiger Leistung vorgebracht wird, dass sie ‚eigentlich rege und clever sind‘“, erinnert sie sich. „Wohingegen bei weiblichen Studierenden mir häufiger die Frage begegnet: ,Ob das alles auswendig gelernt ist oder verstanden?‘“

Heinrich entschied sich zunächst aus Karrieregründen für ein Mathematikstudium: Sie hoffte, mit einem solchen Abschluss schnell einen sicheren Job zu finden. Mit der Zeit entwickelte sie jedoch eine echte Begeisterung für Forschung und Lehre. Sie wollte nach dem Abschluss an der Uni bleiben und entschied sich daher für eine Promotion. Jetzt arbeitet sie als Postdoktorandin an der Technischen Universität Darmstadt.

Der Anteil der Frauen, die ähnliche Wege einschlagen wie Heinrich, ist an der TU Darmstadt in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Dort lag die Quote der weiblichen Absolventen in den MINT-Fächern von 2020 bis 2024 bei rund 33 Prozent, in den Jahren davor noch bei 39 Prozent. Auch Sabrina Pauli, Professorin für Algebra an der TU, beobachtet seit Jahren, wie sich der Frauenanteil verändert. In ihren Vorlesungen sitzen zu ihrem Bedauern wenige bis keine Studentinnen. „Viele trauen sich diesen Bereich vielleicht noch nicht so sehr zu. Außerdem nimmt der Frauenanteil mit jeder Karrierestufe ab – vom Bachelor bis zur Professur.“

Sabrina Pauli ist Assistenzprofessorin am Fachbereich Mathematik der TU Darmstadt.
Sabrina Pauli ist Assistenzprofessorin am Fachbereich Mathematik der TU Darmstadt.TU Darmstadt/Patrick Bal

Pauli selbst entdeckte ihre Begeisterung für Mathematik durch eine engagierte Lehrerin in der Schule. Sie nahm an Mathematikwettbewerben teil und begann vor etwa 15 Jahren ihr Studium: „Es hat mir immer Freude gemacht, abstrakte Inhalte verständlich darzustellen. Deshalb habe ich mich entschieden, diesen Weg weiterzugehen – so lange und so weit wie möglich. Zum Glück hat das sehr gut funktioniert.“

Der Bedarf an Mathematikern, Physikern und Ingenieuren ist groß – doch viele Frauen entscheiden sich weiterhin gegen diese Karrieren. Die Gründe dafür liegen oft schon in der Kindheit.

Mädchen wird in Mathematik weniger zugetraut

Lehrer schreiben Jungen mehr mathematische Fähigkeiten zu als Mädchen. Das zeigt eine Untersuchung des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt. An der ersten Erhebung nahmen 43 Grundschullehrkräfte aus Baden-Württemberg teil, an einer zweiten Studie 85 Lehrkräfte sowie 174 Lehramtsstudenten aus ganz Deutschland. Die Teilnehmer sollten Mädchen und Jungen getrennt voneinander auf einer Skala einschätzen.

Eine Studie der Université Paris Cité aus dem Jahr 2025 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Mädchen und Jungen beginnen ihre Schullaufbahn mit vergleichbaren mathematischen Fähigkeiten. Erst nach etwa vier Monaten entwickelt sich ein Leistungsunterschied zugunsten der Jungen. Wie ist das zu erklären?

„Frauen und Technik“ – ein altes Vorurteil

Eine wichtige Rolle spielt der sogenannte Gender Bias – ein unbewusstes Vorurteil. Dahinter steckt kein böser Wille, sondern ein Automatismus: Unser Gehirn vereinfacht die Welt und greift dabei auf bekannte Bilder zurück. „In vielen Geschichten wird zum Beispiel vermittelt, dass Mädchen eher schlecht in Mathe sind, während Jungen als technisch begabt gelten“, erklärt Algebra-Professorin Pauli. Diese altbekannten Denkmuster kommen unbewusst auch bei den Pädagogen an und übertragen sich so auf das Selbstbild der Kinder. Mädchen beginnen an ihren eigenen Fähigkeiten zu zweifeln und entscheiden sich eher für ein anderes Fachgebiet.

Doch die unbewussten Lenkungen kommen nicht nur von Lehrern: „Diese Stereotype werden auch über Medien, Spielzeug, Erwartungen von den Eltern et cetera verstärkt“, meint Uta Zybell, Gleichstellungsbeauftragte der TU Darmstadt. Formate wie der Girls’ Day, der Mathematikerinnen-Podcast „Pi & Power“ und die „Lange Nacht der Mathematik“ sollen den Klischees entgegenwirken. Zybell wünscht sich zudem, dass mehr Ressourcen in die Geschlechterforschung investiert würden.

Vorbilder in der Forschung

Postdoktorandin Irene Heinrich hält Vorbilder jenseits der Universität für entscheidend, um Frauen in die Mathematik zu holen: „Die meisten Studierenden planen keine Unikarriere.“  Umgekehrt kann es abschreckend wirken, wenn es nur wenige Frauen in der Mathematik gibt. Studentinnen brauchten Vorbilder, mit denen sie sich identifizieren könnten und die motivierten, meint auch Professorin Pauli.

Wenn auch Frauen in der Mathematik und den Naturwissenschaften lange an den Rand gedrängt wurden, haben sie in diesen Disziplinen Herausragendes geleistet – doch erhielten sie weniger Aufmerksamkeit als ihre männlichen Kollegen. Schon vor mehr als 1600 Jahren lehrte Hypatia in Alexandria Mathematik. Sie zählt zu den ersten bekannten Wissenschaftlerinnen und wurde vermutlich in jungen Jahren ermordet.

Ada Lovelace, die von 1815 bis 1852 lebte, arbeitete an der Rechenmaschine von Charles Babbage mit und wird von Historikern als die erste Programmiererin angesehen. Dabei durften zu ihrer Zeit Frauen weder studieren noch eine Bibliothek betreten.

Auch in der frühen Raumfahrt spielten Frauen eine bedeutende Rolle: Wegen des Männermangels im Zweiten Weltkrieg übernahmen sie Rechen- und Forschungaufgaben in wissenschaftlichen Einrichtungen. Nach dem Krieg blieben einige dort tätig, etwa in der später gegründeten NASA. Dort berechnete etwa die Mathematikerin Katherine Johnson die Daten für die Erdumrundung des Mercury-Astronauten John Glenn zusätzlich per Hand.

Später trugen Mathematikerinnen wie Emmy Noether und Ruth Moufang wesentlich zur Forschung bei. Noether befasste sich mit Abstrakter Algebra und lieferte Grundlagen, die bis heute in der Physik bedeutsam sind. Auch Moufang, geboren und aufgewachsen in Darmstadt, setzte wichtige Impulse in der Geometrie- und in der Algebra-Forschung.

Doch beide Frauen mussten Umwege gehen: Emmy Noether verlor, weil sie Jüdin war, unter den Nationalsozialisten ihre Stelle und flüchtete in die USA. Moufang durfte sich nicht habilitieren, obwohl ihre Arbeit bereits anerkannt war.

Solchen Bedrängnissen und Widrigkeiten sind Frauen, die sich für Mathematik begeistern, heute nicht mehr ausgesetzt. Dennoch haben auch Postdoktorandin Heinrich und Professorin Pauli den Eindruck, dass in ihrem Fach bis zur Gleichstellung noch ein langer Weg zurückzulegen ist. Immerhin stellt Pauli fest: „Das Bewusstsein für dieses Thema ist heute deutlich stärker ausgeprägt als früher.“