Dieser Roman gleicht einem Reagenzglas, gefüllt mit den Ingredienzien der nahen Vergangenheit: „Sommer 24“ steht darauf, gemeint ist das Jahr, in dem Donald Trump abermals zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden wird. Ein Jahr voller Kriege, Demokratiefeindlichkeit und politischer Instabilität. Ein Jahr der Extreme, in dem alte Gewissheiten ins Schleudern geraten und gesellschaftliche Grabenkämpfe in unerbittliche Debatten münden, ganz egal, ob es ums Gendern oder den Krieg in Gaza geht.
Kermanis Ich-Erzähler berichtet von dieser Zeit, indem er einige unerhörte Begebenheiten Revue passieren lässt. Zuallererst den Suizid seines Freundes Rudolf, eines Münchner Galeristen, der als Jude an der Seite der israelischen Regierung und auch sonst immer weiter nach rechts driftet. Er ereifert sich beispielsweise fürchterlich über Reproduktionsmedizin, ganz nach Art der 2023 gestorbenen Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff.
Der namenlose Ich-Erzähler hat sich längst entfremdet von den Ansichten seines Freundes, der ihn „Mei liabs Persalein“ nennt, steht ihm aber trotzdem in seinen letzten Stunden bei. Wie immer bei Navid Kermani, hat auch dieser Erzähler viel mit ihm selbst gemein, er ist auch Schriftsteller, bereist zudem die Welt und legt Zeugnis davon ab.
Navid Kermani: „Sommer 24“. Hanser Verlag, München 2026. 156 Seiten, 23 Euro
Vieles in Kermanis neuem Roman findet eine Entsprechung in der Wirklichkeit, etwa wenn er von der jung gestorbenen Ehefrau des Theatermachers Roberto Ciulli, Simone Thoma, erzählt. Anderes gehört ins Reich der Fantasie, ist höchstens frisierte Wirklichkeit, kurz: Fiktion. Andere Freunde treten auf, ein Olaf, dessen Tochter auf Hydra ein rauschendes Hochzeitsfest feiert, zu dessen Gästeschar auch der Erzähler gehört. Ein Fest, das an den utopischen Schluss von Lessings „Nathan der Weise“ erinnert, der Religions- und Ländergrenzen hoffnungsfroh überschreitet – ein Kermani bestens vertrauter Text, wobei Hoffnung ein gutes Stichwort ist. Denn bei aller Düsternis saugt der Roman Trost aus dem Umstand, dass in der Geschichte selten das Erwartbare geschieht, wie es an einer Stelle heißt. Wir sind also nicht ganz verloren.
Lässige Mündlichkeit
Das Jahr 2024 war auch das Jahr, in dem Navid Kermani den Thomas-Mann-Preis erhalten hat, und so wundert es nicht, dass der Erzähler sich gerade mit Thomas Mann und seinem Werk beschäftigt. Besonders zu Beginn des Romans klingt er auch wie er, altmodisch schreitend, sich in langen Sätzen vorwärts bewegend. Dieser Stil verflüchtigt sich im Laufe der Seiten zugunsten einer lässigeren Mündlichkeit, um am Ende erneut aufzuflammen. So oder so, man folgt diesem Erzähler bereitwillig, hört ihm gerne zu.
Auch andere Seitenwege des Romans führen in Kermanis Leben und in seine vorherigen Bücher, seine Schilderungen aus dem äthiopischen Tigray, seine Auseinandersetzung mit Israel sowie den gesellschaftlichen Umbrüchen der Jetztzeit. Als Korrektiv und zweite Stimme des Erzählers fungiert C., die lustigerweise meist genau das ausspricht, was man sich als Kritikerin denkt. C. wie Critic? Wer weiß. Auf jeden Fall verschränkt Kermani das Private mit dem Politischen, das Gelesene mit dem Gesehenen, bis man nicht mehr weiß, worum es ihm im Kern eigentlich geht.
Diesen Rundumblick kennen wir von ihm, etwa aus seinem vorherigen umfangreichen Roman „Das Alphabet bis S“. Sein neuer, vergleichsweise schmaler Roman kommt ebenso informiert und gelehrt daher. Immer wieder spukt Antonin Artaud über die Seiten, sein Leben und seine Auffassung von Kunst und Theater. Viel Raum erhält auch die Begegnung mit einer jungen Frau, die später in der Psychiatrie landet und von dort den Autor für einen Roman, in dem sie sich wiedererkennt, anklagt – was Kermani die Gelegenheit gibt, über Verantwortung und Freiheit von Autoren nachzudenken.
Der Fall erinnert von Ferne an Maxim Billers Roman „Esra“, wie hier überhaupt dauernd etwas an etwas anderes gemahnt, weil Kermani alles mit allem verzahnt. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wiederholt der Roman auf unterschiedlichen Erlebnisebenen und thematisiert dabei immer wieder auch das Schreiben selbst als Festhalten von Zeit. Heraus kommt ein Psychogramm des Jahres 2024, das sich aus vielen Ge- und Begebenheiten zusammenfügt, sowie ein Roman über den Tod, der nichts nivelliert. Beim Titel „Sommer 24“ denkt man zuerst an Bryan Adams’ Adoleszenz-Hymne „Summer of ’69“. Pink Floyd fragten dann später in „Summer ’68“ „How do you feel, how do you feel?“. Steckt die Antwort in diesem Buch? Es lässt uns auf jeden Fall ebenso ratlos zurück wie die gespenstische Gegenwart.
