Niemand kann wissen, ob sich Kosovo am Dienstag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 qualifiziert; gelänge es, so wäre ihm ein Superlativ gewiss. Denn egal, wer noch sich in den verbleibenden Ausscheidungsspielen einen der sechs verbliebenen Startplätze für die Sause in den USA, Mexiko und Kanada sichert – kein Teilnehmer wäre jünger als Kosovo: Es ist keine 20 Jahre her, dass sich das Land für unabhängig erklärte, und keine zehn, seit es von der europäischen Fußballunion Uefa und vom Weltverband Fifa als vollwertiges Mitglied aufgenommen wurde. Selbst die Verantwortlichen geben sich überrascht: Der Plan war, mit Blick auf die Europameisterschaft 2028 „erst mal etwas zu entwickeln“, sagte der frühere deutsche Nationalspieler Franco Foda, seit 2024 Nationaltrainer der Kosovaren, dem Fachmagazin Kicker. „Jetzt sind wir quasi vor diesem Zeitplan, das ist aber sehr, sehr schön“, fügte der einstige Lauterer hinzu.
Der ganze Kontext des WM-Playoff-Finales – Kosovo spielt in Pristina gegen die Türkei um einen Platz in der WM-Vorrundengruppe der Vereinigten Staaten – lädt dazu ein, in die jüngere Vergangenheit Kosovos einzutauchen. Die USA waren nach den Balkankriegen und der Zerschlagung Jugoslawiens der wichtigste Geburtshelfer Kosovos; die Dankbarkeit der Kosovaren dafür trägt mannigfaltige Züge. In der Fußgängerzone der Hauptstadt Pristina ist dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton eine Statue gewidmet; im Land befindet sich die größte Militärbasis der USA auf dem Balkan, Kosovos Regierung ist selbstverständlich Teil des sogenannten „Board of Peace“ des heutigen US-Präsidenten Donald Trump.

:Ein Pippo Inzaghi für Deutschland
Nicolo Tresoldi wollte die Nummer eins der Tenniswelt werden, doch nun bringt der Stürmer von Deutschlands U21 eine Gabe mit, die vielleicht auch Bundestrainer Nagelsmann gebrauchen könnte. Wenn nicht noch Italien dazwischenfunkt. Oder Argentinien.
Die Türkei wiederum war unter den ersten Ländern, die Kosovo im Februar 2008 als unabhängigen Staat anerkannten, konsequenterweise war die türkische Nationalmannschaft auch unter den ersten Teams, die sich für ein Freundschaftsspiel nach Kosovo begaben. Andere Länder lehnen diese Anerkennung aus völkerrechtlichen Gründen und aus Sorge um die eigene territoriale Integrität bis heute ab – darunter die Slowakei, gegen die sich Kosovo am Donnerstag im Playoff-Halbfinale mit 4:3 durchsetzte, und Spanien, wo ein Kosovare gerade Schlagzeilen macht: Fisnik Asllani, 23-jähriger Stürmer des Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim.
Das Aufsehen liegt weniger an Asllanis Tor zum zwischenzeitlichen 2:2 aus dem Sieg gegen die Slowaken, sondern an einem angeblichen Interesse des FC Barcelona. Ayman Dahmani, der Asllani berät, berichtete einem in Abu Dhabi verankerten Nachrichtenportal namens Erem News von „Kontakten seitens des katalanischen Klubs“. In Barcelona ist einerseits zu hören, dass Asllani tatsächlich gescoutet worden ist. Andererseits lasse die bisherige Saison-Ausbeute des gebürtigen Berliners (acht Tore, sieben Assists) daran zweifeln, ob er es am Ende wirklich auf die Shortlist der Katalanen schafft. Einerseits ist die Ablösesumme angeblich bei – vergleichsweise erschwinglichen – 28 Millionen Euro vertraglich fixiert; andererseits gilt es eben auch einen großkalibrigen Schützen namens Robert Lewandowski zu ersetzen (der übrigens im WM-Playoff am Dienstag mit Polen in Schweden antritt).
Einige, wie Asllani, hätten auch für andere Nationen spielen können
Dass der Traum der Kosovaren von der erstmaligen Teilnahme an einem großen Turnier nicht illusorisch wirkt, hängt freilich nicht nur an Asllani. Kapitän Amir Rrahmani (SSC Neapel) ist zwar aktuell verletzt, er war aber Teil der Mannschaften, die in der Gruppenphase Schweden und Slowenien hinter sich ließen. Auch Außenbahnspieler wie Edon Zhegrova (Juventus Turin) oder Stürmer wie Vedat Muriqi (Real Mallorca) illustrieren, dass die Zahl der Spieler gewachsen ist, die Potenzial haben. Es ist auch eine Reihe von Spielern dabei, die sich im deutschen Profifußball einen Namen gemacht haben: der ehemalige Bremer Milot Rashica (Besiktas) zählt dazu, Florent Muslija vom Zweitligisten Fortuna Düsseldorf, ebenso aktuelle Erstligaprofis wie Elvis Rexhbecaj (FC Augsburg), Leon Avdullahu oder Albian Hajdari (beide Hoffenheim).
Einige von ihnen hatten– wie Asllani – die Chance, für andere Nationen als Kosovo zu spielen; dass sie sich gegen den DFB oder den Schweizer Verband entschieden, hatte nicht nur sentimentale Gründe, erklärte Asllani dem Hoffenheimer Klubmagazin Spielfeld: „Wir alle haben eine sportliche Chance gesehen, die vielleicht nicht viele gesehen haben. Mittlerweile stehen wir als Nationalelf entsprechend gut da, und mit jeder Entscheidung, die für uns fällt, wird es sogar noch besser. Und das macht es den Nächsten vielleicht leichter zu sagen: ‚Ich gehe zum Kosovo, wir sind gut, ich spiele für mein Land.‘“
Solche Gedankengänge dürften sich potenzieren, wenn sich Kosovo tatsächlich für die WM 2026 qualifizieren sollte. Zwar gelten die Türken als hochfavorisiert, dabei haben sie kaum WM-Erfahrung. Bislang waren sie nur bei zwei Endrunden dabei, 1954 in der Schweiz und 2002 in Südkorea/Japan. Ihr Nachteil: Seit einem 0:3 gegen Rumänien aus dem September 2024 haben die Kosovaren im Fadil-Vokrri-Stadion von Pristina kein Spiel mehr verloren. Dort passen zwar „nur“ 14 000 Zuschauer hinein; doch trotz der Laufbahn, die den Rasen umrahmt, ist das Ambiente für jeden Gegner von einschüchternder Natur. Für alle Fälle lobte die kosovarische Regierung eine Million Euro als Prämie für die gesamte Mannschaft aus.
