

Somerset Maugham und Daniel Pennac, um nur zwei Gewährsleute zu nennen, haben es als Recht des Romanlesers bezeichnet, hin und wieder mal ein paar Seiten zu überspringen, schließlich lese man zum Vergnügen und dürfe frei mit dem Text umgehen. Längst sind viele daran gewöhnt, beim Filmstreaming den Schnellvorlauf zu benutzen. Im Theater geht das leider nicht – oder glücklicherweise. In Alexander Nerlichs Bühnenfassung von Nino Haratischwilis Romanepos „Das achte Leben (Für Brilka)“ dagegen hat man bisweilen das Gefühl, als liefe die große Weltgeschichte im Zeitraffer über die Bühne des Kleinen Hauses.
Und das, obwohl der Abend mit zwei Pausen insgesamt auf eine Spieldauer von fünf Stunden kommt. In dieser Zeit wird ein ganzes Jahrhundert abgespult, denn Haratischwili entfaltet auf den knapp 1300 Seiten ihres 2014 erschienenen Romans die Geschichte ihres Geburtslandes Georgien unter sowjetischer Herrschaft, ein gigantisches Panorama aus Krieg, Unterdrückung und Verrat, in dessen Mittelpunkt die Schwestern Stasia und Christine sowie deren Kinder stehen, Nachfahren eines Konditors, der in Tiflis für seine geheimnisvolle heiße Schokolade berühmt ist. Deren Genuss kann beglücken, aber auch gefährlich sein.
Im Buch wie auf der Bühne bildet die in der Gegenwart angesiedelte Rahmenhandlung, die Suche der Erzählerin Niza nach Brilka, der verschwundenen Tochter ihrer Halbschwester Daria, den Erzählanlass, der zurück bis ins Zarenreich um 1900 reicht. Nerlich bebildert diese ersten Szenen des Abends mit ein paar altrussischen Stereotypen, auf den riesigen, an Dominosteine erinnernden beweglichen Betonblöcken im Bühnenhintergrund ist Ikonenmalerei zu sehen, später werden hier Sowjetpropaganda und Filmplakate projiziert (Bühne Fernanda Jardi). Denn Schlag auf Schlag, Szene um Szene galoppiert das Jahrhundert voran: Revolution 1917, bolschewistischer Terror, Stalinismus, großer vaterländischer Krieg, bleierne Sowjetzeit und dazwischen immer die beiden Schwestern und Stasias Tochter Kitty Jaschi sowie ihr Sohn Kostja.
Wie große Politik das einzelne Leben bestimmt
An diesen wird exemplarisch durchgespielt, wie die große Politik das kleine Leben der Menschen bestimmt: Kittys Geliebter Andro kämpft aufseiten der Deutschen gegen die Rote Armee, da er die Befreiung Georgiens erhofft, was schließlich zu seinem Tod führt, und zu Kittys Folter durch den KGB. Ausgerechnet dort aber macht Kostja Karriere und ist noch am Ende des blutigen Jahrhunderts überzeugter Stalinist.
Es gehört zu den Stärken von Nino Haritischwilis Roman wie auch der Mainzer Bühnenfassung, dieses Ineinander von Familie und Staat, das eher ein Gegeneinander ist, in zahlreichen Einzelszenen zu beleuchten. Dazu dient vor allem Christines Liebesbeziehung zu dem sogenannten großen kleinen Mann, hinter dem sich kein Geringerer als der berüchtigte Geheimdienstchef Beria verbirgt, der seine Allmacht auch sexuell umsetzt. Mit Kostjas Tochter und deren von zwei verschiedenen Männern gezeugten Töchtern Daria und der Ich-Erzählerin Niza kommt die Geschichte am Ende des Jahrhunderts an, als Georgien endlich frei wird, aber den Menschen die qualvollen Jahrzehnte voller Unterdrückung und Schuld gleichsam im Blut stecken, sie immer noch Gefangene ihrer großen und kleinen Verbrechen sind. Nerlichs über weite Strecken verblüffend traditionelle Inszenierung mit naturalistischen Bühnenelementen, und nahezu frei von medialen Hilfsmitteln, macht all dies sichtbar und zeigt vor allem, wie die Frauen der Familie immer wieder versuchen, inmitten der Gewalt Liebe, Menschlichkeit, Zusammenhalt zu bewahren. Sie bleiben als Zentralgestirne bestehen, sind immerzu auf der Bühne präsent, während die Männer kommen und gehen, ihren oft unheilvollen Einfluss ausüben.
Man muss vor der Leistung Nerlichs den Hut ziehen und vor allem das großartige Ensemble loben, das diesen Kraftakt bravourös bewältigt. Kruna Savić als Niza, Iris Atzwanger, Hannah von Peinen, Maike Elena Schmidt und die Tänzerin Maasa Sakano tragen in den verschiedenen Frauenrollen den Abend, bilden Fixpunkte im manchmal allzu turbulenten Nacheinander der Szenen, in denen es hoppla-hopp, Tisch rein, Sofa raus, durch die Jahrzehnte geht und viele Szenen pantomimisch-tänzerisch gestaltet werden. Die Männer taumeln wie Satelliten in diversen Uniformen und Anzügen um die Frauen herum, bleiben mit Ausnahme von Denis Larisch als Kostja eher periphere Statisten. Hier liegt dann auch der wunde Punkt des doch etwas überambitionierten Großunternehmens: Immer teilnahmsloser sieht man dem Vorüberrauschen der Szenen zu, im Strudel der immer neuen Namen und Jahreszahlen verblassen die Figuren und demonstrieren stets das Immergleiche: die Vergeblichkeit des kleinen Glücks in einer brutalen Welt.
Nächste Aufführung am 4. April um 18 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz
