Theaterstück über Artensterben: Das groovende Requiem

Ein ganzes Land fiebert mit: Wird es der Buckelwal hinaus ins offene Meer schaffen? Keine Anstrengung scheint zu groß, um das Leben des bereits mehrfach gestrandeten Säugers zu retten. Das Herz geht einem auf. Nur – so darf man aus der kritischen Distanz heraus fragen – was ist eigentlich unser Mitgefühl mit den Millionen anderen Tieren, die durch unsere Massentierhaltung enorme Qualen erleiden? Wie steht es mit den anderen Meeresbewohnern, den ‚Meeresfrüchten‘ auf unserem Teller? Und wie sieht es mit jenen Wesen aus, die inzwischen von der Erde und aus unserem Gedächtnis verschwunden sind?

Auf letztere macht nun die Uraufführung von „Revue. Über das Sterben der Arten“ am Theater Freiburg aufmerksam, und zwar mit einem riesigen Laufsteg. Ähnlich einer Modenschau defilieren die Dar­stel­le­r:in­nen unter gleißendem Licht. Auch wenn sie zunächst in Alltagskleidung auftreten, ist rasch klar: Sie vertreten die ausgerotteten Tierarten. Um deren einstige Vielfalt zu spiegeln, hat sich Intendant Felix Rothenhäusler in seiner Inszenierung für ein entsprechend diverses Ensemble (unter anderen Nadine Geyersbach, Anja Schweitzer, Andy Zondag) entschieden. Wir sehen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Bunt könnte man also sagen.

Was sie tun? Vor allem Laufen, stramme 80 Minuten Laufen. Mit kleinen Variationen. Mal tänzeln sie ein wenig, mal deuten sie Flügel an oder winken wie zum Abschied. Mitunter wechseln sie hier und da den Look, ziehen Decken über den Kopf oder tragen Motorradhelme, die man am ehesten als Symbol eines zerstörerischen Fortschritts lesen kann. Seien es die frühen Jagden des Homo sapiens oder die maschinell betriebenen Waldrodungen in der Moderne – der Mensch (und seine Vorstufen) entfaltet seit seinem Bestehen eine Gewalt mit irreversiblen Auswirkungen.

Aus Sicht der Opfer

Umso wichtiger erscheint es dem Regisseur, der sein Werk bereits 2022 in ähnlicher Aufmachung am Theater Bremen zeigte, nun die Geschichten aus Sicht der Opfer zu erzählen. Dazu treten die Marschierenden des Abends abwechselnd ans Mikrofon. Sie berichten. Zum Beispiel vom Dodo, diesem tölpelhaft anmutendem Bodenbrüter, der nur 64 Jahre nach seiner Entdeckung 1662 als ausgestorben galt. Oder von der Atlasschildkröte. Über 12 Millionen Jahre bewohnte sie unseren Planeten, bevor sie verschwand.

Oder einstmals vom in Hawaii ansässigen Königskleidervogel. Ob seines royalen Federkleids war auch ihm, nachdem er in den Fokus des Menschen geraten war, nur ein kurzes Dasein beschert. Oder dem neuseeländische Haastadler, der sich primär von Moas ernährte. Fielen diese jedoch ebenso dem unstillbaren Hunger unserer Spezies anheim, verschied bald darauf auch das letzte Exemplar dieses größten Greifvogels der Neuzeit.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen und sie veranschaulicht in ihrer abendfüllenden Länge die Dramatik der humanen Hegemonie. Und sie ist Ausweis der immer gleichen, sich über die Jahrtausende kaum verändernden Mechanismen. Auf Gier und Ressourcendrang folgen Massensterben und Verdrängung.

Passend dazu fußt das gesamte Konzept der neben Rothenhäusler von Theresa Schlesinger und Jan Eichberg entwickelten „Revue. Über das Sterben der Arten“ auf Wiederholung. Nicht nur beschreiten die Spie­le­r:in­nen stets dieselbe Strecke, auch die Musik (Jo Flüeler und Moritz Widrig) basiert auf sich wiederholenden Percussion- und Bassrhythmen.

Redundanz in Loops

Die Beats erinnern an die Brutalität, ihre schleifenartige Redundanz markiert die menschliche Ausbeutung der Erde. Aber sie führen ebenfalls zu einem merkwürdigen Nebeneffekt: Die Zuschauer:innen, die übrigens beidseits des Laufstegs einander gegenübersitzen (sowohl als passive Beiwohnende als auch Täter:innen), grooven sich ein. Sie nicken im Takt, schwingen bei den bisweilen sich steigernden und variierenden elektronischen Sounds mit, wodurch nach und nach eine wohlige, ja losgelöste Stimmung entsteht.

Während wir einerseits einer traurigen Rückschau gewahr werden, die in der Verbindung aus Nachruf und Ton mitunter an ein Requiem denken lässt, fühlen wir uns zugleich, ungeachtet aller Ironie, in Tanzlaune versetzt. Dadurch verspielt Rothenhäusler ein wenig von der Drastik, die er in seinem ansonsten ambitionierten Bühnenexperiment vor Augen führt.

Sie beginnt mit einer Hollywood-Filmmusik-artigen Fanfare und klingt mit Vibrafon im Crescendo aus. Ein Ende der Unterdrückung von Flora und Fauna scheint kaum in Sicht. „Fehlt nur der Wal“, meint eine Besucherin auf den Rängen – „noch“, würden Zy­ni­ke­r:in­nen wahrscheinlich ergänzen. Aber für Galgenhumor, so die Botschaft dieser eindrücklichen Uraufführung, ist die Zeit längst vorbei.