Paternalismus trifft oft die Präferenzen der Bürger nicht richtig

Wir Menschen glauben ja gerne, dass Menschen ein bisschen blöd sind. Also vor allem die anderen. Unsere eigenen Fähigkeiten halten wir systematisch für überdurchschnittlich. Die anderen Leute halten wir eher mal für verschwenderisch, unaufmerksam und leicht manipulierbar.

„Die anderen werden von Eigennutz und Ideologie angetrieben“, schreibt der Soziologe Musa al-Gharbi, „wir selbst aber von hohen ethischen Standards und einer grundsätzlichen Wahrheitsliebe. Die anderen Leute sind Konformisten, wir aber bilden uns eine unabhängige Meinung.“

Und dann kam ungefähr um die Jahrhundertwende eine wissenschaftliche Studie nach der anderen, die den Menschen Entscheidungsfehler nachwies. Das bestärkte natürlich all jene, die die anderen Menschen sowieso für etwas hilfsbedürftig hielten. Kein Wunder also, dass viele den anderen gerne ein bisschen dabei helfen würden, besser zu leben. Doch viele wundern sich bald, dass ihre gut gemeinten Ideen nicht richtig zünden.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



„Nudges“ hieß ein Konzept des sogenannten liberalen Paternalismus, der den Menschen – frei übersetzt – einen sanften Rippenstoß geben sollte, der ihnen hilft, sich für das Richtige zu entscheiden. Der Salat sollte in der Kantine prominenter stehen als die Pommes frites, für die Altersvorsorge sollte der Arbeitgeber am besten automatisch etwas Geld zurücklegen, auch wenn die Menschen selbst gar keinen Vertrag abgeschlossen hatten.

Viele gut gemeinte Ideen scheitern

In den vergangenen Jahren allerdings wurde immer deutlicher, dass viele solche gut gemeinten Ideen scheitern. Ein Forscherteam zeigte im Jahr 2022: In wissenschaftlichen Zeitschriften veränderten Nudges das Verhalten der Menschen um durchschnittlich 8,7 Prozentpunkte. Das sei ein „sehr großer“ Effekt. In der politischen Praxis allerdings veränderte sich das Verhalten der Menschen nur um 1,4 Prozentpunkte.

Jetzt wird die Debatte um den Paternalismus immer heftiger. Und zwei Studien aus den vergangenen Wochen bringen sie näher an die Praxis.

Den Leuten ist es etwas wert, selbst zu entscheiden

Da ist zum Beispiel die Frage der Heizungen. Wärmepumpen sind nicht bei jedem beliebt, weil manche Altbaubesitzer nach längerem Nachdenken zu dem Schluss gekommen sind, dass sie für eine Wärmepumpe erst aufwendig das Haus dämmen und die Heizkörper auswechseln müssten. Sie bleiben lieber erst mal bei der Gasheizung. Andere Leute glauben, dass die Freunde der Gasheizung die künftigen Anstiege des Gaspreises unterschätzen. Sie würden die Gasheizung am liebsten verbieten.

In dieser Situation erscheint eine Studie mehrerer Umwelt- und Energieökonomen aus Bochum und Münster. In einem ausführlichen Experiment haben sie immer wieder Menschen vor verschiedene Alternativen gestellt. Manchmal durften die Probanden selbst wählen, manchmal wurde die Entscheidung für sie getroffen. Dann waren die Ökonomen in der Lage, auszurechnen, was den Menschen die Entscheidungsgewalt an sich wert war.

Jetzt halten Sie kurz an. Und schätzen Sie: Was ist es den Leuten wert, dass sie ihre Entscheidung selbst treffen können?

Tatsächlich war das recht unterschiedlich. Rund einem Fünftel der Leute war die Entscheidungsgewalt egal, wichtig war ihnen nur, dass das Ergebnis für sie günstig war. Ungefähr noch mal so viele waren sogar froh, wenn sie nicht selbst entscheiden mussten. Die Mehrheit aber war bereit, mehr Geld auszugeben, wenn sie ihre Entscheidung selbst treffen konnte, und zwar teils erheblich mehr. Im Durchschnitt aller Gruppen war den Probanden das Selbstentscheiden rund neun Prozent der aufgerufenen Summe wert.

Was wollen die Menschen wirklich? Gar nicht so leicht zu sagen

Da ist eine Gefahr am Paternalismus, auch am liberalen. Der möchte den Menschen helfen, ihr Leben zu verbessern, und zwar nach ihren eigenen Maßstäben – doch die Maßstäbe sind ziemlich unterschiedlich, von außen schwer zu durchschauen und sowieso nur schlecht für ein ganzes Land auf einmal festzulegen. Gelegentlich täuscht man sich dabei. Wer hätte schon gedacht, dass die Leute so unterschiedliche Vorstellungen davon haben, ob sie über ihre Angelegenheiten selbst entscheiden sollen oder nicht?

An der George-Mason-Universität in Washington hat der Ökonom Erik Matson vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass die Werte der anderen schwer zu bestimmen sind. Deshalb bestehe immer die Gefahr, dass der Paternalismus viel weniger liberal ausfalle, als er mal gedacht war. Auch der Züricher Verhaltensforscher Sandro Ambuehl konnte vor einiger Zeit zeigen: Wer Gesetze zum Schutz anderer machen darf, orientiert sich dabei meist an den eigenen Vorlieben und selten an denen der anderen. Das galt sogar, als Ambuehl das Experiment mit Abgeordneten aus dem Deutschen Bundestag und den Landtagen machte.

Zu harte Regeln erzeugen Unglück

Wenn der Paternalismus zu hart ausfällt, dann hat das auch seine Nachteile. Im Moment zum Beispiel wird viel darüber gesprochen, dass Männer und Frauen sich die Kindererziehung gleichmäßiger aufteilen sollen. In der öffentlichen Debatte wird immer wieder gefordert, dass Frauen mehr arbeiten, Männer dagegen ihre Arbeitszeit reduzieren und mehr zu Hause bleiben.

Wie sich ein entsprechendes Gesetz auswirkt, hat ein Forscherteam in Dänemark untersucht. Da wurden vor einiger Zeit die Elternzeitregeln umgestellt. In Reaktion auf eine EU-Vorgabe beschloss das Parlament, dass bei Geburten nach dem 1. August 2022 von den insgesamt 48 Wochen Elternzeit elf Wochen dem Vater vorbehalten waren. Wenn er sie nicht nahm, verfielen sie.

Die Reform hatte deutlich messbare Effekte in alle Richtungen. Nach der Reform übernahmen tatsächlich die Väter mehr von der Kinderbetreuung, die Mütter trauten ihnen auch mehr zu, und die Dänen bekamen eine bessere Meinung von arbeitenden Müttern. Umgekehrt näherten sich bei der Arbeit die Verdienste von Müttern und Vätern an. All das kam so, wie es die Erfinder der Regeln gehofft hatten. Doch glücklicher machte es die Dänen nicht.

„Die Ergebnisse sind bemerkenswert“, schreiben die Forscher. Vor der Reform waren 90 Prozent der Mütter und der Väter mit ihrer Elternzeitverteilung zufrieden. Nach der Reform sagten das nur noch 60 Prozent der Väter und sogar nur noch 50 Prozent der Mütter. Die Vorschriften zur Elternzeit nahmen den Eltern Freiheit bei der Aufteilung, und das führte zur Unzufriedenheit. Die Forscher folgern: Die Episode zeige „einen entscheidenden Zielkonflikt, der paternalistischer Politik innewohnt“.