Hohe Benzinpreise, schlechte Nachrichten aus allen Teilen der Welt und kurz vor Ostern meldet sich auch noch einmal der Winter zurück. Wäre doch ganz angenehm, wenn die Welt mal kurz Pause machen könnte.
Das klappt zumindest für ein paar Stunden. Und zwar simpler, als man denkt: mit der Schlagernacht des Jahres. In der ausverkauften Olympiahalle wollen die Stars des Genres wie Matthias Reim („Verdammt, ich lieb’ dich“), Peter Wackel („Inselfieber“) oder DJ Ötzi („Hey Baby“) die Welt gar nicht erklären. Sie liefern den wohl positivsten musikalischen Eskapismus, den man derzeit bekommen kann. Schlager statt Schlagzeilen.
Schon kurz vor 19 Uhr zeigt sich, warum das Sechs-Stunden-Party-Konzept von Veranstalter Semmel Concerts seit Jahren funktioniert.
Macht Hitster den Schlager noch populärer?
Mallorca-König Mickie Krause stellt mit gewohnt charmanter Selbstironie erst klar, dass er mit Münchens neuem Oberbürgermeister übrigens nicht verwandt ist, und ruft dann: „Danke, dass ihr euch jetzt schon auf mein Niveau runtergesoffen habt.“

© Jens Niering
von Jens Niering
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Das wirkt sinnbefreit, ist aber genau die Essenz dieses Abends: ein kollektives Augenzwinkern. Melissa Naschenweng singt in pinker Lederhose und Glitzerstiefeln vom „Bergbauernbuam“. Ross Antony, bekannt aus „Let’s Dance“, mixt „Sugar“ und „Amarillo“ zu einer bunten deutsch-englischen Version.
In der Halle blinkt alles, was das LED-Regal hergibt: pinke Kronen, Glitzerstäbe, T-Shirts mit dem Konterfei von Wolfgang Petry. Dazwischen ein Zebra-Glitzeranzug mit Skibrille. Modisch scheint hier alles erlaubt, solange es glitzert.
Die 15 Künstler liefern einen musikalischen Dauerlauf durch Generationen. Von TikTok-Gesichtern wie Vincent Gross, der pünktlich zum Osterfest ein herrlich sinnloses Hasenlied im Plüschkostüm performt, bis hin zu Stimmen wie Andy Borg, die schon liefen, als Schallplatten noch die Stimmung brachten.

© Jens Niering
von Jens Niering
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Vielleicht hat auch das Wohnzimmer seinen Anteil am Erfolg des Genres. Das Gesellschaftsspiel „Hitster“, inzwischen auch als Schlager-Version in vielen Regalen gelandet, hat den Soundtrack zurück ins kollektive Gedächtnis gespült.
Die ganz Jungen, die bei Kerstin Ott den Refrain von „Die immer lacht“ ins Mikro kreischen dürfen. Und die, die mit Matthias Reim groß geworden sind. Generation TikTok trifft Generation Kassette und das schafft vielleicht nur der Schlager.
