Die Bilder, die der Große Preis von Japan liefern sollte, würden deutlich länger im Gedächtnis bleiben als sonst üblich zu dieser Saisonphase, das stand schon vor dem Start fest. Ausnahmsweise hatte das aber weniger mit dem Renngeschehen während der 53 Runden über den Suzuka International Racing Course zu tun. Sondern mit der Weltlage: Wegen des Krieges in Nahost legt die Formel 1 eine unfreiwillige Pause im April ein, die Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien wurden abgesagt, erst am 3. Mai geht es in Miami weiter.
Kimi Antonelli lieferte dann jedoch ohnehin ein Ergebnis, dessen Haltbarkeit weit über den April hinausreicht. Nach seinem Sieg vor Oscar Piastri im McLaren und Charles Leclerc im Ferrari wird der Italiener als der jüngste WM-Führende in der Geschichte der Königsklasse des Motorsports vermerkt. Mit 19 Jahren und 216 Tagen ist er der erste Teenager, dem das gelungen ist. Die Bestmarke war bis Sonntag in Besitz seines Vorgängers bei Mercedes, Lewis Hamilton, gewesen. Der siebenmalige Weltmeister hatte sich 2007 in Spanien im Alter von 22 Jahren und 126 Tagen erstmals an die Spitze der Gesamtwertung gesetzt.
„Es fühlt sich ziemlich gut an“, sagte Antonelli. „Es ist noch früh, um über die Meisterschaft nachzudenken, aber wir sind auf einem guten Weg.“ In der WM liegt der bislang Führende und Auftakt-Sieger George Russell mit 63 Zählern nun neun Punkte hinter ihm. „Es könnte ein Duell zwischen uns beiden werden, dafür will ich bereit sein“, hatte Antonelli schon zuvor kämpferisch angekündigt.

:Der Rookie, aus dem im Renntempo ein Titelkandidat geworden ist
Kimi Antonelli schien an der Bürde zu zerbrechen, das Wunderkind von Mercedes sein zu sollen. Doch mit seinem ersten Formel-1-Sieg beginnt seine Emanzipation zum Mitfavoriten.
Die Dominanz von Mercedes in dieser Saison zeigte sich also auch beim dritten Grand Prix dieses Jahres. Kimi Antonelli und George Russell starteten – wie zuvor schon in Australien und China – in der ersten Reihe, die Konkurrenz konnte bei der Zeitenjagd nicht mithalten. Und Antonelli saß in seinem Auto ja zudem frisch betankt mit der besten Sorte Selbstbewusstsein, die sich ein Rennfahrer während der Saison holen kann. Erst vor zwei Wochen hatte er seinen ersten Grand Prix gewonnen, seither ist er hinter Max Verstappen (18 Jahre, 228 Tage) der zweitjüngste Sieger. Noch dazu löste er in Shanghai mit seiner Premiere auf der Pole-Position auch Sebastian Vettel (21 Jahre, 72 Tage) ab.
Beim Start in Suzuka aber half ihm das dann wenig. Das „ist in die Hose gegangen, da müssen wir in die Fahrschule gehen, weil er die Kupplung regelmäßig loslässt“, sagte Teamchef Toto Wolff nach dem dritten Mercedes-Erfolg in Serie bei Sky zur derzeitigen Schwachstelle. Antonelli blieb quasi stehen und war plötzlich nur noch Sechster, Russell fiel zurück auf Rang vier, während der Start-Dritte Oscar Piastri, Charles Leclerc und auch Weltmeister Lando Norris an den beiden vorbeirauschten. Spielerisch leicht sah das aus.
Die Safety-Car-Phase nach dem Unfall von Oliver Bearman wird zum Geschenk für Antonelli
Die Silberpfeile setzten umgehend zur Aufholjagd an. In der zweiten Runde überholte Antonelli den Ferrari von Lewis Hamilton und lauerte damit direkt hinter Russell. Der wiederum schnappte sich Norris und war in der vierten Runde problemlos auch an Leclerc vorbei. Schwupps, war er wieder Zweiter – bald darauf ging er schon mit Piastri in den Zweikampf. In der Schikane kam Russell am McLaren vorbei, aber auf der Start-Ziel-Gerade verlor er den Platz direkt wieder. Antonelli zeigte den gleichen Zug bei Norris und konnte sich vor ihm halten. Silber gegen Orange war das Duell der neuen Anführer gegen die der vergangenen Saison. Allein, dass es überhaupt zustande kam, war eine Erfolgsmeldung, noch in China hatte wegen technischer Defekte keiner der beiden McLaren überhaupt starten können.
Und nun? Meldete Piastri nach 17 Runden per Funk: „Ich denke, ich kann vorne bleiben, wenn wir die Führung halten.“ Doch da wusste der Australier nicht, was wenig später passieren sollte. McLaren holte seinen Garagennachbarn Norris an die Box, auch Leclerc bog ab, Piastri folgte ihrem Beispiel und ließ sich die harte Mischung anbringen. Bei Mercedes wollte auch Russell keine Zeit verlieren – und bekam seinen Wunsch in der 22. Runde erfüllt. Kurz danach bereute der Brite den Zeitpunkt seines Reifenwechsels. Oliver Bearman hatte im Duell mit dem Alpine von Franco Colapinto die Kontrolle über seinen Haas verloren und krachte mit so viel Kraft in die Streckenabsperrung, dass er sich verletzte. Bearman musste nach dem harten Einschlag bei einer Beschleunigungskraft von 50G gestützt werden beim Laufen, er humpelte. Später kam die Diagnose: Prellung am rechten Knie.

Der Haas musste mit einem Kran von der Strecke geholt werden. Ein Geschenk für Antonelli. Denn während die anderen aus der Führungsgruppe Zeit verloren hatten mit dem Boxenstopp, konnte der Italiener entspannt während der Safety-Car-Phase abbiegen. Die Bergung des Autos dauerte, in der 27. Runde war die Strecke wieder freigegeben. Und diesmal kam Antonelli deutlich besser weg und hielt Piastri auf Distanz. Russell aber musste seinen früheren Teamkollegen Hamilton vorbeiziehen lassen und war nun Vierter, während Antonelli die schnellste Rennrunde drehte und 1,8 Sekunden zwischen sich und Piastri brachte. Bald darauf waren es fünf, sieben, neun Sekunden. Der Abstand wurde immer größer.
Antonelli zog den anderen davon, während Russell sich erst an Hamilton abmühte und nach 37 Runden hinter beide Ferrari fiel. Der Mercedes war plötzlich langsamer geworden, vielleicht, weil im neuen Reglement-Zeitalter der Formel 1 mit stärkerem Fokus auf den Elektroantrieb nicht mehr genug Energie in der Batterie steckte. Eine Szene, die Max Verstappen in seiner Position bestätigen dürfte. Der viermalige Weltmeister weiß mit der neuen Formel 1 nicht viel anzufangen, sein Frust wächst und wächst, was auch an den Problemen mit dem schwachen Red Bull liegt. In Suzuka dachte er wieder mal laut über seinen vorzeitigen Rückzug aus der Motorsportserie nach, ins Ziel kam er als Achter. Audi-Pilot Nico Hülkenberg wurde Elfter.
Wer Spannung suchte, fand sie zu dieser unterhaltsamen Rennphase aber hier: Auf die Duelle zwischen Russell und den Ferrari folgte ein Reifen-an-Reifen-Manöver Rot gegen Rot mit dem besseren Ausgang für Leclerc. Und dann hatte Russell wieder genug Power, um Hamilton zu überholen. Nun war er Vierter. Der 28-Jährige klebte am Heck von Leclerc, angetrieben vom Frust über sein Pech, den falschen Moment für den Boxenstopp erwischt zu haben. Dass er an diesem Tag die Gesamtführung an Antonelli verlieren würde, war Russell längst klar, aber dann doch zumindest ein Platz auf Podest! Zwei Runden vor Schluss gelang es ihm schließlich, an Leclerc vorbeizuziehen. Doch er wurde direkt zurückgesetzt vom Ferrari. Russell attackierte weiter, aufs Podium aber schaffte er es nicht.
