Weniger sprechen: Studie zeigt täglichen Rückgang – Wissen

Im aufgewühlten Ozean des Geschwätzes herrscht stets Hochwasser. Überall kippen Menschen ihre Meinungen, Klagen, Jammereien, Späße und Beschimpfungen in diese Unendlichkeit der Informationen. Es strömen Wortmeldungen, Social-Media-Beiträge, Texte, Podcasts, Kurzvideos, und die Whatsapp-Gruppen auf dem Smartphone rappeln fast ohne nennenswerte Pausen. Die weltweite Nachrichtenlage lässt sich auch nicht gerade mit dem Attribut „ruhig“ beschreiben, im Gegenteil: Sie ist bestimmt von Kriegen, Krisen und einem Mann im Weißen Haus, dessen Äußerungen oft globale Schnappatmung auslösen.

Die Gegenwart fühlt sich manchmal an wie ein überfülltes Wirtshaus, in dem alle durcheinanderschreien, kaum etwas zu verstehen ist und der Geräuschpegel einen in die innere Emigration treiben kann.

Angesichts dieser Klage überrascht eine Datenauswertung, die Psychologen in den Perspectives on Psychological Science veröffentlicht haben. Demnach sprechen die Menschen immer weniger. Zwischen 2005 und 2019 haben im Durchschnitt Jahr für Jahr täglich 338 Wörter weniger die Münder verlassen. In Zeit umgerechnet bedeutet dies, dass täglich eineinhalb bis zwei Minuten mehr geschwiegen wird.

Jedes Jahr äußern Menschen also etwa 120 000 Wörter weniger als in den zwölf Monaten zuvor, was in etwa der durchschnittlichen Länge eines Romans entspricht. Auf den gesamten Untersuchungszeitraum habe sich das individuelle Redevolumen im Schnitt um 28 Prozent reduziert, schreiben die Psychologen Valeria Pfeifer und Matthias Mehl.

Für die Studie haben die Wissenschaftler 22 Einzelstudien mit insgesamt 2197 Teilnehmern ausgewertet, die aus den USA, Mexiko, Australien und Europa stammen. Im Rahmen dieser Arbeiten wurden Gespräche im Hintergrund aufgezeichnet. Die Studienteilnehmer wurden also über längere Zeit während ihrer Alltagsgespräche belauscht, die Situationen dürften also weitgehend authentisch gewesen sein.

„Mit jedem verlorenen Wort bröckelt unsere Verbindung zu anderen.“

Warum weniger gesprochen wird, können die Psychologen mit den Daten nicht erklären. Natürlich äußern sie aber eine Vermutung. Während des Untersuchungszeitraums haben Internet und Smartphone die Kommunikation grundlegend verändert: Es wird mehr geschrieben – Kurznachrichten, Social-Media-Posts, E-Mails und so weiter. Und tatsächlich irritiert es mittlerweile manchmal regelrecht, wenn das Handy klingelt, nach dem Motto: Wie, da will jemand direkt mit mir sprechen?

Den Trend auf diese Weise zu erklären, klingt plausibel. Zumal der Rederückgang bei Probanden unter 25 Jahren noch etwas ausgeprägter war und diese Alterskohorte mutmaßlich noch mehr digital und damit vor allem schriftlich kommuniziert. Die jungen Studienteilnehmer sprachen Jahr für Jahr täglich 451 Wörter weniger. Die über 25-Jährigen sparten sich hingegen jährlich 314 Wörter pro Tag.

So passt beides doch zusammen: Das ausufernde öffentliche Geschwätz findet verstärkt in indirekter, digitaler Form statt. Und zugleich reden Menschen weniger miteinander. Das wiederum ist zu beklagen: „Wenn wir weniger sprechen, verbinden wir uns weniger“, schreiben Pfeifer und Mehl. „Mit jedem verlorenen Wort bröckelt unsere Verbindung zu anderen.“