Es gibt eine Grenze, auch für Weltrekordler. In Prag, beim letzten Wettkampf der Saison, hat Ilia Malinin eine Bilanz seines professionellen Schaffens gezogen. „In den letzten Jahren habe ich so viel für meinen Sport getan“, hat er gesagt. „Jetzt ist es Zeit, dass ich meinen eigenen Weg gehe, an mich denke und mal tue, was ich möchte.“ Es sind Sätze wie man sie sonst von Menschen hört, die im Alter auf ihr Lebenswerk zurückblicken. Ilia Malinin, seit Samstag dreimaliger Eiskunstlaufweltmeister, ist immer noch erst 21 Jahre und drei Monate jung.
Dass er Phänomenales vollbracht hat, steht außer Frage: Er hat Sprünge erfunden, mit Stilen experimentiert und dem Eiskunstlauf, dieser in Jahre gekommenen Sportart, durch seine Experimentierfreude, seinen Enthusiasmus und jungenhaften Charme ein neues Publikum erschlossen. Er war erst 17, als ihm die Welturaufführung des Vierfach-Axels glückte, dessen unfallfreie Landung bis dahin kaum als menschenmöglich galt. Noch im Dezember vollführte er sieben Vierfachsprünge in einem Wettkampfprogramm, auch das hatte die Welt noch nicht gesehen. Dann erlebte er auf dem Höhepunkt seiner Kunst im Februar bei den Olympischen Spielen ein Desaster, wie es nur wenige Athleten erlitten: keine Niederlage, sondern einen Höllensturz.
Bei der Schlusspose lässt Malinin einen Schrei der Erlösung ertönen
Malinin, der Überflieger, der selbsterklärte „Gott der Vierfachsprünge“, hob bei den Winterspielen in Mailand ab zu seinem Paradesprung, dem Axel, und drehte in der Luft wie in Zeitlupe nur einmal. Aufgerissen, nennt man das in der Fachsprache. Dann riss der Faden. Er stürzte und stolperte, die vermeintliche Goldkür wurde zur Tortur, live vor einem weltweiten Publikum. Malinin fiel von Rang eins auf Platz acht zurück.
Am Samstag in Prag, fünf Wochen später, hat er wieder auf dem Eis gestanden: dieselbe Kür, dieselbe Musik, dieselbe Ausgangslage. Und 17 000 Zuschauer in der ausverkauften Arena wurden Zeuge, wie Malinin die schwierigste Aufgabe bewältigte, die das Leben einem jungen Menschen vor die Füße werfen kann: Er hatte sich in seinen großen Ambitionen verloren – und er fand sich in diesen vier Minuten wieder. Das mag pathetisch klingen. Aber sein Schrei der Erlösung bei der Schlusspose, der im minutenlangen Jubel der Zuschauer unterging, gab einen Hinweis darauf, dass es für Malinin tatsächlich um Existenzielles ging.

:Auf der Höhe ihrer Kunst
Das Schwierigste beim Eiskunstlaufen? Keine Gedanken an Stürze zulassen! Diese Maxime hat das Duett Minerva Hase und Nikita Volodin wenige Wochen nach Olympia-Bronze nun zum WM-Titel geführt – lohnt es sich da, überhaupt noch weiterzumachen?
Er hat in den vergangenen Tagen einen kleinen Einblick in sein Seelenleben gegeben und offen, ruhig, reflektiert über das Olympiatrauma und die „harten Tage danach“ gesprochen. Er habe ständig, ohne Unterlass, an all die Dinge gedacht, die er hätte anders machen können, um ein weniger quälendes Resultat zu erreichen. „Aber ich kann es nicht ändern. Ich habe keine Zeitmaschine, um mich zurück zu beamen. Vielleicht gibt es das ein paar Jahren, wer weiß“, sagte er mit einem Lächeln. „Aber ich kann mich nicht davon verrückt machen lassen.“ Nur daraus lernen könne er.
Die erste Lektion war, dass er sich auf das Positive konzentrieren wollte, denn abgesehen von dem Absturz auf dem Eis hatten ihm seine ersten Winterspiele und die Zusammenkünfte mit den Athleten aus aller Welt Spaß gemacht; Mannschaftsolympiasieger mit dem US-Team war er auch geworden.
„Wir müssen uns und unseren Job lieben“, sagt Malinin: „Denn sonst brennen wir aus.“
Dazu kam die vermutlich schmerzhaftere Selbsterkenntnis, dass er sich in seinem unstillbaren Drang nach einer stilistischen Revolution im Eiskunstlauf, nach neuen Rekorden und Kapriolen im Olympiajahr womöglich selbst geschadet hatte. „Es war stressig, immer in Bestform zu sein, in jedem Wettkampf noch irgendwie zuzulegen“, sagt er. Er wisse jetzt, dass er als Athlet auch die Aufgabe habe, auf sein Wohlergehen zu achten. „Wir müssen uns und unseren Job lieben“, sagte er, „auch wenn es egoistisch klingt. Denn sonst brennen wir aus.“
Deshalb beschloss er, eine Balance zu finden: So gut Schlittschuh zu laufen, wie es geht – und es zu genießen. Was dieser Therapielauf konkret bedeutet, führte er dem Prager Publikum vor: Malinin verzichtete im Kurzprogramm auf den angekündigten Vierfach-Axel, die Weltsensation. Und auch die mit Höchstschwierigkeiten gespickte Kür wurde entschlackt: Wieder sprang er den Axel nur wie der Rest der Konkurrenten mit drei Umdrehungen in der Luft. Gestrichen war im Vergleich zur Weltrekordkür vom Dezember auch der Vierfach-Rittberger.
Es blieben immer noch fünf Vierfache übrig. Und ein Polster von mehr als 22 Punkten auf den fabelhaften Japaner Yuma Kagiyama, der sich mit der faszinierenden Interpretation einer Puccini-Arie aus der Oper Turandot WM-Silber vor seinem Kollegen Shun Sato eroberte. Auch Kagiyama war bei den Spielen in Mailand nach ungewohnten Fehlern leer ausgegangen. Olympiasieger Michail Schaidorow aus Kasachstan hatte auf die WM-Teilnahme verzichtet. Der für die Deutsche Eislauf Union debütierende 18 Jahre alte Genrikh Gartung kam auf Platz 24.
Für Kagiyama und Malinin schließen sich an die WM nun noch Auftritte bei der Tournee Stars on Ice an. Keine Erholung, aber Spaß auf Schlittschuhen mit Kollegen, also etwas, das dem Genuss-Therapielaufen nahe kommt, wie Malinin sagte. Er hatte sich nach dem Höllensturz von Mailand für Prag nur ein Ziel gesetzt: „Heil durch die Kür zu kommen.“ Dass ihm das glückte, noch dazu mit seinem dritten WM-Titel, ist vielleicht seine größte Leistung im Alter von erst 21 Jahren.
