Sicherung der Energieversorgung: Merz hinterfragt Kohleausstieg – die Grünen schäumen

Sicherung der EnergieversorgungMerz hinterfragt Kohleausstieg – die Grünen schäumen

28.03.2026, 15:26 Uhr

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Das frühere Kohlekraftwerk Scholven im Norden von Gelsenkirchen war einst das leistungsstärkste in Deutschland. Die Kohleblöcke wurden stillgelegt, zwei gelten jedoch als systemrelevant und bleiben bis 2031 für Spitzenlastzeiten in Reserve. (Foto: picture alliance / Jochen Tack)

Gesetzlich ist festgelegt: Spätestens 2038 gehen die letzten deutschen Kohlemeiler vom Netz. Der Kanzler hinterfragt den Plan – der Versorgungssicherheit zuliebe. Die Grünen im Bundestag haben dafür kein Verständnis.

Die Grünen im Bundestag kritisieren die Erwägungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, Kohlekraftwerke womöglich länger am Netz zu lassen. „Kanzler Merz sollte sich nicht an den alten Möhren festklammern, sondern besser seine Energieministerin zum Arbeiten bringen“, sagte der energiepolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Michael Kellner. „Was Deutschland braucht, sind neue gesicherte Stromleistungen über wasserstofffähige Gaskraftwerke und Batteriespeicher“.

Merz hatte am Freitag den Fahrplan für den gesetzlich festgelegten Kohleausstieg bis spätestens 2038 infrage gestellt. „Wir werden möglicherweise laufende Kohlekraftwerke länger am Netz lassen müssen“, sagte er bei einer Veranstaltung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Es sei wichtig, die Energiepolitik „vom Kopf auf die Füße zu stellen“. „Ich bin nicht bereit, den Kern unserer Energieversorgung aufs Spiel zu setzen, bloß weil wir da vor Jahren Ausstiegsdaten beschlossen haben.“

Der Grünen-Politiker Kellner fordert Energie- und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche dagegen auf, die angekündigte Kraftwerksstrategie umzusetzen. „Hier fehlt seit über einem Jahr die Umsetzung“, sagte er. Kohlekraftwerke zur Flankierung der Stromversorgung durch erneuerbare Energien länger vorzuhalten, sei nicht nur aus Umweltgesichtspunkten schädlich, sondern auch teuer. Kellner verwies darauf, „dass der Kohleausstieg längst marktgetrieben stattfindet“. So habe die Kohleverstromung in Deutschland inzwischen „den tiefsten Stand seit 1914“ erreicht.

Kohlekraftwerke in der Schlummerreserve?

Auch unter Energiemarktexperten gibt es Stimmen, die zumindest eine Debatte über längere Laufzeiten für Kohlekraftwerke fordern, um die deutsche Gasabhängigkeit zu minimieren. „Die Abhängigkeit von fossilen Importen ist eine strategische Schwäche, die bearbeitet werden muss“, sagt etwa Jakob Schlandt vom Hamburg Institut Consulting (HIC) im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“. Das sei kein Plädoyer für Kohlekraftwerke. Erneuerbare Energien hätten große Schnittmengen mit diesem Ziel. „Aber wir können nicht von heute auf morgen auf 100 Prozent Wärmepumpen umsteigen.“

Dem Energiemarktexperten zufolge bietet Kohle bei der Versorgungssicherheit offensichtliche Vorteile: „Steinkohle kann man jahrelang gut und günstig unter freiem Himmel lagern. Braunkohle haben wir selbst im Boden“, sagt Schlandt. Gas sei dagegen zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren als angeblich sichere Brückentechnologie gescheitert. „Wir müssen uns unangenehmen Abwägungen stellen, etwa: Sollte man Kohlekraftwerke in einer Schlummerreserve halten?“

Quelle: ntv.de, chr/AFP