Wie sie mich gefunden hat? Es geschah zu einer Zeit, als MTV schauen noch als hip durchging, im Jahr 2000, und es begann mit ein paar zaghaften Pianonoten. Die ersten Worte, eine Frauenstimme: „Du siehst mich an / Schon viel zu lang“. Eine vorsichtige Gitarre, dann: „Du lächelst / Und der Raum fängt sich zu drehen an“. Dann: „Stehst viel zu nah / Neben mir / Und alles / Was ich bin und habe / Will zu dir“. Und schließlich: „Ergib dich / Was hält dich? / Du hast grünes Licht / auf all meinen Straßen“.
Und während mein innerer Literaturwissenschaftler noch darüber nachdachte, ob diese Straßenverkehrsmetapher so ganz gelungen war, hatte sich Regine „Regy“ Clasen, 1971 in Hamburg geborene „Chanson-, Pop- und Soulsängerin und Liedermacherin“, so Wikipedia, mit einem dreiminütigen Musikclip in mein Herz gestohlen.
Das verlangte nach einer Zugabe; also beschaffte ich mir Clasens erste CD, mit dem beinahe programmatischen Titel „So nah“, und fand darauf jene dezente Eindringlichkeit im Zusammenklang von Melodie, Text und Vortrag, die sich vier Jahre später auch auf ihrem zweiten Longplayer finden würde, auf „Wie tief ist das Wasser?“.
Ihre Stimme schien sich wie durch eine Innigkeit hindurchzutasten
Die Songs schienen, nicht nur wegen der sparsamen Instrumentalisierung, etwas Nicht-ganz-Fertiges zu haben, als entstünden sie eben erst, und Clasens Stimme schien sich wie durch eine Innigkeit hindurchzutasten. Ihre balladesken Soulsongs waren für mich vor allem eine Brücke der Erinnerung zur Frühzeit der romantischen Liebe – jener Phase, in der das Gefühl so ist, wie Hemingway den perfekten Morgen beschreibt: neu und klar und frisch. Und doch auch immer: fragil. „Kann ich bleiben heute Nacht? / Hast du vor Stunden mich gefragt“, hieß es in einem Song, „So lang du willst / Hab’ ich gedacht / Und gesagt hab’ ich nur: Ja / Und immerhin: / Du bist noch da.“
Clasen wurde zu einer Art guten Freundin, an die man sich in unregelmäßigen Abständen, aber zuverlässig erinnert, und dann ruft man sie an und fährt hin zu ihr, sitzt am Frühstückstisch mit Quittenmarmelade und Kaffee aus der French-Press-Kanne und redet stundenlang, und es ist, als wäre es nie anders gewesen. Wenn man am späten Nachmittag im ICE nach Hause sitzt, hat man das bestimmte Gefühl, die eigenen Speicher mit etwas aufgefüllt zu haben, das man sehr dringend brauchte.
Gut, man muss sagen, sie hatte leichtes Spiel mit mir. Ich verstehe, dass die Rolling Stones mehreren Generationen einen Stromstoß der Lebensenergie verpasst haben, ich kann die enorme kulturelle Strahlkraft der Beatles würdigen und viele ihrer Werke. Aber diese Künstler sprechen nicht zu mir; sie sagen mir nichts – anders als ihre stärker introspektiven Kolleginnen und Kollegen, die mit einer Akustikgitarre oder dem Piano auskommen, vor allem die Singer-Songwriter der Sechziger- und Siebzigerjahre, Leute wie James Taylor, Jackson Browne und Paul Simon, dazu Van Morrison, ein paar Franzosen wie Francis Cabrel und Jean-Jacques Goldman (auch wenn Google mir die übersetzen muss), der frühe Heinz Rudolf Kunze, Grönemeyer öfter, als ich es öffentlich zugebe („Der Weg“ schnürt mir jedes Mal die Kehle zu), die Indigo Girls, Mary Chapin Carpenter, Sarah McLachlan („Answer“, noch ein Kehlenzuschnürer).
In diese Supergroup der musikalischen Mich-Versteher hatte sich auch Regy Clasen eingereiht. Nach den ersten beiden Studioalben, 2000 und 2004 erschienen, war allerdings nichts Neues mehr von ihr zu hören gewesen, nur eine CD und eine DVD von zwei Liveauftritten, was ja selten ein gutes Zeichen ist.
Ich lebte einige Jahre mehr schlecht als recht aus dem Bestand, bis ich eines Sommertages wieder einmal bei Youtube stöberte, ob sich nicht wenigstens ein verwackeltes Fanvideo von einem Live-Gig finden ließe, wenn es denn offiziell schon nichts Neues gab. Stattdessen stieß ich auf ältere Meldungen norddeutscher Radiosender und Hamburger Zeitungen, wonach ihre Familie mitgeteilt habe, Clasen sei am 28. März 2020 „nach monatelanger Krankheit von uns gegangen“, nachdem sie die letzte Zeit ihres Lebens in einem Hamburger Hospiz verbracht hatte.
Einige ihrer Musikerkollegen hatten die Meldung bei aller Trauer mit einiger Bitterkeit kommentiert; Dirk Zöllner, Mitgründer der Formation Die Zöllner, meinte, Clasen stehe „exemplarisch dafür, wie in diesem Land mit Künstlern umgegangen wird“; Purple Schulz, der in den Achtzigern mit Titeln wie „Verliebte Jungs“ und „Sehnsucht“ bekannt geworden war, beklagte die „Arroganz und Ignoranz der deutschen Radiomacher, die sich weigerten, ihre Songs zu spielen, während Regy damit schon längst ihren Frieden geschlossen hatte“.
Sie starb im Alter von 48 – das schien mir nun doch unverschämt
Nun stirbt eigentlich jeder Mensch zu früh, weshalb Denker vor allem französischer Herkunft ja auch fanden, man müsse gegen den Tod revoltieren. Aber wie Regy Clasen im Alter von 48, das schien mir nun doch unverschämt, wer oder was auch immer dafür verantwortlich ist.
Während ich noch auf sie gewartet hatte, war sie gegangen. Mit norddeutscher Schnoddrigkeit würde man vielleicht sagen: Du, das geht nicht an, sich so davonzustehlen. Oder, um aus anderem Zusammenhang Leonard Cohen zu zitieren: Hey, that’s no way to say goodbye.
Man könnte auch sagen, zu einem verfrühten Tod gehört ein verspäteter Nachruf, aber das ist natürlich ein rhetorischer Trick. Eigentlich wollte ich wenigstens nun, wenngleich Jahre zu spät, mehr wissen über Regy Clasen, aber diskret. Den Hut ziehen vor ihr. Vermutlich gerade weil ich erst nach langer Zeit bemerkt hatte, dass sie nicht mehr da ist. Ich finde in jedem Fall, sie verdient es.
Also suche ich im Netz nach ihrem Bruder und rufe ihn an; er wird mich schließlich noch an weitere von Regy Clasens Wegbegleitern vermitteln, die alle die gleiche Geschichte erzählen werden, von einer außergewöhnlichen Frau, von Talent, einem Traum und dem Tod.
Den Geburtsnamen Regine hatte sie während eines Schüleraustauschs in England abgelegt
Während Matthias „Mat“ Clasen, der Berufsmusiker mit Schwerpunkt Saxophon ist, in einem Studio voller Instrumente per Zoom über die gemeinsame Kindheit und Jugend mit Regy erzählt, begreift man bald, dass die Clasens dank der insgesamt drei Ehen des Vaters eine Patchworkfamilie mit insgesamt sieben Kindern waren – und praktisch gesehen eine Band, in der Regy als jüngstes Mitglied aufwuchs. Der Vater war Musiklehrer (und Multi-Instrumentalist), die Mutter ebenfalls Pädagogin sowie Organistin (die aber auch Klavier und Flöte draufhatte), und im Hause Clasen in Quickborn-Heide vor den Toren Hamburgs, später dann auf dem Land in Lüchow-Dannenberg, hörte man sowohl Jazz als auch die Beatles.
Die Eltern und mehrere der Kinder traten gelegentlich als Gruppe bei Geburtstagen und Volksfesten auf, wo sie sich „Binnen All Star Family“ nannten (das „All Star“ eine homophone Anspielung auf Hamburgs Alster). „Persönlich“, resümiert Mat, „gab es nie einen Zweifel, dass ich Musik machen würde, und für meine Schwester auch nicht wirklich. Regy hat eine Zeit lang Klarinette gelernt, aber das führte zu nichts. Und Klavier. Aber sie hat schon immer sehr gut gesungen, auch wenn wir Hausmusik machten.“
Dazu passt, dass Regy – die den Geburtsnamen Regine während eines Schüleraustauschs in England abgelegt hatte, weil die Engländer ihn nicht aussprechen konnten – ihre ersten Schritte als Musikprofi Anfang der Neunziger als Teil einer A-cappella-Formation tat, Five Live, die Popklassiker coverte, von „Everybody Needs Somebody to Love“ über „Blue Moon“ bis „Stayin’ Alive“. Mat Clasen berichtet: „Die waren auf dem Weg ganz nach oben“, doch brach die Gruppe auseinander, nachdem eine der fünf, Conny Stahl, 1997 an Leukämie gestorben war. Es kam eine neue Sängerin, „aber diese spezielle Energie, die die Gruppe hatte“, so Mat, „die war nicht mehr da, und es war natürlich auch ein Verlust mit Conny“.
Es geschah etwas Bemerkenswertes. Der Chef der Deutschlandabteilung von Sony, einem der sogenannten majors – wie die wichtigen Player auf dem Musikmarkt genannt werden –, hörte ein Demoband mit eigenen Songs, das Regy Clasen im heimischen Wohnzimmer aufgenommen hatte, und setzte bei seinem Label durch, dass sie einen Plattenvertrag bekam, wie sich ihr früherer Manager Hasko Witte erinnert. Das erste Album konnte entstehen.
Damit, so ergänzt ihr Bruder, „war sie da, wovon sie immer geträumt hatte – professionelle Musikerin zu sein.“ Dieser Deal, sagt Mat Clasen, „das war damals ja noch was anderes als heute. Ich will nicht sagen, ein Lottosechser, aber ein Fünfer mit Zusatzzahl.“ Mat lacht. Dass ihre Fähigkeiten gewürdigt wurden, habe der Schwester „sehr viel Freude gemacht“: „Das war eine glückliche Phase.“
Doch war der Deal eben auch recht gewagt in einer Zeit, um 2000, als hierzulande englische und amerikanische Produktionen die Radiowellen und die Charts dominierten und die einzigen deutschsprachigen Acts dort Die Fantastischen Vier und Herbert Grönemeyer waren.
Eine neue deutsche Welle, wenn man so will, mit Leuten wie Juli, Silbermond und Wir sind Helden, würde noch ein paar Jahre auf sich warten lassen; Regy Clasen war sozusagen zu früh dran. „Dieses Wagnis hätte gut ausgehen können“, sagt Ex-Manager Witte, „ist leider aber nicht gut ausgegangen“ – weil Clasens Debüt zwar Leute wie mich berührte, sich für die Verhältnisse eines major aber nicht fleißig genug verkaufte. Da half es wenig, dass Clasen bei dem populären Fernsehformat „Nur die Liebe zählt“ und in der Krimiserie „Wolffs Revier“ auftrat (wo sie sich selbst spielte).
Clasen war nun zwar ein local hero in Deutschlands Norden, aber ohne das gewichtige Label, das hinter ihr gestanden hätte, und ohne Aussicht, ihre Musik national bekannt zu machen. Das hätte das zweite Album leisten müssen, dazu aber sollte es gar nicht mehr kommen. Ihr nächstes Album, „Wie tief ist das Wasser?“, vier Jahre nach dem ersten, wurde, so erinnert sich Ex-Manager Witte vage, in einem Gartenhaus aufgenommen und erschien bei einem kleineren Label. Finanziert wurde es durch cleveres Crowdfunding: Jeder Fan, der dem Projekt Geld zuschoss, bekam ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Regy-Assistent“ zugeschickt.
Regy Clasen unterdessen wurde, wie ihr Bruder es nennt, „Musikerin für andere“: Sie stand im Background von Stefan Gwildis auf der Bühne und arbeitete im Studio mit Kollegen zusammen, zum Beispiel Purple Schulz und Bernd Begemann. „Das ist einfach ein gut bezahlter Job“, erläutert Mat Clasen. „Das ist überhaupt nicht ungewöhnlich, eigentlich machen das alle.“ Außerdem verlieh sie ihre Stimme für Radio- und TV- Jingles: Werbung für ein Süßgebäck, einen fettarmen Joghurt und ein neues Biermischgetränk.

Für Regy Clasen war die Situation wohl nicht einfach: „Vielleicht“, meint Mat, „ist es für jemanden, der sich so offen macht in seiner Musik, noch mal schlimmer, wenn man sich anbietet – und das Publikum will es nicht hören. Das ist dann doch eine ziemliche Ablehnung, gerade wenn man jung ist.“
Aber Regy war eben offenbar Überzeugungstäterin; für sie waren Gefühl und Musik wie Zwillinge. Mit ihrer Schwester Susanna – die heute als Sängerin und Sprecherin arbeitet – teilte sie die Begeisterung für die Chansons von Hildegard Knef; als Kinder hörten die beiden oft zusammen eine Knef-Platte mit dem Lied „Frag nicht, warum ich gehe“, in dem es heißt: „Das Schönste im Leben wollt’ ich dir geben / Frag mich bloß nicht das eine, frag nicht, warum / Frag nicht, warum ich weine“.
Für ihre Mutter, die an Parkinson erkrankt war, schrieb sie ein Lied
In einem Interview erinnerte sich Regy Jahre danach, das Knef-Lied sei sehr kurz und sehr traurig gewesen und habe sie „immer total berührt, obwohl ich als Kind keine Ahnung hatte von Herzeleid und Liebeswehen“. Für ihre Mutter, die an Parkinson erkrankt war, schrieb sie später „Da werd’ ich sein“. Ein anderes Lied, „Wo bist du“, das sie ihrer verstorbenen Five-Live-Freundin Conny Stahl gewidmet hatte, spielte sie in Konzerten nicht mehr oft, berichtet Witte; es ging ihr zu nahe.
„Wenn sie einen neuen Song hatte“, erzählt der Ex-Manager, „kam sie ganz schüchtern um die Ecke und sagte, ich hab’ da was geschrieben, ich spiel’s dir mal vor. Man muss sich das vorstellen“, ergänzt er, „jemand geht auf eine Bühne und singt vor Hunderten von Menschen von Dingen, die einen beschäftigen, die einen glücklich oder traurig gemacht haben.“
„Regy“, sagt Christina Lux, die häufig die Bühne mit ihr teilte, „war so, wie sie einem aus den Liedern entgegentritt – da gab es überhaupt keinen Unterschied. Sie war sehr ehrlich, aber sie hat eben auch diese hohe Kunst verstanden, aus sehr persönlichen Gefühlen eine Poesie zu machen, in die man mit seiner eigenen Geschichte hat einsteigen können. Das ist das ganz Besondere, finde ich; durch die Worte gehen Türen auf, dass man sagt, so schön hätte ich es auch gern gesagt, aber du hast es getan; du hast aufgeschrieben, was ich empfinde.“
Damit das gelang, feilte Clasen lange an ihren Texten herum, und das Ergebnis konnte tröstlich sein, aber auch überraschend oder hintergründig; „Liebesnacht“ zum Beispiel kommt daher wie eine sanfte Hymne auf einen Liebhaber – „Ich komm’ nach Haus geflogen / Kurz nach Mitternacht / Meine Seele vollgesogen / Singt und staunt und lacht / Es gibt ein Wort dafür, was hier geschieht: eine Liebesnacht“ – dabei beschrieb sie ein Konzert des von Regy sehr geschätzten amerikanischen Singer-Songwriter-Kollegen Mark Cohn („Walking in Memphis“).
Als eine Interviewerin einmal festhielt, es sei mutig von Clasen, in ihrer Kunst so viel Persönliches zu zeigen, entgegnete sie: „Das sagen einige Leute, ich finde das gar nicht. Ich tue das einfach und merke auch, dass die Leute darauf gut reagieren. Dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre auf meinen Konzerten. Ja, das ist sehr persönlich, aber ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Daher ist mir das auch in keinster Weise peinlich.“
Sie spielte also ihre eigenen Liebesnachtkonzerte – ihre Bookerin Nanna Rohlffs, die ihr Liveauftritte vermittelte, erinnert sich, die Zuhörer seien „immer selig und glückserfüllt nach Hause gegangen“ –, aber das waren einzelne Gigs, vielleicht mal zwei, drei hintereinander, ein Klub hier, ein Kulturhaus da, aber eben keine Tour und, so Witte, „das Radio hat immer noch gefehlt“.
Clasen war es immer wichtig, dass ihre Mitmusiker anständig bezahlt wurden, und oft war das Budget dafür nicht vorhanden. Also war sie oft alleine unterwegs; da sie keinen Führerschein hatte, musste jemand sie fahren, oder sie nahm die Bahn. Immer dabei: das Keyboard. „Das war ihr Instrument“, sagt Mat Clasen: „Keyboard und Gesang, als One-Woman-Show sozusagen.“ Doch macht es einen Unterschied, ob man alleine auf einer Bühne steht – oder getragen wird von einer Band. „Alleine unterwegs zu sein“, sagt ihr Bruder, „das hat ihr, glaube ich, nicht so gut gefallen.“
Wie er das so sagt, stelle ich mir für einen Moment Regy Clasen vor, die eine eher zierliche Person war, wie sie auf einem norddeutschen Bahnsteig ihren großen, schweren Keyboardkoffer in einen Regionalexpress wuchtet. Mat resümiert: „Es blieb zäh. Ich glaube, das hat ihr ein bisschen zugesetzt.“ Es habe auch Phasen in Regy Clasens Leben gegeben, in denen kaum noch Stücke entstanden seien: „Bald hatte sie auch alles gesagt, was sie sagen wollte.“
Hat der Bruder eine Erklärung, wieso andere Künstler kommerziell durchmarschierten, sich bei Regy der letzte Erfolg aber nicht einstellte? „Ich weiß es nicht“, hebt er an. „Man muss konsequent dranbleiben, sich mit den richtigen Menschen umgeben und zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein. Bei Johannes Oerding zum Beispiel: Der ist jetzt ein Superstar, aber das war er vor 15 Jahren noch nicht. Bis er da war, wo er jetzt ist, das wird man nicht über Nacht.“
Und er ergänzt: „Vielleicht ist es auch so: Es gibt Menschen, die sich auf die Bühne stellen und sagen, guckt mich an, ich bin da, ich bin der Chef Australiens. Und so war sie nie. Sie war immer, immer sehr bescheiden, sehr höflich, zurückhaltend.“
„Sie wollte ihre Musik machen, ohne dass ihr jemand reinredet“
Sängerin Christina Lux, die das Business seit Jahrzehnten kennt, analysiert: „Die große Musikindustrie, die verkaufen will, Content, Content, wie der Spotify-Chef immer sagt, hat Regy nie großartig interessiert; sich mit der einzulassen, hätte ihr auch nicht gutgetan. Sie wollte ihre Musik machen, ohne dass ihr jemand reinredet oder sagt, ich höre den Hit nicht. Von außen betrachtet sieht es so aus, da hat jemand es nicht geschafft oder was auch immer. Das war nicht ihr Weg; Regy musste Regy sein.“
Sie selbst sagte in einem Interview 2005 auf die Frage, was sie jungen Mädchen raten würde, die auch Musikerin werden wollen: „Prüf dich, ob du das wirklich willst, weil es sehr schwer ist.“
Nach ihren eigenen Träumen und Wünschen für die Zukunft gefragt, meinte sie in typischer Unaufdringlichkeit: „Es wäre schön, wenn ich noch mehr Leute erreichen könnte. Ich glaube, es gibt einige, die meine Musik gerne hören würden.“
Ex-Manager Witte erinnert sich, es habe Regy Clasen – die nach dem Zeugnis aller, die sie kannten, nicht einen einzigen eigennützigen Knochen im Leib hatte – schon getroffen, als 2004 auf einmal Annett Louisan die Szene betrat, die ebenfalls deutsche Texte sang, aber, sagt Witte, eben anders als die von Regy und vor allem nicht selbst geschrieben: „Und Louisan lief im Radio, war in den ganz großen Hallen und auf großer Tour – und da saß Regy einmal neben mir im Auto und ist in Tränen ausgebrochen, weil sie sagte, solche Texte könnte sie nie schreiben, weil sie nur schreiben wollte, was sie wirklich fühlt.“
Resümierend meint Witte: „Wenn man ihre Texte hört, versteht man, wer Regy Clasen war. Sie war stark wie ein Löwe, aber auch ganz, ganz, ganz zerbrechlich.“ Bookerin Rohlffs sagt: „Ich hatte das Gefühl, dass es sie viel Kraft kostete und es bei ihr eine Traurigkeit gab darüber, dass es nicht anders lief.“
Der Krebs kam wieder zurück
Und dann kam eben der Krebs. Genauer gesagt, er kam wieder. Ein solcher war bei Regy Clasen Jahre zuvor nämlich schon einmal diagnostiziert worden; sie unterzog sich einer Therapie, „und danach war davon nichts mehr da“, sagt Mat Clasen. „Sie wurde eigentlich als geheilt entlassen.“ Jetzt indes, im Herbst 2019, wurde bei einer Untersuchung auch ein MRT gemacht, und die Ärzte fanden Metastasen – „überall, auch im Rückenmark und im Gehirn – da war nichts mehr zu machen“, so Mat. Es war eine Diagnose, die seine Schwester als Schicksalsschlag empfunden habe: schon wieder. Nicht schon wieder.
Bo Heart, „Musikschaffender“ aus Hamburg, wie er selbst es ausdrückt, erinnert sich, 2019 mit Clasen ein gemeinsames Konzert in ihrer beider Heimatstadt gespielt zu haben: „Das war im Juli, wir haben uns über den Tod unterhalten, und ich wusste nicht, dass sie eine Vorgeschichte mit Krebs hatte, aber wir redeten darüber, und sie sagte: Ja, das kann jeden Moment jeden erwischen und wiederkommen.
Ihre Diagnose, dass sie einen Rückfall hatte, kam dann im Oktober; also vielleicht hat sie da schon irgendwie gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt.“
Mat Clasen, der die Schwester oft zu Untersuchungen und zur Therapie begleitete, erinnert sich: „Einer der Ärzte wollte so einen riesigen Apparat in Gang setzen und sagte, wir machen jetzt die und die Chemo“.
Doch seine Schwester habe abgesehen, was das bedeuten würde, auch nach der Erfahrung der ersten Therapie: „Sie hat gesagt, nee, jetzt hab’ ich keine Lust mehr. Da war sie auch sehr klar.“
„Das wollte sie nicht, alleine sein“
Die Ansage der Mediziner war, wenn sie nichts unternähmen, würde Regy Clasen ein halbes Jahr Leben bleiben. Diese letzten Monate verbrachte sie dann in einem kleinen Hospiz im Helenenstift in Altona, wo sie palliativ betreut wurde. Die Frau, die in ihren Liedern so viel von sich selbst hergegeben hatte, zog sich zurück, notgedrungen. „Sie wollte niemanden mehr sehen“, erzählt ihr Bruder, „und die Leute haben das nicht persönlich genommen; sie wollte sich in ihrem Zustand einfach nicht zeigen.“
Es gab einen Kreis von fünf, sechs Freunden, die sie regelmäßig besuchten, zum Ende hin auch rund um die Uhr; in dieser frühen Phase der Corona-Pandemie war es gerade noch möglich, dass immer jemand bei ihr war. „Denn das wollte sie nicht, alleine sein“, sagt Mat Clasen. Bookerin Rohlffs erinnert sich, Regy Clasen habe, den berühmten Marlene-Dietrich-Song variierend, den Leuten, die ihr Gesellschaft leisteten, vorgesungen: „Ich bin von Kopf bis Fuß in Liebe eingehüllt.“
Bo Heart meint: „Sie war ein besonderer, wir fanden alle, ein engelsgleicher Mensch. Und sie war immer positiv. Sie hat sehr, sehr mutig und, ohne rumzujammern, gesagt, das Leben war schön, ich nehm’ das an, dass es jetzt zu Ende ist.“ Heart abschließend: „Wir werden alle sterben, und es ist gut, dass man jemanden hat, der diesen Weg vor einem geht und zeigt, wie man’s in Würde machen kann.“
Das Gedenkkonzert: Abschied von einer Freundin
Nicht zuletzt weil auch Clasens Augen schlechter wurden, lasen einige der Freunde zwei Romane für sie ein, abwechselnd, jeder ein Kapitel: „Wie man die Zeit anhält“ von Matt Haig über einen introvertierten Geschichtslehrer, der durch eine „besondere Veranlagung“ aussieht, als wäre er 40, in Wahrheit aber über 400 Jahre alt ist und sich immer wieder ein neues Leben erfinden muss; und „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky über eine alte Frau, die ein bisschen aussieht wie Rudi Carrell und die im Traum voraussieht, wenn am nächsten Tag jemand in ihrem kleinen Dorf im Westerwald sterben wird.
Und als Regy Clasen dann selbst starb, am Abend jenes 28. März 2020, eines Samstags, war sie tatsächlich wenigstens nicht alleine; ihre Familie teilte online mit, sie sei „bis zuletzt bei vollem Verstand (gewesen), hat sich noch verabschiedet und ist dann im Beisein ihrer Schwester und einer lieben Freundin gestorben“.
Kollege Purple Schulz schrieb in einem Onlinenachruf auf „meine kleine Schwester im Herzen“, er habe „noch nie erlebt, dass ein Mensch mit so viel Liebe auf dem letzten Weg begleitet worden“ sei. Und er sei „überwältigt davon, wie viel Liebe, Mut und Zuversicht Regy auf ihrem letzten Weg denen zurückgab, die sie verlassen musste“. Eine Trauerfeier direkt danach war wegen der Pandemie nicht möglich; am Tag von Clasens Tod meldete die „Tagesschau“ 56.202 Infektions- und 403 Sterbefälle.
Im Juli 2022, eine Woche bevor Regy Clasen 51 geworden wäre, gab es in Hamburg ein Konzert „in memoriam“, bei dem Kollegen und Freunde ihre Lieder sangen. „Die Menschen, die da waren, das konnte man spüren“, erinnert sich Christina Lux an den Abend, „hatten im Grunde alle das Gefühl, da ist eine Freundin gegangen, die durch ihre Lieder Teil des eigenen Lebens war.“
Am Ende unseres Zoom-Gesprächs frage ich Mat Clasen, ob es etwas gibt, was er noch loswerden wolle, wonach ich nicht gefragt hätte. So im Sinne von, was Sie verstehen sollten über meine Schwester . . . Er antwortet: „Es fällt mir jetzt nichts ein. Ich weiß nur, dass sie mir jeden Tag fehlt.“
