Es steht nun doch wieder, das „Sacred Heart“-Krankenhaus, das Herz der Serie „Scrubs“, Ort der Liebe und Freundschaft, der schrägen Tagträume von John Dorian, genannt J. D., Sehnsuchtsort für Schlüsselkinder der Nuller- und Zehnerjahre, als alte Folgen am Nachmittag auf Pro Sieben wiederholt wurden und, kostenlos, wahrscheinlich illegal, auf Youtube liefen, spiegelverkehrt, verzerrt und minimal beschleunigt. Gute alte Zeiten.
Es hätte ja Blöderes geben können, mit dem man die Hausaufgaben vor sich herschiebt. Etwa „Two and a Half Men“ mit dem misogynen Macho Charlie Harper, der wiederum fast harmlos wirkt im Vergleich zu den männlichkeitsbesessenen, frauenfeindlichen Ecken des Internets, die inzwischen hinter jedem Handy-Wisch lauern und sich so einfach zwischen junge Menschen und die binomischen Formeln auf dem Übungsblatt schieben können.
Manches ist nicht gut gealtert, wird aber in den neuen Folgen aufgebrochen
Nun ist „Scrubs“ nach 17 Jahren zurück mit J. D. (Zach Braff), seiner ewigen Kriegen-sie-sich-kriegen-sie-sich-nicht-Partnerin Elliot (Sarah Chalke) und seinem besten Freund Turk (Donald Faison). Serienschöpfer Bill Lawrence hat seinen Figuren eine nicht stolperfreie Vergangenheit zugemutet und stellt sie jetzt vor Herausforderungen, die sehr angemessen wirken. Dazu schlägt das Herz der alten Serie ziemlich frisch und zeitgemäß, etwa die Freundschaft zwischen J. D. und Turk, eine liebevolle „Bromance“, in der Einsamkeit und Erschöpfung empathisch und reflektiert kommuniziert werden können, in der man sich auf Fehlverhalten hinweist, auch nicht selbstverständlich, und für die sich J. D. sogar einen Song ausgedacht hat: „It’s guy love“. Schon schön.
Auch J. D. hatte man vermissen können, den erfrischend unbreitbeinigen Typ, der über seine trockene T-Zone nachdenkt, lange Schaumbäder mit Kerzenlicht nimmt, Appletinis trinkt, ein Tagebuch mit Einhorn-Deckel führt und ebendiese absurden Tagträume hat, denen man so gerne zusieht.
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Man darf „Scrubs“ nicht als pädagogisches Programm verstehen, das wäre von einer Sitcom vielleicht auch zu viel erwartet. Manches ist nicht gut gealtert, etwa die herablassende, toxische Art von Chefarzt Dr. Cox (John C. McGinley) seiner Kollegin Elliot gegenüber, die er ständig als „Barbie“ schimpft, eine Art Trauma, dessen endlose Wiederholung in der neuen Staffel endlich aufgebrochen wird. Man merkt Bill Lawrence an, in seinen Werken ein offeneres und sensibleres Zusammenleben verhandeln zu wollen. Dafür sprechen seine Serien „Ted Lasso“ oder „Shrinking“, beides auf Apple TV+, in denen die Figuren fast überdeutlich reflektiert miteinander kommunizieren, einen knuddeligeren Harrison Ford als in „Shrinking“ wird man nicht finden.
Die Frage wäre jetzt noch, wo man die neuen „Scrubs“-Folgen in den Kanon einordnen darf. Obwohl das Krankenhaus in der allseits unbeliebten, neunten und vorerst letzten Staffel von 2009 abgerissen und durch einen Medizin-Campus ersetzt wurde, steht es nun doch wieder da, ganz wie früher, als habe es Staffel neun nie gegeben. Vielleicht lief dann doch zu viel von dem, was „Scrubs“ ausmacht, durch die Venen des alten „Sacred Heart“-Gebäudes. Dass dieser Reboot so gut funktioniert, spricht jedenfalls dafür.
Scrubs, auf Disney +.
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