Kindermangel: Erzieherinnen-Markt beginnt sich zu drehen

Guido Rahn muss nicht lange nachdenken. Ob ihn die Frankfurter Ankündigung nervös macht, unter anderen Erzieherinnen mit weniger als 4000 Euro brutto künftig eine Arbeitsmarktzulage von 200 Euro im Monat zu zahlen? Der CDU-Bürgermeister von Karben schüttelt kurz mit dem Kopf und sagt: „Nö.“ Die Antwort mag auf Außenstehende verblüffend wirken. Schließlich haben sich Erzieherinnen und ihre männlichen Kollegen im Großraum Frankfurt in den zurückliegenden Monaten und Jahren den Arbeitsplatz aussuchen können.

Nicht von ungefähr warben und werben auch kleine und mittelgroße Städte in der Region ausländische Fachkräfte an. Karben zählt selbst dazu. So hat die Stadtverwaltung unter anderen fachlich geschulte Frauen aus Namibia für Kindertagesstätten angestellt, weitere Kolleginnen aus dem Ausland befinden sich schon im Anflug. In der Nachbarstadt Bad Vilbel arbeiten mehr als ein halbes Dutzend spanische Erzieherinnen. Mithilfe des Personaldienstleisters Talent Orange aus Neu-Isenburg hat eine Reihe von Erzieherinnen aus Kolumbien den Weg nach Friedberg gefunden.

Diese Liste ließe sich verlängern. Denn der kommunale Wettbewerb um Fachkräfte in Kindertagesstätten und der gleichzeitig leergefegte heimische Markt haben den Städten keine andere Wahl gelassen. Zumal die Nachfrage nach Kindergartenplätzen als Folge der Corona-Pandemie, in der mehr Kinder gezeugt wurden, zwischenzeitlich stark gestiegen war – und das nicht nur in Frankfurt.

Karben zahlt Erzieherinnen einheitlich 220 Euro mehr im Monat

Trotz der Ankündigung aus Frankfurt gibt sich Rahn gelassen. „Wir zahlen längst 220 Euro im Monat zusätzlich“, sagt er. Karben plus nennt sich das Programm. Andere Kommunen in der Region sortieren Erzieherinnen und Erzieher in der Entgeltgruppe S 8b des Tarifvertrags für den Sozial- und Erziehungsdienst ein und werten ihre Stellen auf. Heraus kommt ein Bruttogehalt von etwa 3500 Euro bis 4700 Euro im Monat. Die Höhe ist von der sogenannten Erfahrungsstufe abhängig. Anders gesagt: Wer älter ist und mehr Berufsjahre vorzuweisen hat, bekommt mehr. Karben dagegen zahlt bewusst allen Erzieherinnen vom ersten regulären Jahr an 220 Euro mehr. Die Stadt wolle junge, agile Kräfte nach Worten des Bürgermeisters nicht benachteiligen.

Auch Ricarda Müller-Grimm gibt sich angesichts der Frankfurter Offensive für Beschäftigte mit einem Gehalt von bis zu knapp 4000 Euro unaufgeregt. Bad Vilbel stufe Erzieher schon höher ein, sagt die Sozialdezernentin von der SPD, und statte Kindergartengruppen personell sogar besser aus als gesetzlich vorgesehen. Die Stadt sei deshalb bei Bewerbern beliebt. So werde dem Fachdienst öfter gespiegelt, das Gehalt sei nicht das allein entscheidende Merkmal, auch die Betreuungszeiten seien wichtig.

Im vergangenen Mai brachte der Magistrat eine Vorlage an die Stadtverordneten mit dem doppelten Ziel heraus, die Kernzeiten der Betreuung verlässlich zu sichern und die Fachkräfte zu entlasten. Die Stadt reagierte auch auf eine schwache Nachfrage in Randzeiten: „Es zeigt sich, dass vor allem vor 7.30 Uhr und nach 16 Uhr oftmals nur sehr wenige Kinder betreut werden – mitunter nur ein einziges in einer Kita“, hieß es in der Vorlage.

Rosbach: Zentrales Kita-Büro entlastet von Bürokratie

„Unsere Strategie zielt darauf ab, nicht nur mit dem Gehalt, sondern mit einem attraktiven Gesamtpaket zu überzeugen, das auf Qualität, Entlastung und Professionalität setzt“, heißt es aus dem Rathaus in Rosbach mit Blick auf die Arbeitsmarktzulage in Frankfurt. Die Stadt gruppiere ebenfalls Fachkräfte grundsätzlich in die Entgeltgruppe S 8b des Tarifvertrags für den Sozial- und Erziehungsdienst ein und würdige ihre hohe Qualifikation. Sie verwirkliche zudem konsequent die hohen Standards des „Gute-Kita-Gesetzes“ mit einer höheren Personalausstattung.

Ein leistungsstarkes, zentrales Kita-Büro entlaste die sechs Kindertagesstätten von Verwaltungsaufgaben. Mit einer nahezu vollständigen Digitalisierung von der Anmeldung bis zur Arbeitszeiterfassung und Benefits wie einem Jobticket schaffe Rosbach ein modernes und attraktives Arbeitsumfeld. „Dass dieser Weg der richtige ist, bestätigt uns die Praxis: Wir verzeichnen seit Jahren eine äußerst geringe Fluktuation und konnten offene Stellen stets zügig mit hochqualifizierten Fachkräften besetzen“, hebt ein Sprecher hervor.

Dessen ungeachtet spürt Rosbach die Folgen der Delle nach dem Kinder-Boom der Corona-Zeit. Vor drei Jahren zählte die Stadt noch 140 Geburten im Jahr, mittlerweile hat sich die Zahl bei 110 eingependelt. „Dieser Rückgang führt zu einem deutlich geringeren Bedarf an U3-Plätzen“, heißt es aus dem Rathaus weiter. Gleichzeitig hat Rosbach eine neue Kindertagesstätte eröffnet, die seit Frühherbst in Betrieb ist. Die Diakonie schließt vor diesem Hintergrund zum Monatsende die Kindertagespflege in Rodheim, die zuletzt nicht mehr ausgelastet war.

Auch andernorts werden weniger Mädchen und Jungen für eine Kindertagesstätte angemeldet. „Es gibt weniger Kinder“, sagt etwa der Karbener Bürgermeister Rahn. Auch für Erzieherinnen könnte deshalb der Arbeitsmarkt bald wieder etwas rauer werden. „Der Markt beginnt sich zu drehen“, sagt Rahn.