Buch über rechte Kulturpolitik: Kampf um die Kultur

Früher war sie eine Resterampe für Phrasen wie „Demokratisierungsmotor“ oder „Kitt der Gesellschaft“: die Kulturpolitik. Seit sie jedoch von der neuen Rechten in den Vordergrund gerückt wird, stehen die Mit­be­wer­be­r:in­nen unter Zugzwang. Aus der einstigen Nische für Schöngeister und Hinterbänkler ist nun ein Schauplatz für Kampfdebatten hervorgegangen.

Passend dazu lautet der kriegerische Titel des neuen Buchs von Christoph Bartmann „Attacke von rechts“. Wer zum Frontalangriff auf die Säulenhallen der Kunst aufruft, dürfte inzwischen für je­de:n unüberhörbar sein. Überall klagt die AfD über einen aus ihrer Sicht elitären und angeblich ideologisch versifften Betrieb aus Theatern, Museen und Buchhandlungen.

Anhand zahlreicher Anfragen in Landtagen und Pamphlete entfaltet der Autor ein Panorama der gefährdeten Kunstfreiheit. Vor allem zwei Motive fallen in den Verlautbarungen aus dem rechts außen stehenden Leipziger AfD-Milieu ins Auge, legt man etwa Verlautbarungen des berüchtigten Leipziger Kreisverbandes zugrunde: „erstens der Wunsch nach einer anderen Erinnerungskultur oder Geschichtspolitik mitsamt neuen ‚Narrativen‘, zweitens der Hass auf eine woke gewordene Gegenwartskunst […] Natürlich hängen ‚Schuldkult‘ und Wokeness in dieser Betrachtung eng miteinander zusammen.

Die Nazis hetzten gegen die Ismen der Moderne, die AfD wettert gegen Bauhaus-Ausstellungen

In beiden manifestiert sich, in Leipziger Worten, die ‚autoaggressive Ersatzreligion‘ und überhaupt eine mit Staatsgeld gut gepolsterte kulturelle Meinungsführerschaft von links.“ Wirft man der Konkurrenz im einen Atemzug noch den manipulativen Einsatz der Künste, etwa für Minderheitenschutz, vor, so bedient man sich im nächsten derselben Mittel. Die Neurechten bis Rechtsextremen wollen die Institutionen zu ihren Zwecken umgestalten. Nur wie?

Literaturpolitik längst kein monolithischer Block

An konkreten Zukunftsvisionen fehlt es zwar. Einig sind sich die Populisten indes in der Ablehnung. Die Nazis hetzten gegen die Ismen der Moderne (Expressionismus, Symbolismus, Funktionalismus), die AfD wettert nun gegen Ausstellungen zum Bauhaus. Verworfen wird heute wie damals jedwede Avantgarde – zugunsten einer Volkskultur.

Kampf um die Kultur

Christoph Bartmann: „Attacke von rechts. Der neue Kampf um die Kultur“. Hanser, Berlin 2026, 176 Seiten, 18 Euro

Blasmusikkapellen und Heimatchöre sind willkommen, wie etwa die ausgeprägte rechte Kulturpolitik der FPÖ in Österreich belegt. Die Kraft ihres Waffenarsenals hat sie mehrfach drastisch unter Beweis gestellt. Auf Wahlplakaten wurde gefragt: „Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk … oder Kunst und Kultur?“ Dass Bartmann den Blick auf das Unwesen im Ausland weitet, muss man als großen Gewinn dieser Studie ansehen. Die Virulenz der Umbruchsbewegung wird dadurch mehr als deutlich. Rasch wird klar, dass die Rechte in Sachen Theater-, Kunst- und Literaturpolitik längst keinen monolithischen Block darstellt.

Italien setzt beispielsweise unter der Ägide Melonis auf Klassiker, die gezielt die Codes ihrer Anhängerschaft bespielen. So gab es 2025 eine große Tolkien-Ausstellung, dessen Herr-der-Ringe-Trilogie wegen des Widerstands der Hobbits, dieser unterschätzten und ordentlichen Spezies, gegen das Böse Kultstatus in der rechten Szene des Landes genießt.

Ganz anders die USA. Seit den späten 80er Jahren, beginnend mit der Skandalisierung der Tabufotografie von Robert Mapplethorpe sowie der Black-Power-Aktivist:innen, sinnen Trump und seine Gefolgsleute auf, wie auch Bartmann schreibt: „Rache“, insbesondere an linken Eliten. In Europa mögen seinesgleichen die Gelder noch zur Etablierung einer rechten Kultur einsetzen wollen, Trumps Administration verfolgt hingegen eine Doppelstrategie: wo es geht, die eigene Ideologie institutionell verankern. Wo es schwierig wird, die Kulturetats ganz zusammenstreichen.

Bartmanns Analysen geben Grund zur Sorge

Bartmanns Analysen prägen eine globale Kundigkeit und geben Anlass zur Sorge. Übrigens nicht allein über die Machenschaften der Kickls, Orbáns und Weidels unserer Tage. Seine differenzierte Vermessung des Feldes schließt auch eine kritische Bewertung unserer tendenziell links ausgerichteten Sprechtheaterlandschaft ein. Re­gis­seu­r:in­nen wie Milo Rau würden mit künstlichen Gerichtssettings dem Schauspiel letztlich Aufgaben zuteilen, die ihm nicht zukämen. Man versteife sich auf eine Kunst, die vornehmlich Orte der Versammlung schaffen wolle.

In jener streng regulierten Form gingen überraschende und widerständige Momente der Kunst verloren. Zudem neige die Branche dazu, sich in ihrer Blase nur selbst zu bestätigen – eine Steilvorlage für die Po­pu­lis­t:in­nen und ihre Leier von einem vermeintlich linksgrünen Kulturbrei!

Wer „Attacke von rechts“ liest, kann nur erahnen, was uns bevorsteht, wenn sich weder die Zivilgesellschaft noch die Kreativarbeitenden rasch ihrer Verantwortung bewusst werden. Die Zeit des Lamentierens ist vorbei. Es bedarf, so die Botschaft dieses geistreichen und brisanten Essays, insbesondere pfiffiger und frischer Ideen. Sie können und müssen entstehen, solange die Kunst (noch) frei ist.