Eiskunstlauf-WM: Mit Traumlauf meldet sich Superstar Malinin nach Olympia-Drama zurück

Eiskunstlauf-Superstar Ilia Malinin stellt sich nach seinem desaströsen Olympia-Auftritt den Weltmeisterschaften in Prag. Er liefert zum Start einen Traumlauf, spricht über die Zeit nach Olympia – und könnte nun den Weltrekord angreifen.

Es ist kurz nach 16 Uhr an diesem Nachmittag in Prag, als Ilia Malinin unter tosendem Applaus das Oval in der zur Eiskunstlaufhalle umfunktionierten Arena betritt. Der 21 Jahre alte Superstar des Eiskunstlaufens, der Weltmeister der vergangenen beiden Jahre, der einzige Athlet, der den Vierfach-Axel springen kann.

Die große Frage an diesem Nachmittag bei den Weltmeisterschaften ist: Wie hat der US-Amerikaner das Olympia-Drama von Mailand verdaut, das sich am Freitag, den 13. Februar, vor 12.500 Zuschauern vor Ort und Millionen vor den Bildschirmen abgespielt hatte? Seither war er zwar vor Publikum im Scheinwerferlicht gelaufen, allerdings bei Show-Events. Ganz ohne Druck.

Der Sturz und Zusammenbruch des großen Favoriten Malinin war einer der einprägsamsten und nachhallendsten Momente der Winterspiele gewesen. „Ich kann es kaum erwarten, dich wieder aufsteigen zu sehen“, schrieb danach US-Olympiasiegerin Tara Lipinski. Wie sehr ihn die Erlebnisse von Italien vielleicht geprägt, verändert und stärker gemacht haben, wird die Zeit zeigen; wie gut er es verdaut hat?

Darüber gab das Kurzprogramm der WM in Prag schon mal einen Eindruck: Seinen ersten echten Härtetest bestand Malinin mit Bravour – brilliant, fehlerfrei, kontrolliert, mit jedem Schritt, mit jedem gelungenen Element mehr Freude und Lockerheit zeigend. Als es vollbracht und vorbei ist, strahlt er gelöst, Massen an Kuscheltieren fliegen aufs Eis und im Publikum werden Flaggen und Plakate mit seinem Namen und Gesicht gehalten. „Quad god – you are my only god“, steht auf einem.

Und dann, Malinin hat neben seinem Vater auf dem Sofa am Rande des Eises Platz genommen, blinkt seine Punktzahl auf: 111,29 Zähler. Damit verbessert er zwar nicht den Weltrekord seines Landsmannes Nathan Chen, den dieser mit 113,97 Punkten bei seinem Olympiasieg 2022 in Peking aufgestellt hatte, aber es ist persönliche Bestleistung. Und am Ende die klare Führung vor dem Franzosen Adam Siao Him Fa (101,85) und dem Esten Aleksandr Selevko (85,84). Yuma Kagiyama, Japans zweimaliger Olympia-Zweiter, stürzte beim Axel und liegt nur auf Rang sechs. Erfreulich aus deutscher Sicht: Der mit 18 Jahren jüngste Teilnehmer des Feldes, Genrikh Gartung, schaffte es als 23. ins Kür-Finale.

Malinin: „Ich fange an, die Balance zu finden“

„Nach Olympia war es ziemlich hart für mich, vor allem die ersten Tage. Ich habe gegrübelt und mir 24 Stunden am Tag Gedanken gemacht. Es war schwer“, sagt Malinin kurz danach in den Katakomben der Arena. „Ich habe dann versucht, den Kopf freizubekommen, mich mental und körperlich zu erholen. Ich habe keine Zeitmaschine, um zurückzukehren. Ich muss nach vorne blicken, darf mich nicht verrückt machen, sondern muss daraus lernen.“

Dazu zählt vor allem, wie er beschreibt, die Balance zu finden. „Wir sind Spitzensportler, aber es ist auch unser Job, Mensch zu sein. Für mich war es schwer, die Balance zu finden. Auch mit dem Druck, meinen eigenen Erwartungen und allem“, sagt er. „Ich fange an, die Balance zu finden.“

Mit seiner Leistung aus dem Kurzprogramm dürfte er in der Kür nun den Gesamt-Weltrekord angreifen, den ebenfalls noch Nathan Chen hält. Malinin selbst hatte im Dezember 2025 beim Grand-Prix-Finale in Japan seinen eigenen Kür-Weltrekord mit einer sensationellen Flugshow auf 238,24 Punkte geschraubt. Dort hatte er allerdings zuvor Fehler im Kurzprogramm gemacht. Insgesamt ergaben das in Japan 332,29 Zähler – die Bestmarke von Chen aus dem Jahr 2019 liegt bei 335,30 Punkten.

Am Samstag wagt er dann vielleicht auch den Vierfach-Axel, den er an diesem Donnerstag wie schon beim olympischen Kurzprogramm nicht riskierte. „Er ist kein Risiko eingegangen. Und ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin froh drum“, sagt der frühere Eiskunstläufer und TV-Experte Daniel Weiss WELT: „Unfassbar stark von Ilia, ein Traumlauf. Wahnsinn. Und eine wahnsinnige Geschwindigkeit. Der hatte was vor. Ich finde, man hat gesehen, dass ihm die Tonnenlasten von den Olympischen Spielen nicht mehr auf den Schultern liegen und er befreit auflaufen konnte.“ Es war Malinin, wie ihn die Eiskunstlaufwelt bis zu jenem verhängnisvollen Tag in Mailand kannte.

Nach dem Debakel erhielt Malinin einen Fairplay-Preis

Rückblick zu den Olympischen Spielen. Malinin, der in den drei Jahren zuvor seine Sportart in neue Dimensionen manövriert hatte, kämpfte schon während seiner Programme im Teamwettbewerb mit Unsicherheiten. Beim Kurzprogramm des Einzelwettbewerbs überzeugte er dann mit 108,16 Punkten und führte deutlich vor dem Japaner Yuma Kagiyama. Er hätte danach in der Kür auf Nummer sicher laufen können, aber Malinin ging ins Risiko – und brach zusammen.

Es begann mit einem missglückten Versuch des Vierfach-Axel, den er aufriss und nur einfach sprang. Fortan wurde es Schritt für Schritt schwerer für ihn. Er kämpfte, aber vermochte sich nicht zu befreien, machte Fehler und stürzte zweimal. Der Vierfach-Gott am Boden. Die laute Musik, das Raunen des geschockten Publikums, sein verzweifelter wie vergebener Kampf – es machte die Dramatik umso größer. Am Ende siegte überraschend der Kasache Mikhail Shaidorov (in Prag nicht dabei), während Malinin auf Rang acht zurückfiel.

In Erinnerung blieb neben dem Zusammenbruch aber auch das: Als Malinin das Desaster in Zahlen auf der Anzeigetafel sah, führte ihn sein erster Weg schnell zu Shaidorov, einem guten Freund. Ein paar Worte, eine herzliche Umarmung. Malinin war der erste Gratulant, dann überließ er den Medaillengewinnern die Bühne. „Als ich Michail gratulierte, ging es nicht um die Ergebnisse“, sagte er, „sondern um den gemeinsamen Weg, den wir als Sportler gehen.“

Malinins Geste wurde als eine von sechs olympischen Szenen vom Internationalen Fairplay-Komitee in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) für den Fairplay-Preis nominiert. Dann wählte die Öffentlichkeit – und Malinin gewann. „Ilia“, sagte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, „hat uns vor Augen geführt, dass Spitzenleistung sich nicht nur an einem Podiumsplatz misst, sondern auch am Respekt und an der Solidarität, die wir unseren Konkurrenten in den schwierigsten Momenten entgegenbringen.“

Bereits kurz nach der missglückten Kür sprach der 21-Jährige von mentalen Herausforderungen. „Ich hatte das Gefühl, keine Kontrolle zu haben“, sagte er zudem. Etwas später erzählte er dann ausführlich über den für ihn unheilvollen Mix aus nie gekanntem und großem Druck auf der olympischen Bühne, Hass-Nachrichten im Internet und Angst, die in ihm hochgekrochen war. Der Zuspruch danach war enorm – von Fans, von Sportlern und ehemaligen Top-Athleten.

WM-Titel Nummer vier? Risiko? Weltrekord?

Seine erste Rückkehr auf dem Eis sah die Sportwelt noch in Mailand: Bei der großen Eiskunstlauf-Gala, die traditionell am Ende Olympischer Winterspiele stattfindet. Es folgten weitere Shows – und nun Prag.

Malinin wollte sich hier unbedingt stellen – der Konkurrenz, den Zuschauern, aber vor allem sich selbst. Schon beim Warmlaufen auf dem Eis waren alle Augen auf ihn gerichtet, und er genoss es, animierte die Zuschauer selbstbewusst zum Applaus. Dann, als Drittletzter des Kurzprogrammes, war es an der Zeit. Malinin legte fulminant mit einem souveränen und sauberen Vierfach-Flip. Es folgten neben schwierigen Schrittkombinationen und Pirouetten der Dreifach-Axel, die Kombination aus Vierfach-Lutz und Dreifach-Toeloop sowie der lange Zeit verbotene Rückwärtssalto – Malinin ist eben auch ein Showman.

„Ich hatte keine bestimmten Erwartungen, als ich heute aufs Eis ging“, sagte er danach. „Ich wollte versuchen, es zu genießen.“ Es gelang ihm. Der zweite große Prüfstein, womöglich der größere, folgt nun in der Kür am Samstag. Wer gewinnen wird, ob Malinin auf Risiko setzt oder nicht, ob er sich endgültig freilaufen und zum dritten Mal in Folge Weltmeister werden kann, wird gegen 16.30 Uhr feststehen.