Gennaro Ivan Gattuso trägt den Beinamen „ringhio“, der Knurrer. Kein Wunder, Gattuso hat sich auf knorrige Art als Spieler beim AC Mailand und in der „squadra azzurra“, der italienischen Nationalmannschaft, in die Herzen der Fans gegrätscht. Zu laut knurren darf der Trainer der italienischen Nationalmannschaft nun aber nicht. Gattuso ist viel eher als sensibler Seelendoktor gefragt. Sein Italien spielt an diesem Donnerstag mal wieder um alles. Gegen Nordirland (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur WM-Qualifikation und bei DAZN) steht in Bergamo die Qualifikation zur WM auf dem Spiel, im Play-off-Halbfinale.
Italien hat bereits die Qualifikation zu den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 jeweils in den Play-offs verpasst. Das nationale Trauma ist ausgewachsen in einer Nation, die das Turnier bereits viermal in ihrer Geschichte gewonnen hat und sich selbst eine Art Geburtsrecht zur Teilnahme bei allem einräumt, was mit Fußball zu tun hat. Nun geht die große Unsicherheit um im Land. Wie schrieb die Tageszeitung „Corriere della Sera“ in diesen Tagen ebenso elegant wie vielsagend? „Wir müssen eingestehen, dass wir dem Spiel am Donnerstagabend mit einer gewissen Angst entgegensehen.“
Ein drittes Mal in den Play-offs auszuscheiden und die WM zu verpassen, wäre eine Riesen-Blamage. Dabei weist die italienische Nationalmannschaft auf diesem Gebiet bereits eine gewisse Routine auf. Es ist verständlich, dass Gattuso nun alles Gewicht auf das Positive lenken will, damit die Angst die Beine am Donnerstagabend nicht bleischwer macht. „Klar gibt es Anspannung, das ist normal“, bestätigte der Coach. Er müsse jetzt gut darin sein, „Positivität auszustrahlen“. Die Vergangenheit spiele keine Rolle.
Italien tut alles, um die Vergangenheit auszublenden
Gattusos letzter Satz ist eine ziemlich große Unwahrheit. Vielleicht kann man es so sagen: Italien tut gerade alles, um diese Vergangenheit auszublenden. So hat der italienische Fußballverband zum Beispiel in der Stadt Rom Plakate mit Konterfeis der Spieler aufhängen lassen, um eine Art azurblauen Wagenburg-Effekt zu erzielen. „Ein Trikot. Auf dem Spielfeld, auf der Tribüne, zu Hause“ ist auf dem Plakat zu lesen. Auch die Fans an den Bildschirmen sollen sich um ihr Team sammeln und nicht in Pessimismus verfallen. Immerhin ist Italien Zwölfter in der Rangliste des Weltfußballverbandes FIFA, Nordirland nur 69. Die beiden möglichen Gegner im Play-off-Finale Wales und Bosnien-Hercegovina rangieren auf Position 35 respektive 71. Auf dem Papier ist die Angelegenheit machbar.

Wäre da nicht diese Angst. „Wir sind alle azzurri“, antwortete die „Gazzetta dello Sport“ auf den Aufruf zur Geschlossenheit. Man kann aber leicht vorhersagen, dass der italienische Zusammenhalt ganz wesentlich von der Darbietung der Mannschaft um Torwart Gianluigi Donnarumma (Manchester City) abhängt. Italiens Fußball steckt mal wieder ziemlich tief in der Krise. Im Achtelfinale der Champions League stand mit Atalanta Bergamo nur ein Team aus der Serie A, das vom FC Bayern in zwei Spielen mit 10:2 Toren abgefertigt wurde.
Das Tempo in der Serie A ist niedrig, der Ausländeranteil mit rund 60 Prozent hoch. Talente haben wenig Chancen, dem Ergebnis wird alles untergeordnet. Die meisten Stadien sind veraltet. Die Trainer riskieren wenig, richtig modernen Fußball spielt nur der derzeitige Tabellenvierte Como unter dem Katalanen Cesc Fàbregas. Gerade präsentierte Verbandspräsident Gabriele Gravina ein neues Nachwuchskonzept. Es kommt vier Jahre nach dem letzten Play-off-Debakel gegen Nordmazedonien erstaunlich spät.
Chiesa ist abgereist: „Er wollte nicht“
Die strukturellen Mängel sind nicht Gattusos Problem. Er musste in kürzester Zeit die Bedingungen dafür schaffen, dass sein Team zuversichtlich in die Play-offs zieht. Bei Verteidiger Riccardo Calafiori (FC Arsenal) haben die Seelenmassagen des Knurrers offenbar gefruchtet. „Ich gehe das Spiel gegen Nordirland ganz entspannt an“, erklärte der Verteidiger: „Ich möchte es nicht mit Angst erleben, sondern als Chance, einen Traum zu verwirklichen und glücklich zu sein.“ Angreifer Federico Chiesa (Juventus Turin) sah sich der Herausforderung offenbar nicht gewachsen und reiste vorzeitig aus dem Trainingslager in Coverciano bei Florenz ab. „Wir sind nicht alle gleich“, erklärte Gattuso. „Federico hat Probleme und Bedenken, er wollte nicht.“
Weil auch das Ambiente stimmen muss, hat der Trainer als Austragungsort für das Spiel eigenhändig die kleine Arena in Bergamo mit nur 23.000 Zuschauern ausgewählt. Bei Gattusos Debüt als Nationaltrainer im September gegen Estland stand es dort nach 45 Minuten 0:0. „Die Leute haben trotzdem applaudiert“, erinnert sich der Coach. Italien braucht Aufmunterung. Pfiffe kann der viermalige Weltmeister auch gegen Nordirland nicht gebrauchen.
