Die Börse im zweiten Quartal: Droht jetzt eine Ölkrise und der große Knall?

Die Börse im zweiten Quartal Droht jetzt eine Ölkrise und der große Knall?

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Es besteht Hoffnung, dass es nicht so weit kommt. (Foto: imago/blickwinkel)

Nach den Strafzöllen ist es nun der Krieg gegen den Iran, mit dem US-Präsident Donald Trump an den Finanzmärkten für Turbulenzen sorgt. Wie gefährlich die Entwicklung ist, hat ntv.de mit vier Experten diskutiert.

ntv.de: Der Ölpreis ist nach dem Angriff der USA und Israels gegen den Iran kräftig gestiegen und hat die Aktienkurse unter Druck gesetzt. Ist das Schlimmste bereits eingepreist?

Marco Rumpf: Ein Teil der Risiken ist durch den sprunghaften Anstieg des Ölpreises bereits in den Märkten eingepreist. Entscheidend ist jetzt vor allem die weitere Entwicklung rund um die Straße von Hormus, über die rund ein Fünftel des weltweiten Ölangebots transportiert wird. Wir sehen aktuell eher einen kurzfristigen geopolitischen Impuls. In solchen Phasen reagieren Märkte zwar nervös, stabilisieren sich aber, sobald keine weitere Eskalation erfolgt.

Marco Kretschmann: Richtig. Ein großer Teil des direkten Öl- und Geopolitikschocks ist inzwischen in Energie, Airlines, Chemie, zyklischen Aktien und in den Zinserwartungen verarbeitet. Aber nicht vollständig eingepreist sind die Zweitrundeneffekte: längere Lieferausfälle, schwächeres Wachstum, höhere Inflation und sinkende Gewinnschätzungen.

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Marco Kretschmann leitet den Standort des Multi-Family-Office Qcoon-Invest in München. Dort betreut er hochvermögende Privatkunden und institutionelle Anleger wie Stiftungen, Kirchen und Universitäten.

Reinhard Pfingsten: Der Dreh- und Angelpunkt ist die Dauer der faktischen Sperre der Straße von Hormus, insbesondere der Tanker zum Transport der arabischen Öl-Produktion. Derzeit geht der Markt wie auch wir von nur einer kürzeren Zeit aus, da die wesentlichen Parteien kein Interesse an einer langfristigen Unterbrechung haben.

Michael Wittek: Klar ist, dass die Aktienmärkte trotz Korrekturen noch relativ ruhig verlaufen.

Trump sagt, er wolle den Krieg schnell beenden. Aber kommt der so einfach aus der Geschichte raus?

Wittek: Trump könnte sich jederzeit im Iran zurückziehen und den Krieg für beendet erklären. Welches Umfeld wir dann im Nahen Osten vorfinden, ist offen.

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Michael Wittek leitet das Portfoliomanagement bei Albrecht, Kitta & Co. und ist für die Anlagestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich.

Rumpf: Ein zügiger Ausstieg wäre zwar im politischen Interesse der USA, ist aber keineswegs garantiert. Für die Märkte bleibt entscheidend, ob es gelingt, eine weitere Eskalation zu vermeiden – oder ob sich der Konflikt verselbstständigt.

Kretschmann: Entscheidend ist die Lage rund um die Straße von Hormus. Solange dort Unsicherheit herrscht, bleibt auch der Druck auf die Märkte bestehen.

Selbst wenn sich die Amerikaner ab morgen wieder zurückziehen: Wie gravierend sind die Folgen des Kriegs für die Realwirtschaft und die Aktienmärkte?

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Reinhard Pfingsten ist Diplom-Wirtschaftsmathematiker und arbeitet seit September 2023 als Chief Investment Officer bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank. (Foto: John M. John / Deutsche Apotheke)

Pfingsten: In den USA haben wir zwar auch hohe Benzinpreise, die auf den Konsum drücken – gleichzeitig dürften aber die Unternehmensinvestitionen im Ölsektor steigen und diesen Effekt kompensieren. Auch hier gilt – solange keine Angebotsknappheit durch eine lange Unterbrechung der Straße von Hormus entsteht und die alternativen Transportwege zum Beispiel durch Pipelines und alternative Produzenten wie Russland reibungslos funktionieren, wird der Einfluss gering sein.

Wittek: Klar ist, dass einige Lieferketten gestört sind. Sofern sich die Lage jedoch zügig entspannt, gehen wir davon aus, dass die Aktienmärkte durch diese wirtschaftliche Delle hindurchschauen werden.

Kretschmann: Ich bin da etwas weniger optimistisch. Ein Ölpreis im Bereich von 100 Dollar wirkt wie eine zusätzliche Steuer. Energieintensive Branchen geraten unter Druck, Transportkosten steigen, Konsumenten werden vorsichtiger. Für die Börsen bedeutet das: weniger Spielraum für steigende Bewertungen und zunehmender Druck auf die Gewinne.

Die Internationale Energieagentur hat ihre 32 Mitgliedstaaten gebeten, Ölreserven freizugeben. Gleichzeitig erlauben die USA Russland zeitlich begrenzt, wieder Öl auf dem Weltmarkt zu verkaufen. Können diese Maßnahmen die Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran kompensieren?

Rumpf: Über die Meerenge von Hormus laufen rund 20 Prozent des globalen Ölangebots – fällt dieser Transportweg weg, entsteht ein strukturelles Angebots- und vor allem Logistikproblem. Strategische Reserven und zusätzliches russisches Öl können zwar Angebot bereitstellen, ersetzen aber nicht die fehlenden Transportkapazitäten.

Kretschmann: Ja genau. Reserven ersetzen nicht dauerhaft eine freie Schifffahrtsroute, und alternative Mengen ändern nichts daran, dass Logistik, Qualität der Rohölsorten und Transportkosten ein Problem bleiben. Kurz gesagt: Das ist ein Puffer, jedoch keine echte Lösung.

Pfingsten: Was bisher noch niemand diskutiert hat: Was passiert eigentlich mit all diesem zusätzlichen Öl, das auf den Weltmeeren unterwegs ist, wenn die Straße Hormus wieder geöffnet wird. Das dürfte den Ölpreis signifikanter unter Druck bringen.

Marco-Rumpf-ist-seit-1998-als-geschaeftsfuehrender-Gesellschafter-bei-der-DRH-Vermoegensverwaltung-GmbH-taetig
Marco Rumpf ist seit 1998 als geschäftsführender Gesellschafter bei der DRH Vermögensverwaltung GmbH tätig.

Wie lange müssen wir mit einem Ölpreis im Bereich von 100 Dollar pro Barrel rechnen?

Kretschmann: Solange die geopolitische Lage angespannt bleibt, kann sich dieses Niveau über Wochen oder Monate halten.

Rumpf: In unserem Basisszenario – also ohne nachhaltige Eskalation, insbesondere ohne anhaltende Störungen in der Straße von Hormus – dürfte der Preis eher temporär erhöht bleiben und sich mit einer Entspannung wieder deutlich normalisieren.

Pfingsten: Die Termin-Kontrakte auf eine Lieferung in sechs Monaten liegen derzeit bei 83 US-Dollar. Insofern geht der Markt von einer klaren zeitlichen Begrenzung aus.

Die USA produzieren mehr Öl und Gas, als sie selbst verbrauchen, und sind damit weniger stark von einem Lieferstopp im Nahen Osten betroffen. Wie sieht es mit den anderen Regionen der Welt aus?

Pfingsten: Per se ist jeder betroffen, der die hohen Preise zahlen muss, auch der Konsument in den USA. Aber China und auch andere asiatische Länder müssen sich derzeit tatsächlich andere Lieferanten suchen. Der große Profiteur ist Russland, während Deutschland energieintensiv produziert und Energie importieren muss.

Wittek: Aber China hat zunächst ausreichend Reserven. Nur die kleineren asiatischen Länder kommen schnell an ihre Grenzen.

Kretschmann: Am verwundbarsten sind Asien und in zweiter Linie Europa. Viele asiatische Volkswirtschaften sind deutlich stärker von Energieimporten aus dem Golf abhängig. Dort schlagen Angebotsausfälle, höhere Frachtraten und teurere Raffinerieprodukte besonders schnell auf Wachstum und Inflation durch.

Kann die amerikanische Notenbank angesichts des gestiegenen Ölpreises und damit auch höheren Inflationserwartungen die Zinsen senken, wie es die Anleger vor Ausbruch des Kriegs erwartet hatten?

Rumpf: Die Fed steht aktuell in einem klassischen Zielkonflikt ihres Doppelmandats. Der gestiegene Ölpreis erhöht kurzfristig den Inflationsdruck, gleichzeitig zeigen die jüngsten Konjunkturdaten bereits eine Abschwächungstendenz. Das spricht dafür, dass Zinssenkungen zwar verzögert werden können, aber nicht grundsätzlich vom Tisch sind.

Pfingsten: Das sehen wir ähnlich. Wir gehen davon aus, dass die Kernrate ohne Energie nicht groß steigen wird, und rechnen weiterhin mit zwei Zinssenkungen in diesem Jahr. Wir haben jedoch den ersten Schritt auf Juli verschoben.

Wittek: Widerspruch. Die Fed wird die Zinsen wohl kaum senken können. Nur, wenn eine Rezession vor der Tür steht. Das will wohl keiner.

Die Sorgen um Künstliche Intelligenz (KI) sind angesichts des Kriegs im Nahen Osten in den Hintergrund getreten. Trotzdem die Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass hier angesichts der enormen Investitionen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur eine Blase platzt?

Wittek: Das sehe ich nicht. Dennoch stellt sich die Frage, ob die massiven Investitionen in die Infrastruktur auf die Margen drücken.

Rumpf: Aktuell sehen wir keine klassische Blasenbildung im KI-Sektor. Die hohen Investitionen in Infrastruktur spiegeln vor allem reale Nachfrage und erwartete Produktivitätsgewinne wider.

Kretschmann: Sollte sich jedoch zeigen, dass die Erträge nicht mithalten, könnte die Stimmung schnell kippen. Noch trägt die Wachstumsfantasie – aber die Fallhöhe steigt.

Pfingsten: Ungesund war und ist die Konzentration auf einzelne große US-Unternehmen in einer Art Ökosystem, den sogenannten Magnificent 7. Hier sehen wir weiterhin Anpassungsbedarf. Daher sind wir auch kein Freund von Indizes wie dem MSCI World, in dem diese Unternehmen ein sehr hohes Gewicht besitzen.

Gleichzeitig sorgen sich immer mehr Menschen, dass KI umfangreich Arbeitsplätze vernichtet.

Pfingsten: Das passt irgendwie in der Marktinterpretation nicht zusammen. Wir hinterfragen die Sinnhaftigkeit nach Investitionen im KI-Bereich, gleichzeitig haben wir Sorge vor dem Erfolg von KI.

Wittek: Wie immer in der Geschichte werden jedoch auch neue Jobs geschaffen, die es bisher nicht gab.

Rumpf: Trotzdem sind die Sorgen grundsätzlich nachvollziehbar – und werden durch Studien wie den Citrini-Report zusätzlich verstärkt. Dort wird ein Szenario skizziert, in dem KI zu massiven Produktivitätssprüngen führt, gleichzeitig aber auch zu deutlichen Jobverlusten und einem Rückgang der Löhne, weil viele Tätigkeiten automatisiert werden.

Auch die Strafzölle sind in den Hintergrund gerückt, zu Recht?

Kretschmann: Nein. Der Krieg dominiert kurzfristig die Schlagzeilen, aber die Zollfrage bleibt ein strukturelles Risiko. Die Trump-Regierung arbeitet weiter an einem globalen Zollregime von zunächst zehn Prozent, mit angekündigter Anhebung auf 15 Prozent.

Rumpf: Die USA verfolgen damit das Ziel, ihr Handelsbilanzdefizit zu reduzieren und stärker auf heimische Wertschöpfung zu setzen. In Teilen hat das bereits zu einer Rückverlagerung von Produktion und damit auch zu Beschäftigungseffekten geführt. Gleichzeitig wirken Zölle auch als Einnahmequelle für den Staat und können das Haushaltsdefizit entlasten.

Pfingsten: Die Zölle belasten vor allem den US-Konsumenten, verändern aber nicht das positive Wachstumsumfeld in der Welt und den USA.

Sollten Anleger Geld in Anleihen parken, bis sich die Aktienmärkte wieder beruhigt haben?

Kretschmann: Teilweise. Kurzlaufende, sichere Anleihen können Stabilität bringen. Ein vollständiger Rückzug aus Aktien ist jedoch nicht zwingend sinnvoll – entscheidend ist die richtige Auswahl.

Pfingsten: Das sehe ich ähnlich. Eine Beimischung von Anleihen macht immer Sinn. Aber deswegen jetzt aus den Aktien hinauszugehen, macht keinen Sinn – eher investiert bleiben und breit aufgestellt zu sein, ist jetzt entscheidend.

Wittek: Liquide zu sein, ist sehr wichtig, um Chancen nutzen zu können. Und diese werden kommen.

Kommen wir zum Gold. An einem Tag steigt es, weil das Edelmetall als ultimative Versicherung gegen geopolitische Risiken gilt. Den anderen Tag fällt es, weil es Inflationssorgen gibt und Gold keine Zinsen abwirft. Was ist richtig?

Rumpf: Beide Argumente sind grundsätzlich richtig – und genau daraus erklärt sich die aktuelle Volatilität beim Goldpreis.

Pfingsten: Allerdings halten wir die Inflationssorgen für übertrieben.

Kretschmann: Gold bleibt ein klassischer Krisenschutz.

Wittek: Für uns ist und bleibt Gold ein strategisches Basisinvestment. Die Volatilität wird zunächst bleiben.

Kurze Frage zum Schluss. Wie sollten sich Anleger in diesem Umfeld positionieren?

Wittek: Wir favorisieren eine sehr breite Aufstellung in den Anlageklassen.

Pfingsten: Diversifiziert und breit aufstellen, Emerging Markets, Gold und US-Dollar beimischen und investiert bleiben.

Kretschmann: In so einem Umfeld wirken Qualität, Bilanzstärke, Preissetzungsmacht, defensive Sektoren, etwas Energie, etwas Gold und ausreichend Liquidität.

Rumpf: Wir bleiben bei einer klaren Ausrichtung auf global diversifizierte Aktienportfolios mit Fokus auf Qualität und strukturelles Wachstum. Rücksetzer sehen wir eher als Opportunität.

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Quelle: ntv.de