

Sommer 2018: BASF, das größte Chemieunternehmen der Welt, kündigt die größte Einzelinvestition seiner Geschichte an. Für bis zu zehn Milliarden Euro will der Konzern einen neuen Standort aus dem Boden stampfen, und zwar auf dem größten Chemiemarkt der Welt, in China. Wahrlich ein Megaprojekt, zudem mit dem Segen der Politik: Als Vorstand und Provinzregierung die Absichtserklärung unterzeichnen, stehen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang einig daneben.
Gerade acht Jahr ist das her. Acht Jahre allerdings, nach denen nichts mehr so ist wie vorher: Die alten Gewissheiten einer regelbasierten Wirtschaftsordnung sind weg.
Preise für Chemikalien im Keller
Jetzt wird der Standort offiziell eröffnet. Im Zeitplan und im Budget ist er geblieben, finanziert von einheimischen Banken, ausgerichtet auf den chinesischen Markt. Die Region Guangdong um die Anlagen in der Hafenstadt Zhangjiang sei der Wachstumsmotor Chinas – und die Wirtschaftsleistung so groß wie die von ganz Südkorea, heißt es aus dem Konzern. Und doch ist die Euphorie dahin. Die Märkte spielen nicht mit, schlimmer noch: Der politische Haussegen hängt schief.
China ist zwar der einzige relevante Chemiemarkt auf der Welt, der wächst. Die Produktionskapazitäten im Land sind aber noch schneller gestiegen. Die Preise für Chemikalien sind im Keller, kaum ein Chemieunternehmen verdient Geld. Die heimische Bauwirtschaft lahmt – neben der Autoindustrie einer der wichtigsten Großkunden der Chemie.
Vor allem aber hat sich der politische Wind gedreht. Zwischen Plan und Fertigstellung ist die alte regelbasierte Weltordnung verpufft. Corona, der russische Überfall auf die Ukraine, der Aufstieg des flatterhaften amerikanischen Präsidenten und die erpresserischen Lieferstopps der Chinesen mit seltenen Erden haben die globale Wirtschaft erschüttert. Der neue Standort wird nicht mehr als Ausdruck von Stärke wahrgenommen, sondern als eine Form von Abhängigkeit, Risiko, fast Dummheit. China ist nicht mehr nur der größte Markt für Chemikalien auf der Welt, sondern vor allem ein Risiko.
Wahr ist: Die ursprünglichen Pläne gehen nicht auf. Konzernchef Markus Kamieth sagt, der Standort werde erst vom nächsten Jahr an Geld verdienen, am Ziel eines Ergebnisbeitrags von einer Milliarde Euro hält er aber fest. Zum Vergleich: Aktuell erwirtschaftet der ertragsgeschwächte Konzern ein operatives Ergebnis von 6,6 Milliarden Euro.
Streit im Vorstand
Dass es für Ränkespiele im Vorstand herhalten musste, hat dem Großprojekt ebenfalls geschadet: Die als Vorstandschefin gehandelte, dann aus dem Vorstand ausgeschiedene Saori Dubourg hat die Investition mehr oder weniger als Ausverkauf von Wissen an China kritisiert. Bislang gibt es dafür noch keine Anzeichen, das ist von außen aber auch kaum zu beurteilen. In jedem Fall sind die Zweifel an dem Projekt damit weiter gewachsen. Zudem zeichnet nicht nur der Boulevard das Zerrbild der Verlagerung: In Ludwigshafen wird gespart und dichtgemacht, in China investiert. Beides stimmt, hat aber nur bedingt miteinander zu tun. Der Standort in Ludwigshafen leidet wie die gesamte chemische Industrie in Europa unter den schrumpfenden Chemiemärkten und der schleichenden Deindustrialisierung. Daran ändert der neue Standort nichts.
China ist nicht nur der mit Abstand größte Chemikalienmarkt der Welt. Er war 2025 der einzige, der relevant gewachsen ist, und er soll weiter stark wachsen. Dazu eine Zahl: In China, auch der größte Automarkt der Welt, nahm die Autoproduktion im vergangenen Jahr um gut zehn Prozent zu. In der EU und in Nordamerika ging sie jeweils um ein Prozent zurück. Irgendwo müsse das Geld doch herkommen, um den grünen Umbau in Europa zu finanzieren, hatte der frühere BASF-Chef Brudermüller schon bei der Vorstellung der Pläne gesagt.
Ohne Frage bleibt die Investition riskant, schon deshalb, weil der Standort eben noch kein Geld verdient. Und niemand weiß, wann die Nachfrage wieder so anzieht, dass die Werke brummen. Auch nicht, ob China in der Auseinandersetzung mit dem Westen noch häufiger die industriepolitische Karte zückt, gar einen Krieg gegen Taiwan beginnt, am Ende den Standort enteignet.
Solche Horrorszenarien haben heute Konjunktur, Chancen werden kaum noch registriert. Dabei sollte man nicht vergessen: Wäre die deutsche Wirtschaft auf den europäischen Markt begrenzt, wären die Aussichten des deutschen Wirtschaftsmodells düsterer. Wie gesagt: China ist der größte Chemikalienmarkt der Welt.
