Ski: Emma Aicher verpasst Gesamtweltcup hinter Mikaela Shiffrin

Am Ende flossen wieder einmal Tränen. Nicht bei Emma Aicher, die wusste, dass schon etwas Außergewöhnliches hätte passieren müssen in diesem Riesenslalom von Hafjell in Norwegen. Außerdem ist sie keine, die nahe am Wasser gebaut ist. Es war Mikaela Shiffrin, die weinend neben ihrem Verlobten Aleksander Aamodt Kilde im Zielraum stand, als klar war, dass sie zum sechsten Mal den Gesamtweltcup der Skirennläuferinnen gewonnen hat.

Sie habe „ein ganz komisches Gefühl“ gehabt vor diesem letzten Saisonrennen. „Es war alles zu gut, um wahr zu sein“, sagte die US-Amerikanerin im ZDF-Interview. Denn Aicher hätte schon gewinnen müssen, und zusätzlich sie selbst keine Weltcuppunkte holen dürfen, also nicht unter den besten 15 Starterinnen landen.

„Cool, dass ich bis zum Ende ein bisschen mithalten konnte“

Und dann gelang Aicher der beste Riesenslalom-Durchgang ihrer Karriere, als Dritte lag sie nur knapp hinter der Schnellsten, hatte also tatsächlich noch Chancen auf den Sieg – und Shiffrin patzte, war nur 17. Aber dann fügte sich doch wieder alles, der besten Skirennläuferin der vergangenen Jahre gelang ein solider zweiter Lauf, sie rückte ein paar Plätze nach vorne, in die Punkteränge.

Und Aicher? Der unterlief ein schwerer Fehler, sie wurde am Ende Zwölfte. Aber das war in diesem Moment schon egal, weil da bereits feststand, dass sie Shiffrin nicht mehr überholen konnte. 87 Punkte betrug am Ende ihr Rückstand in der Gesamtwertung. „Ich bin trotzdem sehr zufrieden mit meiner Saison. Es ist schon cool, dass ich bis zum Ende ein bisschen mithalten konnte“, sagte Aicher.

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Für die Zweiundzwanzigjährige mag nicht alles ganz perfekt gewesen sein in dieser Saison, aber wann ist das schon der Fall? Ihre Saison war großartig, so großartig wie nur wenige erwartet hatten. In Abfahrt, Super-G und Slalom stand Aicher mehr als einmal auf dem Podium, und nun am Saisonende hat sie auch im Riesenslalom, ihrer bisher schwächsten Disziplin, bewiesen, dass sie vorne mitmischen kann. Auch körperlich zeigt sie trotz ihres Mammutprogramms als Allesfahrerin keine Ermüdungserscheinungen.

Dass sie irgendwann den Gesamtweltcup gewinnen wird, vielleicht schon kommende Saison, wenn sie verletzungsfrei bleibt, steht außer Zweifel. Denn Aicher will sich stets verbessern, Stillstand ist für sie wie Rückschritt. „Die Arbeit zahlt sich aus“, hat sie am Ende des Winters erkannt. Aber wie groß ist ihr Verbesserungspotential noch?

In neun Super-G-Rennen schied sie viermal aus

Cheftrainer Andreas Puelacher sagt, es gebe noch einiges zu tun. Vor dieser Saison hatte er mit ihr an der Dynamik im Riesenslalom und Slalom gearbeitet, ganz zufrieden ist er damit noch immer nicht. Das wird ebenso wieder auf der To-Do-Liste für die Vorbereitung im Herbst stehen wie die Verbesserung der Ausfallquote. Vor allem im Super-G hat Aicher in dieser Saison viele Punkte verschenkt, weil ihr einige unnötige Fehler mit großen Folgen unterlaufen waren. Eine Kuppe übersehen, eine Kurve falsch angefahren – und schon war das Rennen vorbei.

In den neun Super-G-Rennen in diesem Winter, inklusive der Olympischen Spiele im Februar in Cortina d’Ampezzo, schied sie viermal aus. Das war wahrscheinlich im Kampf um den Gesamtweltcup ausschlaggebender als das Hundertstel-Pech, das sie in den vergangenen Wochen hatte.

Der Super-G ist jene Disziplin, in der es mehr noch als in den anderen auf Erfahrung ankommt. Jetzt ist Aicher mit ihren mehr als 130 Weltcup-Rennen längst kein Grünschnabel mehr, aber sie ist die Jüngste, die da vorne mitmischt.

Sofia Goggia, die Saison-Beste in dieser Disziplin, ist über 30. Weil es im Super-G keine Trainingsläufe gibt, in denen die Athletinnen ein Gefühl für die Klippen, die eine Strecke birgt, bekommen, ist eine gute Besichtigung wichtig. Die zweimalige Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen gehört zu den Athletinnen, die am schnellsten durch den Kurs rutschen, und da fand zuletzt ZDF-Experte Marco Büchel, könnte sie sich ruhig mehr Zeit lassen. Sie solle sich die schwierigen Stellen lieber dreimal anschauen, riet er Aicher. Vermutlich bekommt sie auch das schnell in den Griff. Wie fast alles, was sie beim Skifahren anpackt.